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Natascha Schröder-Cordes und Pfarrer Thomas Sinning vor der Gedenkplakette am Südbahnhof.

Andenken in Dreikönigsgemeinde

Erinnerung an Deportation der Sachsenhäuser Juden

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Mit einer Gedenkveranstaltung erinnert die evangelische Dreikönigsgemeinde am 9. November an die ersten Juden, die schon nach der Pogromnacht 1938 verschleppt wurden. Doch die Plakette am Südbahnhof wird in der Öffentlichkeit zu wenig wahrgenommen.

Schon drei Jahre vor der ersten großen Deportation ins Ghetto Lodz am 19. Oktober 1941 wurden jüdische Bürger verhaftet, teilweise brutal zum Südbahnhof getrieben und nach Buchenwald und Dachau abtransportiert. Da diese ersten Verschleppungen im unmittelbaren Umfeld der Reichspogromnacht 1938 nur eine vorübergehende Inhaftierung zur Abschreckung und Vertreibung zum Ziel hatten, konnten einige wenige Opfer wie Julius Meyer diese Torturen überleben: Meyer emigrierte 1939 nach England und hinterließ seine Erlebnisse als Zeitzeugnis.

An das Schicksal der insgesamt 3155 jüdischen Männer, die in den Tagen nach der Pogromnacht deportiert wurden, erinnert eine Plakette , die der Ortsbeirat 5 im Jahr 2011 am Hauptportal des Südbahnhofs anbringen ließ. „Bis dahin sind viele Diskussionen und ein Magistratsbeschluss notwendig gewesen. Im Alltag findet die Gedenktafel kaum, wenn nicht gar keine Beachtung“, stellt Corinna Engel von der Gedenkgruppe der Dreikönigsgemeinde fest, die jedes Jahr am 9. November mit einer Andacht an diese erste Verschleppungswelle erinnert. Im Alltag des Geschehens vor dem Südbahnhof mit seinem Wochenmarkt dienstags und freitags werde die Plakette jedoch von Passanten zu leicht übersehen.

Dass die Plakette in der Anordnung der Marktstände weniger gut zur Geltung komme, sei aus Platzgründen nicht zu ändern, beteuern die Beschicker. „In der dunklen Jahreszeit wäre es natürlich auch schön, wenn man die Plakette beleuchten könnte“, findet Thomas Sinning, Pfarrer der Dreikönigsgemeinde.“ „In beiden Punkten sollte man mit einem Antrag im Ortsbeirat nochmal nachlegen“, findet das ehemalige SPD-Mitglied Petra Gerland.

Doch bis dahin muss sich die Dreikönigsgemeinde mit eigenem Licht behelfen: So wird zur Andacht der Platz um die Gedenktafel für rund 30 Teilnehmer stilvoll mit Kerzen illuminiert. Und wenn Gemeindemitglied Hartmut Schmidt das Zeitzeugnis von Julius Meyer verliest, wird er zusätzlich eine Taschenlampe zur Hand nehmen.

„Da stehen dicht gedrängt Scharen von Menschen, um zuzusehen. Kopf und Nerven zusammengenommen!“, erinnert der Zeitzeuge Julius Meyer. Wurde er von den Polizeibeamten eher noch „freundlich in Empfang genommen“, so wurden andere Festgenommene bereits auf dem Weg zum Südbahnhof mit Stöcken und Schirmen blutig geprügelt.

Der Zug von Meyer und weiteren 338 Verhafteten fuhr zum KZ Buchenwald in der Nähe von Weimar. Etwa zehn Tage nach dem 10. November begannen die ersten Entlassungen. Verwiesen wird auch auf den Überlebenden Ephraim Franz Wagner, der eine Einwanderungserlaubnis nach Palästina erhalten hatten, jedoch eidesstattlich erklären musste, dass die Inhaftierten gut behandelt worden waren.

„Die Deportationen verbreiteten

Angst und Schrecken

und dienten der Vertreibung aus Deutschland“, ist auf der Gedenktafel zu lesen. Denn noch waren weitere Schritte wie die Internierung in Ghettos und die Ermordung in Vernichtungslagern nicht beschlossen.

„Wir haben unsere Gedenkgruppe 2010 ins Leben gerufen, zunächst haben wir unsere Andachten in der Dreikönigskirche abgehalten“, sagt die Gemeindepädagogin Natascha Schröder-Cordes. Doch ein öffentlicher Gedenkort sei natürlich geeigneter, um das Gedenken an diese ersten Transporte wachzuhalten, die bereits 61 Tote forderten. „Wir hatten damals mit dem Kulturamt einen Ortstermin und haben die Stelle vor dem Gebäude ausgesucht“, erinnert sich die SPD-Ortsbeirätin Rosita Jany. Das sei allerdings nicht an einem Markttag geschehen.

„Aber es bleiben schon manche stehen und beschäftigen sich mit dem Text“, findet die Beschickerin Sabine Exner. Viel gesprochen werde darüber jedoch nicht. Was jedoch nach der Meinung eines Kollegen nicht mit einer Ignorierung gleichzusetzen sei. „Das ist dann wohl eher ein stilles Gedenken“, meint er.

Die Andacht auf dem Diesterwegplatz vor dem Südbahnhof beginnt am Mittwoch, 9. November, 18.30 Uhr.

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