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Nachdem die Patienten auf den Stationen ein Bett bekommen haben, kann die medizinische Versorgung starten.

Im Ernstfall sitzt jeder Handgriff

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Katastropheneinsatz im Rotkreuz-Krankenhaus: Bei einem Unfall mit Chemikalien sind 14 Menschen schwer verletzt worden. Was sich nach einem drastischen Ernstfall anhört, war aber nur eine großangelegte Übung.

Um 12.30 Uhr rattert am Empfang des Rotkreuz-Krankenhauses das Faxgerät: Beim Versuch, im Frankfurter Zoo ein Säurefass zu transportieren, verursachte ein Auszubildender einen Unfall. 14 Menschen werden zum Teil schwer verletzt, heißt es in der Nachricht. Die Leitstelle der Feuerwehr und Rettungsdienste löst im Rotkreuz-Krankenhaus in der Königswarter Straße Katastrophenalarm aus.

Kaum eine Minute später klingelt das Handy von Frank Dietzer. Der Katastrophenmanager bleibt gelassen, denn er weiß, was jetzt kommt. Dietzer hat das Szenario erfunden und die nun folgende Großübung organisiert. Die restliche Belegschaft allerdings muss an den Ernstfall glauben – und entsprechend handeln. Jedes Rädchen muss ins andere greifen, der Ablauf koordiniert werden. Es geht um Leben und Tod.

Eine Durchsage lautet: „Externes Ereignis M. A. N. V. Leiten Sie die Maßnahmen ein“. M. A. N. V. heißt „Massenanfall von Verletzten“, die Einsatzleitung spricht von einer „C-Lage“: Ein Unfall mit bislang undefinierten Chemikalien. Innerhalb weniger Augenblicke strömen von überall Menschen in weißen Kitteln herbei, versammeln sich vor dem Eingang. Westen werden verteilt, auf denen KO-Arzt, KO-Pflege, Bote oder Triage steht. KO ist die Kurzform von „Katastrophenorganisation“; Boten bringen Betten, Rollstühle oder Verbandsmaterial, die Triage sorgt für Sichtung, Einteilung und Priorisierung der Patienten.

Dass der Unfall verheerend war, zeigen die schwerwiegenden Verletzungen: Etwa 15 Minuten nach dem Alarm werden erste blutverschmierte Opfer angeliefert, die vor Schmerzen ihr Gesicht verzerren. Brandblasen und Verätzungen überziehen deren Arme, Beine und Schultern. Maskenbildner haben ganze Arbeit geleistet und Pflege-Azubis des Rotkreuz-Krankenhauses mit Schminke und Farbe in täuschend echt wirkende Schwerverletzte verwandelt.

Bevor sie allerdings in der Klinik versorgt werden können, müssen sie jedoch von den Chemikalien dekontaminiert werden. In einem aufblasbaren Zelt, dessen Aufbau kaum 60 Sekunden dauert, duschen Ärzte in blauen Schutzanzügen die Opfer mit warmem Wasser ab. Das verhindert, dass sich die Chemikalie im Krankenhaus verteilt und andere Menschen gefährdet.

In der Eingangshalle wimmelt es nun vor Menschen, unter die Ärzte und Pfleger mischen sich unabhängige Beobachter aus dem Gesundheitsamt, anderen Krankenhäusern und der chemischen Industrie. „So ein Unfall könnte auch bei uns passieren. Oder wir könnten um fachlichen Rat gebeten werden“, erklärt Bernd Herber von der Firma Infraserv, die im Industriepark Höchst sitzt. „Dann wollen wir kompetent antworten. Auch nach 41 Jahren im Beruf gibt es Dinge, die man noch nicht kennt.“ Derselben Meinung ist auch Peter-Friedrich Petersen, Chefarzt der Notaufnahme im Höchster Krankenhaus: „Man ist nie zu alt, um etwas zu lernen, auch wenn man noch so erfahren ist. Außerdem kann ich beobachten und Feedback geben, was es zu verbessern gilt“, sagt er. Derartige Übungen und Erkenntnisse seien wichtig für alle Krankenhäuser, weil es „selten die eine Lösung für alles gibt“.

Wie sehr Petersen Recht behält, zeigt sich kurz darauf: Mehrere Verletzte nutzten andere Eingänge und stehen plötzlich wimmernd auf den Gängen, schreien um Hilfe und kontaminieren das Krankenhaus. Für einen Moment droht Hektik auszubrechen. Die Verletzten werden aber kurzerhand in den nahen „roten Bereich“ gebracht, wo Ärzte eigentlich die Schutzanzüge ankleiden, dann herrscht wieder Ordnung. „Im Ernstfall, etwa bei Kontamination durch radioaktiven Staub, wäre dies natürlich eine Katastrophe“, mahnt Petersen. „Es ist ein Fehler, dass die anderen Eingänge noch nicht abgesperrt waren. Aber es ist konsequent, den ohnehin kontaminierten Bereich nun für Schwerverletzte zu benutzen.“

Nach gut einer Stunde sind alle Opfer versorgt und die 80 Beteiligten mit dem Ergebnis der Großübung sehr zufrieden. Der 45-seitige Einsatzplan sei zügig eingehalten worden, alle Mitarbeiter motiviert gewesen, lobt Dietzer.

Die Fehlerkette, die an unbewachten Eingängen begann, bewertet Petersen allerdings äußerst positiv: „Das ist der absolute Lerneffekt. Im Ernstfall macht es nicht nur dieses Krankenhaus besser, sondern sicher auch mehrere andere,“ meint Petersen abschließend sehr optimistisch.

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