Viele Touristen, zu wenige Kunden

Neue Frankfurter Altstadt: Das erste Geschäft macht bereits dicht

Nur vier Monate nach der offiziellen Einweihung der neuen Altstadt wirft der erste Laden schon das Handtuch: die Dessous-Boutique Marie Antoinette. Andere Geschäfte in dem Renommier-Quartier sind noch nicht einmal belegt.

Der Laden ist schwer zu finden. In einer schmalen Seitengasse zwischen Hühnermarkt und Braubachstraße sitzt Bettina Paul ratlos in ihrer „Dessous-Boutique Marie Antoinette“. Sieben Monate nach der Eröffnung Anfang August gibt das erste Geschäft in der neuen Frankfurter Altstadt wieder auf. „Dass so komplett die Kunden wegbleiben, war für mich nicht vorhersehbar“, klagt die 56-Jährige.

Ihre zentrale Kritik an dem neuen Quartier zwischen Dom und Römer: „Es gibt zu viele Touristen und zu wenig normale Kunden aus Frankfurt.“ Die Touristen bewegten sich hauptsächlich in Gruppen durchs Viertel, blieben aber kaum stehen, um zu kaufen.

Neue Altstadt Frankfurt: Falsches Angebot

Diese Einschätzung teilt auch Joachim Stoll, der Vorsitzende des Einzelhandelsverbandes Frankfurt. „Der normale Frankfurter geht nicht in die Altstadt“, das Viertel sei „ein touristischer Ort“. Hochwertige Dessous, wie sie Paul biete, stellten aber nun mal kein touristisches Angebot dar.

Im Übrigen liege der Laden „an einer Stelle, wo eh keiner geht.“ Nach Ansicht Stolls könne man anstelle der Dessous-Boutique „einen Chinesen reinholen, der würde laufen“.

Die Kritik der Ladeninhaberin geht aber weiter. „Bis Mitte Dezember erstickten wir hier in Staub; Gerüste und Baubuden verschandelten den Zugang.“ An Weihnachten sei die neue Altstadt in Frankfurt „weder beleuchtet noch geschmückt“ gewesen, „das Ganze sah aus wie ein großes schwarzes Loch“. Auch jetzt im Februar gebe es noch „keine Beschilderung“. Ein Bauzaun und Dixi-Klos an der Braubachstraße schreckten Käufer ab.

Mehr als 40 000 Euro habe sie in den Innenausbau ihres Ladens stecken müssen, denn er sei nur im Rohbau übergeben worden. Lediglich zwei Monate am Anfang habe ihr die städtische Dom-Römer-GmbH Mietfreiheit gewährt.

„Wie anders handelte doch mein letzter Vermieter im Maro-Opernquartier: Wir erhielten Läden mit Fußböden, Elektrizität und Beleuchtung, und wir bezahlten zwei Jahre lang keine Miete.“ Jetzt, so beklagt Paul, sitze sie auf einem Schuldenberg in gut fünfstelliger Höhe.

Der Rekonstruktion der neuen Altstadt hat rund 200 Millionen Euro gekostet. So bewerten Experten die neue Altstadt. Bei dem Projekt handelt es sich um ein einzigartiges Experiment.

Rekonstruktion der neuen Altstadt in Frankfurt war sehr teuer

Ihre Miete von 1630 Euro für 39 Quadratmeter Laden und 29 Quadratmeter Lager nennt die Geschäftsfrau selbst „okay“. Daran sei sie nicht gescheitert.

Michael Guntersdorf, der Geschäftsführer der Dom-Römer-GmbH, reagiert mit Verdruss auf die Vorwürfe. Tatsächlich habe Paul schon vier Monate keine Miete mehr bezahlt. „Wir hätten sie schon lange kündigen können.“ Er widerspricht der Einschätzung des Einzelhandelsverbandes, kein normaler Frankfurter besuche die Altstadt. „Das ist definitiv nicht so“, jeden Tag begegne er im Quartier vielen Besuchern aus Frankfurt.

Guntersdorf gibt allerdings zu: „Die Frage ist, wie viel der Frankfurter in der Altstadt kauft.“ Das sei von der Dom-Römer-GmbH noch nicht untersucht worden. Auch dass Weihnachtsschmuck und -beleuchtung in der Altstadt gefehlt hätten, räumt Guntersdorf ein. „Das wird aber in diesem Jahr definitiv anders sein.“

Joachim Stoll, der Chef des Einzelhandelsverbandes, hält es für realistisch, dass noch weitere Ladeninhaber in der neuen Altstadt aufgeben werden. Das glaubt auch Geschäftsführer Guntersdorf von der Dom-Römer-GmbH. „Wir haben erwartet, dass 30 Prozent scheitern.“ Ein Grund sei, dass die Braubachstraße als Einzelhandels-Standort insgesamt „nicht der Renner“ sei. Das werde sich aber nach und nach ändern.

Frankfurter neue Altstadt: Mehr Management

Der Einzelhandelsverband rät den Geschäftsleuten in der neuen Altstadt dringend, einen Gewerbeverein zu gründen und gemeinsam ihre Interessen zu vertreten. Stoll fordert die Dom-Römer-GmbH außerdem auf, „ein Quartiersmanagement zu betreiben und die Leerstände in der Altstadt zu reduzieren“. Tatsächlich sind in etlichen der 35 Häuser des neuen Quartiers die Läden noch immer nicht belegt. Am 9. Mai 2018, also vor neun Monaten, hatte Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) die Bauzäune geöffnet und das neue Viertel auf diese Weise offiziell für die Allgemeinheit freigegeben.

Ende September folgte dann ein großes drei Tage währendes Altstadtfest, zu dem rund 300 000 Menschen kamen und sich die Stadt selber feierte.

Die neue Altstadt – offenbar nicht für alle Frankfurter eine Erfolgsgeschichte.

von CLAUS-JÜRGEN GÖPFERT

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