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Erster Jet hat abgehoben: Endlich wieder nach Amerika

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Von: Julian Dorn

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Amerika-Feeling an Gate Z54: Für die Passagiere gab es kleine Fähnchen. FOTO: Sebastian Gollnow/dpa
Amerika-Feeling an Gate Z54: Für die Passagiere gab es kleine Fähnchen. © dpa

Zum ersten Mal nach 20 Monaten hat sich wieder ein Lufthansa-Jet mit EU-Bürgern auf den Weg in die USA gemacht.

Frankfurt - Frank Dunz hat diese Runde in seiner Laufbahn schon hunderte Male gedreht. Doch dieser Outside-Check von LH 400, einem Airbus A340-300, ist auch für den Routinier nicht alltäglich. Gar von einem „bedeutsamen Tag“ spricht der Lufthansa-Kapitän. Der Pilot mit seiner Uniform in Lufthansa-Blau, den goldenen Streifen an den Ärmeln und der Pilotenmütze mit der goldenen Kranich-Spange läuft seinen Flieger ab und inspiziert dabei erst die Reifen. Sein prüfender Blick schweift dann über die Tragflächen, den Flugzeugrumpf bis zum Höhen- und Seitenleitwerk. Gibt es dort Dellen oder Lackrisse? Schließlich sind die Triebwerke dran: Sind die Schaufeln intakt? Läuft irgendwo Hydrauliköl aus?

Das Standardprozedere für den Piloten mit 25 Jahren Flugerfahrung wird zu etwas Besonderem, weil es endlich wieder in die Vereinigten Staaten geht. Nach 20 Monaten. Kapitän Dunz darf nun wieder mit einer ausgebuchten Maschine zum John-F.-Kennedy-Airport nach New York aufbrechen – und zwar mit geimpften und zusätzlich getesteten EU-Bürgern.

Mehr als eineinhalb Jahre lang trennten die Reisebeschränkungen Familien, Liebespaare und Freunde. Geschäftsleute konnten plötzlich nicht mehr einfach in die USA reisen. Seit dem 8. November gilt das coronabedingte Einreiseverbot für Europäer nicht mehr.

Erleichterung in der Branche

„Ich freue mich tierisch“, meint der Pilot. Zwar hat Dunz auch in den vergangenen fast zwei Jahren Destinationen jenseits des Großen Teichs angesteuert, an Bord der oft bloß halbvollen Jets waren aber nur US-Bürger, Diplomaten, Türken, Araber und Israelis, für die der Einreise-Bann nicht galt. „Es ist ein tolles Gefühl, endlich wieder EU-Bürger zu fliegen, in einer fast vollen Maschine“, sagt Dunz. „Es fühlt sich fast wie früher an.“ Diese Rückkehr zur Normalität hat sich auch die Luftfahrtbranche herbeigesehnt. Mit dem Stichtag soll nun die seit März 2020 andauernde Corona-Flaute endlich enden.

Die Erleichterung bei Klaus Froese, der den Lufthansa-Flugbetrieb in Frankfurt verantwortet, ist denn auch mit den Händen greifbar. An Gate Z54 stellt er sich den Fragen der zahlreichen Pressevertreter, die zum Neustart gekommen sind. „Die USA sind nicht irgendein Verkehrsgebiet“, macht Froese deutlich. Der Nordatlantik-Markt sei das „Brot- und Butter-Geschäft“ der Lufthansa. Im Vorkrisenjahr 2019 beförderten die Netzwerk-Airlines der Lufthansa gut 12,3 Millionen Passagiere im Verkehrsgebiet Amerika. Die Erlöse betrugen 7,1 Milliarden Euro, ein Drittel des gesamten Verkehrsumsatzes.

Nirgendwo verkaufte der Konzern zudem mehr Sitzkilometer (95 Milliarden) bei einer gleichzeitig sehr hohen Auslastung der Flugzeuge von 85,5 Prozent. Mit einer „Special-Task-Force“ habe sich der Kranich-Konzern monatelang auf diesen Neustart und den erwarteten Ansturm vorbereitet, so Froese.

40 Prozent Buchungs-Zuwachs in wenigen Stunden

Und tatsächlich: Schon Stunden, nachdem bekannt wurde, dass der noch unter Donald Trumps Ägide beschlossene Einreise-Bann im November enden soll, hätte die Lufthansa einen Zuwachs von 40 Prozent bei den Vorausbuchungen verzeichnet, bilanziert Lufthansa-Pressesprecher Thomas Jachnow. Mittlerweile habe die Airline 80 Prozent der Auslastung des Vorkrisen-Niveaus erreicht. „Wir sehen einen enormen Nachholbedarf bei Privatreisen, und auch die Firmen werden ihre Leute wieder in die USA schicken, um die dortigen Kunden nicht zu verlieren“, glaubt Jachnow.

Im Winter 2021/2022 sollen Lufthansa-Jets wieder zweimal pro Tag in Frankfurt nach New York abheben. Insgesamt fliegt die Airline nun von der Mainmetropole aus wieder zu 18 US-Destinationen mit mehr als 110 wöchentlichen Verbindungen.

Boarding in Frankfurt: "ein herrlicher Moment"

Die Nachfrage macht sich auch am Gate bemerkbar. Noch vor einigen Wochen war der Non-Schengen-Bereich des Terminals 1 weitgehend verwaist. Nun ist das Leben dorthin zurückgekehrt: Fluggäste drängen sich wieder an den Schaltern, die mit kleinen Amerika-Fähnchen geschmückt sind. Vor den beiden Zugängen zu der Fluggastbrücke haben sich meterlange Schlangen gebildet. Reisende rollen ihre Trolleys über die blank polierten Fliesen. Andere sitzen noch im Wartebereich und verfolgen an den großen Panoramafenstern das Treiben auf dem Vorfeld.

Auch Björn und Veronika Müller aus Hildesheim blicken gebannt auf den Airbus, der sie in die Stadt, die laut Sinatra niemals schläft, bringen soll. Das junge Ehepaar fliegt zum zweiten Mal nach New York. Eigentlich sollte es schon im vergangenen November so weit sein. Doch Corona durchkreuzte ihre Reisepläne.

Jetzt heißt es wieder: Auf nach Amerika! „Ein herrlicher Moment“, findet Björn Müller. „Unbeschreiblich“, ergänzt seine Frau Veronika. Das „Gefühl des Eingesperrt-Seins“ sei nun vorbei, meinen sie. Der Check-in für ihren New-York-Flug habe reibungslos funktioniert, sagt das Ehepaar, trotz der zahlreichen Kontrollen und der Bürokratie mit den vielen Nachweisen.

Der hohe Preis war den Müllers egal

Sieben Tage wollen sie nun im Big Apple bleiben. Zuerst geht es in den Madison Square Garden zu einem Eishockey-Turnier, dann mit dem Boot auf den Hudson River und zum Schluss „shoppen, shoppen, shoppen“, sagt Veronika Müller und lacht. Die derzeit wegen der starken Nachfrage und des noch hinterherhinkenden Angebots hohen Ticketpreise haben die Müllers nicht abgeschreckt. Björn Müller meint sogar: „Der Preis war uns mehr oder weniger egal, Hauptsache fliegen.“

Ist denn auch alles ready for take off? Kapitän Dunz hat seinen Rundgang um LH 400 inzwischen abgeschlossen. Eisiger Wind pfeift über das Vorfeld, die Triebwerke dröhnen ohrenbetäubend. „Die Maschine ist startklar“, sagt er zufrieden. Der Kapitän wird an diesem für die Luftfahrtbranche historischen Tag nun gleich mit einer ebenso historischen Flugnummer abheben: Unter LH 400 startete am 8.Juni 1955 der erste Transatlantikflug der Lufthansa. Von Hamburg aus ging es damals mit Zwischenstopps in Düsseldorf, im irischen Shannon und auf Island mit der „Super-Constellation“ des Herstellers Lockheed nach New York. Knapp 20 Stunden dauerte die Reise seinerzeit.

Pilot Dunz braucht mit seinem Airbus A340-300 für die Route nur noch durchschnittlich 8,5 Stunden. In ein paar Minuten geht es die 6206 Kilometer über Irland, den Atlantik, Kanada und Boston in die amerikanische Metropole. Worauf sich der Kapitän am meisten freut, wenn er gelandet ist? „Auf einen Spaziergang am East River und einen Cappuccino in Brooklyn“, antwortet er. „Und natürlich auf den wunderbaren Blick auf die Skyline von Manhattan.“

Mit leichter Verspätung schiebt ein Flugzeugschlepper den Airbus dann vom Terminal zur Rollbahn. Gegen 11 Uhr manövriert Kapitän Dunz LH 400 mit dem Ehepaar Müller und den 273 übrigen Reisehungrigen in Richtung Runway. Als die Europäer wieder nach Amerika aufbrechen, öffnet sich sogar die Wolkendecke, und die Sonne taucht die Maschine kurz in gleißendes Licht. (Julian Dorn)

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