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Erster Weihnachtsmarkt vor Kriegsruinen

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Eigens freigeräumt worden war der Römerberg für den ersten Christkindchesmarkt anno 1946. Es gab viel Unnützes teuer zu kaufen, und wenig Nützliches, hieß es damals. Aber es war allemal besser als nichts.
Eigens freigeräumt worden war der Römerberg für den ersten Christkindchesmarkt anno 1946. Es gab viel Unnützes teuer zu kaufen, und wenig Nützliches, hieß es damals. Aber es war allemal besser als nichts. © Bilder Institut für Stadtgeschi

Vor 75 Jahren gab es einen Neuanfang des Frankfurter Christkindchesmarktes - und viel Sehnsucht nach Wärme.

Nach einem Jahr Pause wegen der Corona-Pandemie findet der Frankfurter Weihnachtsmarkt zurzeit wieder statt, wenn auch in einer abgespeckten Version und unter strengen Auflagen. Doch schon vor 75 Jahren gab es einen Neuanfang: Am 5. Dezember 1946 wurde auf dem Römerberg der erste Weihnachtsmarkt nach dem Zweiten Weltkrieg eröffnet. Der Schauplatz des Christkindchesmarktes, wie die Frankfurter ihren Budenzauber nennen, war 1946 derselbe wie vor dem Krieg. Doch die faszinierende Kulisse, die einmalige Frankfurter Altstadt mit ihren mittelalterlichen Fachwerkhäusern, gab es nach dem Feuersturm vom 22. März 1944 nicht mehr. Auch der einst so prächtige Römer war nur eine ausgebrannte Ruine. Mit Fichtenzweigen unternahmen Bürger den aussichtslosen Versuch, den tristen Trümmern des Rathauses zum Fest ein weihnachtliches Flair zu geben. Das dürftige Angebot der wenigen Buden machte zudem den Mangel offensichtlich.

Monatelange Kälte in zugigen Ruinen

Der Krieg war zwar vorüber, aber der Winter kam erbarmungslos über das geschundene Land und ist als "Hungerwinter 1946/47" mit seinen katastrophalen Folgen in die deutsche Geschichte eingegangen. Viele Menschen waren gesundheitlich angeschlagen und haben die monatelange Kälte in den zugigen Ruinen nicht überlebt. Immer erbarmungsloser schlug die Kälte zu. Züge fielen aus, bei der Gasversorgung gab's Probleme, der Strom wurde stundenweise abgestellt.

Und es gab - eigentlich ganz banale - Dinge, die das Leben zusätzlich erschwerten. So waren die Schuhe der Menschen in einem katastrophalen Zustand und für diesen brutalen Winter völlig ungeeignet. Doch die Schuster bekamen nicht annähernd so viel Leder und Garn, wie sie für die Reparaturen gebraucht hätten. Und so stand Weihnachten 1946 der Sinn der Frankfurter nicht nach Geschenken, sondern nach Lebensmitteln und Kleidung, Holz und Kohle. Längst waren Parkbänke und Fahnenstangen in Öfen verheizt worden, Arbeiterkolonnen schlugen große Teile des Stadtwaldes zu überlebenswichtigem Brennholz. Immerhin gab es für die hungernden Menschen eine Weihnachtssonderzuteilung: Erdnüsse, Gemüsekonserven, Fruchtsaft, Sultaninen und für die Kinder sogar Kakao.

Zur Eröffnung des Weihnachtsmarktes auf dem Römerberg stand vor 75 Jahren ein Christbaum mitten im Gerechtigkeitsbrunnen - an der Stelle, an der den ganzen Krieg über die Justitia die Bombenangriffe überstanden hatte. Nach ihrem Einmarsch in die Stadt bauten die US-Amerikaner 1945 die bronzene Göttin ab und stellten sie als Symbol von Gerechtigkeit und Gesetz vor ihrem ersten Hauptquartier, dem Gebäude der Metallgesellschaft am Reuterweg, auf.

Rechtzeitig zur Weihnachtsfeier am Heiligen Abend 1946 auf dem Römerberg war die Justitia aber wieder da, wo sie hingehört. Das dürfte mit dem prominenten Ehrengast zu tun gehabt haben: Zum festlichen Programm an diesem Nachmittag begrüßte der Frankfurter Oberbürgermeister Walter Kolb (SPD) den amerikanischen Oberkommandierenden in Europa, General Joseph T. McNarney. Kolb hatte wenige Wochen zuvor mit einer spektakulären Presslufthammer-Aktion vor dem Römer die Bürger zur Trümmerbeseitigung aufgerufen und damit als Nebeneffekt den nötigen Platz schaffen lassen für den ersten Christkindchesmarkt seit 1939.

Bei der Weihnachtsfeier sangen Waisenkinder die bewährten Lieder, ein Posaunenchor spielte Besinnliches, die wenigen erhaltenen Kirchenglocken läuteten - kein Vergleich zum Großen Stadtgeläut unserer Tage. Hoffnung lag über dem Römerberg, als die Feier mit dem gemeinsam gesungenen Klassiker "Stille Nacht, heilige Nacht" ausklang.

Blasse Kinder und ein Karussell

Richard Kirn, einstiger Lokalchef der am 15. April 1946 erstmals erschienenen Frankfurter Neuen Presse und die Reporterin Madlen Lorei haben 1962 das Buch "Frankfurt und die drei wilden Jahre" über die ersten Nachkriegsjahre veröffentlicht. Zum Weihnachtsmarkt 1946 heißt es darin: "Voller Erwartung waren die blassen Kinder, voller Erinnerungen die zehn bis fünfzehn Kilo untergewichtigen Eltern, als sie gegen fünf Uhr am Nikolaustag 1946 durch die Trümmerschlucht der Neuen Kräme zum Römerberg hinwandelten. Die Buden zündeten spärliche Lichter an, meist bunt gefärbte sogenannte Hindenburg-Lichter, die der Krieg hinterlassen hatte. Für zehn halbwegs nützliche Dinge gab es tausend unnütze Dinge. Ein billiges, handgemachtes Holzauto kostete acht Mark. Die Sensation des Christkindchesmarktes 1946 waren zwei richtige Puppen. Sie hatten keine großen Kulleraugen und keine seidenen Kleider, aber sie sahen doch beinahe wie die Puppen von früher aus."

Über dem Römerberg lag der Geruch von warmen Würstchen, an einer Hauswand lehnten ein paar dünne Christbäume. In den Buden gab's Füllhalter aus Glas, Ringe aus Nickel und Blech, Parfum in winzigen Fläschchen, bunte Hampelmänner zum Aufhängen, einen Holzdackel mit wackelndem Schwanz - alles zu astronomischen Preisen. Für Glücksgefühle bei den Kindern sorgte ein Karussell. Stolz saßen die Kleinen auf den schaukelnden Holzpferdchen und drehten Runde um Runde.

Trotz alledem gab der Weihnachtsmarkt 1946 ein trauriges Bild ab zwischen Ruinen und Eiseskälte. "Ein Schimmer von Weihnacht" schrieb die FNP zur Eröffnung. "Kahl und dürftig", urteilte ein enttäuschter Besucher. Eine Zeitung veröffentlichte gar ein Weihnachtsmarkt-Foto von 1938 - die bittere Realität des Jahres 1946 war für das Blatt offenbar nicht vorzeigbar.

Die Wünsche der Frankfurter waren nicht die der Vorkriegsjahre. Statt einer weißen Weihnacht ersehnten sie das Frühjahr herbei. Im Krieg hatten die Menschen gelernt, erfinderisch zu sein. Jetzt kreierten sie mit viel Mehl, noch mehr Kartoffeln sowie einer Prise Marzipan eine Art Christstollen. Jürgen Walburg

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