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Beate Thieswald-Schechter schreibt für alle Generationen: "Raupi" trifft den Nerv des Nachwuchses, während die Geschichten aus Ostdeutschland Erwachsene erreichen sollen. Foto: Heike Lyding

Schriftstellerin Beate Thieswald-Schechter

Sie erzählt vom Leben in der DDR

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Was macht man mit Erlebnissen, die man in einer Diktatur erfahren hat, in der man aufgewachsen ist? Beate Thieswald-Schechter hat einen Weg gefunden: sie schreibt diese auf. Daraus entstanden das Kinderbuch „Raupi“ und die Erzählsammlung „Ostdeutsche Geschichten“. Beide Werke enthalten autobiographische Züge und zeigen kleine Wunder aus der ehemaligen DDR.

Sie sei eigentlich schon immer ein Stadtmensch gewesen, sagt Beate Thieswald-Schechter von sich selbst. Aufgewachsen ist die 45-jährige Sozialberaterin aber in einem Dorf in Ostdeutschland. Als Kind träumte sie schon beim wöchentlichen Besuch der Musikschule im nahe gelegenen Weimar davon, nicht in Braunsroda, sondern in einer großen Stadt zu leben. So wie jetzt. Heute wohnt Thieswald-Schechter mit ihrer Familie – einer sechs und einer acht Jahre alten Tochter und ihrem Ehemann – in einem sonnengelb gestrichenen Reihenhaus im Mertonviertel. Hier fühlt sie sich unbeschwert – doch solche perfekten Umstände gab es in ihrem Leben nicht immer.

„Ich bin in einem protestantischen Pfarrhaus in der DDR aufgewachsen und hatte dadurch schwierige Startbedingungen. Das heißt nicht, dass ich keine schöne Kindheit hatte, aber die Diktatur hat das Leben all’ meiner Familienmitglieder geprägt. So wurde mir verboten, das Abitur zu machen“, erzählt Thieswald-Schechter. Sie ist eine schlanke Frau mit schulterlangem Haar, die eine souveräne Ruhe ausstrahlt und Menschen mit einem freundlichen Lächeln begegnet. Ihre Erinnerungen an die Kindheit in der ehemaligen DDR hat sie als Grundlage genutzt, um zwei Bücher zu schreiben: das Kinderbuch „Raupi“ und die Erzählsammlung „Ostdeutsche Geschichten“.

Schriftstellerin zu werden, das sei schon als Kind ihr großer Traum gewesen. Nun hat Thieswald-Schechter diesen verwirklicht. „Freunde wussten, dass ich gern schreibe und immer, wenn ich darauf angesprochen wurde, sagte ich: ,Später einmal, wenn ich mehr Lebenserfahrung habe’“, erinnert sie sich und lächelt. 2011 war dieser Zeitpunkt schließlich gekommen. Sie nahm an einem Online-Kurs für literarisches Schreiben teil und machte sich wenige Monate später ans Werk. Zehn Jahre lebte sie damals bereits mit ihrem Mann in Frankfurt. In die Stadt am Main hatten sich beide auf den ersten Blick verliebt, als sie aus beruflichen Gründen nach einem Wohnort in Hessen suchten. Vor allem wegen ihrer Vielfältigkeit.

Drei Jahre hat die Autorin an den ostdeutschen Geschichten geschrieben. „Sie handeln von meiner Großmutter, meinem Vater und schließlich von mir und spielen jeweils zu Beginn, in der Mitte und am Ende der DDR-Diktatur“, fasst sie zusammen. Ihre Großmutter bricht darin den einzigen Urlaub ihres Lebens ab, weil sie fühlt, dass ihr Mann doch noch aus dem Krieg heimkehren wird. Thieswald-Schechters Vater verweigert später den Wehrdienst für die DDR und muss – wie durch ein Wunder – trotzdem nicht ins Gefängnis.

Die Schriftstellerin floh im Sommer 1989 mit ihrem damaligen Freund und anderen Deutschen während eines Ungarn-Urlaubs über Österreich aus der DDR. „Wir hatten bereits tagelang in westdeutschen Zeitungen gelesen, dass die Bewachung der Grenzen gelockert wurde. Immer wieder hörte man von Flüchtlingen, die es geschafft hatten. Da wollten wir auch in die Freiheit“, erinnert sich Thieswald-Schechter an damals.

Als ein alter Mann ihr in dem Grenzdorf sagte: „Sie schießen nur noch in die Luft“, war für die damals 19-Jährige die Entscheidung gefallen, es zu versuchen. „Während drei aus unserer Gruppe gefasst und zurückgeschickt wurden, schafften ich und mein damaliger Freund es nach Österreich. Das war ein unbeschreibliches Gefühl“, sagt sie. Genau dieses Gefühl ist es, dass sie in ihren Geschichten in Worte gefasst und zu Papier gebracht hat. In Westdeutschland konnte sie schließlich das Abitur nachholen und studieren. Heute arbeitet sie als Familienberaterin bei der Frankfurter Caritas.

Auch das Kinderbuch „Raupi“ dreht sich um eine Episode aus Thieswald-Schechters Leben. Auch diese Geschichte nimmt ein gutes Ende. „Mein kleiner Bruder hatte sein selbstgebasteltes Kuscheltier in einem Interzonenzug vergessen und ich wollte es ihm wiederbringen.“ Also bastelte die damals Zehnjährige ihrem Bruder ein neues Raupen-Kuscheltier und verschickte es als Paket, um die Rückkehr von „Raupi“ glaubhaft zu machen. Dazu schrieb sie eine Geschichte über die Abenteuer des Tierchens, wodurch das heutige Kinderbuch eine Art Rahmenerzählung darüber geworden ist.

„Das Cover und die Bilder im Buch haben meine Töchter gemalt. Außerdem habe ich auch Zeichnungen von deren Mitschülern aus der Schule verwendet, wo ich einen Themennachmittag zur DDR veranstaltet habe“, sagt Thieswald-Schechter. Ihre Erfahrung gerade an jüngere Menschen weiterzugeben liegt der Autorin am Herzen. Inzwischen schreibt sie bereits an einem weiteren Kinderbuch und auch ein Roman liegt schon fast fertig in ihrer Schreibtischschublade.

Beide Bücher sind im Eigenverlag „Tredition“ erschienen. Sie sind gebunden (17,90 Euro), als Taschenbuch (8,95 Euro) oder als E-Book (3,99 Euro) erhältlich. Bestellt werden können sie im Internet unter der Adresse .

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