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Mutter aus Frankfurt über Corona-Schulpolitik: „Es geht nicht, dass wir uns zu Tode stressen“

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Von: Brigitte Degelmann

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Tülay Koçbay leidet unter den Folgen von Corona-Vorgaben. Die Kita ihrer Tochter kann neuerdings erst später am Morgen öffnen, wenn die Lehrerin schon unterrichten muss.
Tülay Koçbay leidet unter den Folgen von Corona-Vorgaben. Die Kita ihrer Tochter kann neuerdings erst später am Morgen öffnen, wenn die Lehrerin schon unterrichten muss. © Michael Faust

Eine Mutter und Lehrerin aus Frankfurt fühlt sich von der Politik im Stich gelassen. Von den Verantwortlichen fordert sie mehr Hilfe.

Frankfurt – Dass diese Mail Probleme nach sich ziehen würde, ahnte Tülay Koçbay schon beim Lesen. So gravierende Probleme, dass sie sich neulich an die Politik im Römer wandte. Geschehen war Folgendes: Mitte Dezember schrieb die Kita ihrer dreijährigen Tochter, dass man die Öffnungszeiten verkürzen müsse. Wegen des Hygienekonzepts des Landes Hessen, das vorschreibt, dass Kinder in geschlossenen Gruppen betreut werden müssen. Statt von 7.30 Uhr bis 17 Uhr, wie bisher, könne man sich vorerst nur noch von 8 bis 15 Uhr um die Kleinen kümmern. Mehr sei aufgrund des Personalmangels nicht möglich.

Für Tülay Koçbay, die mit ihrer Tochter in Sachsenhausen lebt, eine Katastrophe. Denn um 8 Uhr morgens muss die alleinerziehende Mutter bereits vor ihrer Schulklasse in Fechenheim stehen. Die 36-Jährige unterrichtet in der Schule am Mainbogen - acht Kilometer entfernt von der Kita in Sachsenhausen. Bisher, sagt Tülay Koçbay, sei ihr der Spagat zwischen Familie und Vollzeitjob gelungen. Sogar die vergangenen Wochen habe sie mit Hilfe ihres privaten Umfelds noch mühsam überbrücken können. Doch das sei kein Dauerzustand, sagt sie ratlos und zugleich verzweifelt: "Ich weiß einfach nicht mehr, was ich machen soll."

Frankfurt: Politiker reagieren betroffen, mehr nicht

Der Kita macht sie keinen Vorwurf, die ist an die Vorgaben gebunden. Doch vom Bildungsdezernat in Frankfurt und vor allem vom hessischen Sozialministerium fühlt sie sich im Stich gelassen. "Niemand interessiert sich dafür, wie die Umsetzung der Regelungen in Schulen und Kindertagesstätten aussieht, ob diese überhaupt funktioniert", kritisiert sie. "Stattdessen redet man über volle Fußballstadien." Schulen, Kitas und vor allem Familien blieben während der Corona-Pandemie auf der Strecke. "Es geht nicht, dass wir uns von Welle zu Welle zu Tode stressen. Mir graut jetzt schon vor dem Herbst." Stattdessen brauche man endlich familienfreundliche Lösungen, fordert sie - zum Beispiel Notgruppen in den Kitas.

Ihre Nöte schilderte Tülay Koçbay kürzlich bei der Sitzung des Bildungsausschusses im Römer. Über die Reaktionen ist sie enttäuscht: statt konkreter Lösungsvorschläge nur bedauernde Mienen. "Niemand fühlt sich verantwortlich", ärgert sich die 36-Jährige. Auch das hessische Sozialministerium habe sie mittlerweile um Unterstützung, zumindest um ein Gespräch gebeten. Zehn Tage nach ihrer Mail habe sie von dort immer noch keine Antwort erhalten, erzählt sie.

Sozialministerium in Hessen wehrt sich gegen Vorwürfe: Sorgen und Bedürfnisse berücksichtigt

Im Sozialministerium sieht man keine Notwendigkeit dafür, die aktuellen Regeln zu überarbeiten. Die Betreuung von Kindern in festen Gruppen sei eines der effektivsten Mittel gegen die Ausbreitung des Coronavirus in Kitas, betont eine Sprecherin. Anders als bei früheren Wellen könnten Erzieher mittlerweile die Gruppe wechseln, wenn dies organisatorisch nötig sei: "Damit wirkt sich die Betreuung in konstanten Gruppen in geringerem Ausmaß einschränkend auf die angebotenen Betreuungszeiten aus." Das Fazit des Ministeriums: "Mit der zuletzt erlassenen Quarantäne-Regelung haben wir sowohl die Sorgen als auch Bedürfnisse von Eltern und Familien noch stärker berücksichtigt." Wie die landesweiten Vorgaben umgesetzt würden, werde vor Ort entschieden, "denn nur dort besteht Kenntnis über die räumliche und die jeweils aktuelle personelle Situation". Sobald es die Infektionslage erlaube, werde man auch offene und teiloffene Konzepte wieder ermöglichen.

Frankfurts Bildungsdezernentin Sylvia Weber (SPD) wiederum verweist auf die Vorgaben des Ministeriums, die die Betreuung in festen Kitagruppen vorschrieben. Weil die Infektionsraten in den Kitas aber deutlich gesunken seien, habe sie das Land inzwischen aufgefordert, schnellstmöglich wieder offene Gruppen zuzulassen, betont Weber. Denn: "Aufgrund der immer noch angespannten Personalsituation in den Einrichtungen und aufgrund eines immer noch hohen Krankenstandes müssen derzeit häufiger Gruppen geschlossen werden. Dies liegt auch darin begründet, dass offene Konzepte aktuell nicht möglich sind."

Eltern in Corona-Pandemie im Stich gelassen: Dezernentin weist Vorwürfe zurück

Man sei sich bewusst, dass die vergangenen Monate "zu immensen Belastungen der Familien und der Beschäftigten der Betreuungseinrichtungen" geführt hätten, räumt sie ein. Tülay Koçbays Vorwurf, dass Familien und Einrichtungen im Stich gelassen würden, weist Weber zurück. Das Bildungsdezernat habe sich von Anfang an für die Belange der Betroffenen eingesetzt. Es gebe einen kontinuierlichen Austausch mit Elternvertretern und Gewerkschaften. Ein Ergebnis: Im Hinblick auf das aktuelle Hygienekonzept sollen Einrichtungen über Öffnungszeiten frei entscheiden. "Die Betreuungszeiten sollen entsprechend den Bedarfen der Familien und den personellen und räumlichen Möglichkeiten der Einrichtungen vor Ort eingerichtet und gegebenenfalls angepasst werden", so die Bildungsdezernentin. (Brigitte Degelmann)

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