Eine Wohnwagensiedlung
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Leben in einer Wohnwagensiedlung (Symbolbild).

Gespräche

Eschersheim: Wohnwagenlager vor ungewisser Zukunft

  • vonGernot Gottwals
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Integrationsdezernat will jetzt Runden Tisch einrichten. Bleiberecht fraglich.

Frankfurt – Die Corona-Krise verschafft der Wohnwagengemeinschaft in der Bonameser Straße eine Atempause. Derzeit gebe es dort keine juristischen Maßnahmen bei drohenden Kündigungen, erklärt Bewohner Adi Fletterer. Doch rund 100 dort ansässige "ambulante Gewerbetreibender" fürchten weiterhin um ihre Zukunft, da es dort aus Sicht der Stadt kein langfristiges Bleiberecht gibt.

Vor allem das federführende Bau- und Liegenschaftsdezernat macht umwelttechnische und umweltrechtliche Gründe geltend, da man den Bewohnern illegal abgelagerten Müll anlastet und die Wohnnutzung des Geländes ordnungsrechtlich für nicht zulässig hält. Auch ein Runder Tisch, um mit den Bewohnern die Situation zu besprechen, wurde vom Magistrat als nicht zielführend abgelehnt. Doch nun kommt durch das Integrationsdezernat neue Bewegung in die Angelegenheit.

"In dieser Angelegenheit hat das Integrationsdezernat die Federführung", erklärt dessen Sprecher Jan Pasternack mit Verweis auf die erneute Forderung des Ortsbeirats 9, zu Gesprächen mit den Bewohnern zusammenzukommen. "Wir werden selbstverständlich zu einem Runden Tisch einladen." Da man an einem nachhaltigen Erfolg und einer würdevollen Wohnsituation interessiert sei, werde man behutsam vorgehen. Wichtig sei vor allem, das Thema durch geeignete Veranstaltungen wachzuhalten. Ein Rundgang durch die Siedlung im Rahmen der Route der Industriekultur gehört dazu, auch eine virtuelle Ausstellung über die Wohnwagengemeinschaft. Zumal Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) bereits einen sensiblen Umgang mit der Geschichte der Ambulanten Gewerbetreibenden angemahnt hatte, die während der Nazizeit schlimmen Repressalien ausgesetzt waren.

"Bei unserer Ortsbesichtigung während der Route der Industriekultur zeigten sich viele der Teilnehmer solidarisch mit den Bewohnern", freut sich Sonja Keil, zuständig bei der Diakonie Frankfurt und Offenbach für die Gemeinwesensarbeit.

Geschichte und soziale Wirklichkeit

Sie hat die Situation der Bewohner als Kuratorin und Bauchautorin in ihrem Buch "Soziale Wirklichkeit und Geschichte des Wohnwagenplatzes Bonameser Straße in Frankfurt am Main" untersucht und Schrotthändler, Artisten und Schausteller, die große Volksfeste und Zirkusvorstellungen bespielen, haben daran ihren Anteil.

Derzeit leben auf dem Gelände an der Bonameser Straße nahe der Autobahn A661, das heute zum Stadtteil Eschersheim gehört, zwischen 80 und 100 Bewohner in 20 Häuschen und ebenso vielen Wohnwagen, erklärt der Artist und Schrotthändler Adi Fletterer. Nur als langjähriger Pächter und "Haushaltsvorstand" habe man noch ein Bleiberecht mit seiner Familie, im Todesfall würden die Pachtverträge jedoch nicht an Nachkommen übertragen, geschweige denn der Zuzug neuer Bewohner erlaubt. Einzelne Pächter streiten um ihren Verbleib rechtlich mit der ABG Holding, die das Gelände für die Stadt verwaltet.

Denn die Stadt will die Wohnwagengemeinschaft langfristig auflösen, wie sie in einer Stellungnahme im vergangenen Jahr nochmals verdeutlicht hat: Zum einen, weil nach einer umfassenden Bodensanierung im Jahr 2011 dort wiederholt Altreifen, Autowracks und sonstiger Schrott abgelagert wurde und man weitere Umweltbelastungen fürchte. Und zum anderen, weil die Besiedlung gegen das hessische Bodenrecht verstoße, dass das dortige Gebiet als Schutzfläche für Natur und Landwirtschaft ausweist.

Donna Ochs von der SPD im Ortsbeirat 9 hält die bauordnungsrechtlichen Bedenken nur für vorgeschoben, zumal man den Bewohnern keine erneuten Umweltverstöße nachweisen könne und illegal abgelagerter Schrott eher auf "Mülltourismus" zurückgehe.Auf die Frage nach einem Verbleib oder wenigsten mittelfristigen Verbesserungen der Wohnsituation durch einen runden Tisch erklärt sie: "Von Seiten der SPD-geführten Dezernate gibt es keine grundsätzlichen Bedenken." Lothar Stapf (CDU) fordert; "Wir müssen ein Ersatzgelände als Stellplatz finden oder das jetzige Gelände als neues Wohngebiet zusammen mit den Bewohnern planen und dazu in Gesprächen oder Unterschriftenaktionen auch das Bau- und Immobiliendezernat umstimmen", Gernot Gottwals

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