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Ex-Kripobeamter rollt den Fall des Frankfurter Ganoven Friedrich Gürtler wieder auf

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Von: Ute Vetter

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Fred Bauer, Kriminalkommissar a. D. und Autor, beginnt seine spannenden nächtlichen Führungen durch das Alte Polizeipräsidium erst im Innenhof und dann im denkmalgeschützten Treppenhaus des maroden Neo-Barockbaus. FOTO: Enrico Sauda
Fred Bauer, Kriminalkommissar a. D. und Autor, beginnt seine spannenden nächtlichen Führungen durch das Alte Polizeipräsidium erst im Innenhof und dann im denkmalgeschützten Treppenhaus des maroden Neo-Barockbaus. © Sauda

Fred Bauer, der für seine detailreichen Führungen durchs alte Polizeipräsidium bekannt ist, hat ein Buch über die "Karriere" des bekannten Frankfurter Ganoven Friedrich "die Schnut" Gürtler geschrieben.

Frankfurt -Was macht ein Ex-Kripo-Beamter, wenn er absolut nichts mit der Darstellung seiner Arbeit in Filmen oder Romanen anfangen kann? Fred Bauer aus Frankfurt, seit 2017 Kriminalkommissar a. D., seufzt: "Diese TV-Kommissare, die alles falsch und gern allein machen, die sich angeblich mit dem Nachnamen anreden, diese einfältigen Schutzleute, die auf das Abführen warten und nur Staffage sind - das geht gar nicht!" 90 Prozent aller Kriminalfilme oder -romane seien unlogisch, kriminaltaktisch und -technisch falsch. Doch einen Kriminalroman wollte Bauer, der an einer Polizei-Hochschule lehrt, deswegen nicht schreiben.

Die gesamte Akte des Frankfurter Ganoven ist erhalten

Dafür erzählte er irgendwann einem befreundeten Schriftsteller, mit dem er gern ein Bier trinkt, diskutiert und die Leidenschaft fürs Musikmachen und Motorradfahren teilt, von einer dicken Akte, die er von einem damaligen Chef bei der Kripo erhalten hatte. Diese enthielt fast lückenlos den Lebenslauf des Frankfurter Ganoven und Verbrechers alter Schule Friedrich Gürtler (Namen geändert), genannt "Die Schnut". "So eine Akte ist eine Rarität, das ginge heute gar nicht wegen des Datenschutzes", sagt Bauer, zuletzt Leiter einer Spezialeinheit und der Kripo Hanau. Er begann zu recherchieren, wühlte sich durch etliche Archive (auch durch das der Frankfurter Neuen Presse), um das Ganze später zu einem spannenden Buch zusammenzufassen. Es heißt "Friedrich Gürtler - Das Leben eines Frankfurter Ganoven".

Die Frankfurter Kneipe namens "Der Mond von Texas" (oder ähnlich)

Fred Bauer nennt das Werk einen Tatsachenroman, weil er Fakten wie Gerichtsurteile, Presseberichte, Prozessakten, Gefangenenkarten, Gutachten und Material auch aus dem Staatsarchiv Wiesbaden einarbeitete. Immer wieder gibt es Einschübe, in denen er darstellt, wie er mit dem Schriftstellerfreund den Fall und das Buch bespricht. Das tut er durchaus vergnüglich mit dem ihm eigenen trockenen Humor.

Bauer beschreibt den Werdegang des Verbrechers vom Beginn seiner "Karriere" - einem Apfel-Diebstahl als achtjähriger Bub am 15. Juni 1904 - über die Kaiserzeit, die Weimarer Republik, das sogenannte Dritte Reich bis in die Bundesrepublik. Anhand von historischen Quellen zu Gürtlers Leben und realen Frankfurter Kriminalfällen erfährt der Leser vom Leben eines Mannes, der sich vom kleinen Gauner zu einem veritablen Straftäter entwickelt. Und der nach dem Krieg eine Kneipe eröffnete, die er nach seinem inzwischen liebgewonnen Spitznamen "Der Mond von Texas" (in Wirklichkeit "Die Sonne von Mexiko") nannte. Und (fast) alle gingen sie hier ein und aus: der Oberbürgermeister, Rechtsanwälte und Richter, ein Generalkonsul, die Künstlerszene und die Halbwelt. Denn Gürtler führte zu jener Zeit nach außen hin ein fast normales Leben.

Alle Frankfurter Unterweltbosse kommen zur Beerdigung

Gürtler starb am 11. Januar 1967. Seine Beerdigung eine Woche später auf dem Frankfurter Hauptfriedhof war fulminant: Unterweltbosse und die (diskret agierende) Polizei waren da - es gab Verhaftungen und Fahrzeugsicherstellungen im Anschluss. Fred Bauer ("einmal Kripo, immer Kripo") setzt seine Berufskenntnisse aber auch noch anders ein: Er führt nachts durchs verfallene Alte Polizeipräsidium an der Friedrich-Ebert-Allee. Der neobarocke Bau ist ein Hingucker und Schandfleck zugleich, denn er steht seit 2002 leer. Kaputte Jalousien verbergen die Fenster, drinnen hausen Ratten.

Viel war hier nicht los in den vergangenen Jahren. Das Gebäude diente als Filmkulisse für einen TV-Tatort, an den Wochenenden residierte zeitweise ein Tanzclub. Der Club ist schon lange dicht und die Eingangstür mit einer Metallplatte versperrt. Das Land Hessen hat das Areal für rund 212 Millionen Euro verkauft. Bis 2026 sollen dort Wohnungen, Büros und eine Kindertagesstätte entstehen.

Frankfurter "Lost Place" steht kurz vor dem Abriss

Nicht mehr viel Zeit also, diesen mystischen "Lost Place" mit dem Profi Fred Bauer zu erkunden, denn er arbeitete etliche Jahre hier, kennt jeden Winkel. Und erzählt nicht nur vom furchtbaren Gäfgen-Fall, sondern auch Geschichten aus seiner Dienstzeit, Anekdoten und Kriminalgeschichten, die er selbst erlebt oder zumindest aus nächster Nähe miterlebt hat. Die jeweiligen Fälle gibt er häppchenweise und sehr kurzweilig in den entsprechenden Gebäude-Abschnitten wieder. Und zitiert aus seinem Buch einige Passagen, die mit dem Polizeipräsidium eng im Zusammenhang stehen. Man kann es bei der Buchung der Führung dazukaufen.

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