1. Startseite
  2. Frankfurt

Ein Experiment, das sich bewährt hat

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Unterrichtet wird in den historischen Räumen des denkmalgeschützten Philanthropin in der Hebelstraße.
Unterrichtet wird in den historischen Räumen des denkmalgeschützten Philanthropin in der Hebelstraße. © Salome Roessler

Die jüdische Gemeinde Frankfurt war die erste in Deutschland, die nach dem Krieg eine jüdische Schule gründete. Eröffnet wurde die nach dem Rabbiner Isaak Emil Lichtigfeld benannte Einrichtung heute vor 50 Jahren. Eine der ersten Schülerinnen erinnert sich.

Es war keine gewöhnliche Schule, die die kleine Pava Horowitz auf den Tag genau heute vor 50 Jahren mit ihrer Zuckertüte im Arm betrat. Untergebracht im Seitenflügel der Synagoge im Westend war die Lichtigfeldschule die erste jüdische Schule, die nach dem Krieg in Deutschland gegründet wurde. Neben Pava Horowitz, die heute Raibstein heißt, erlebten elf weitere Erstklässler am 18. April 1966 dort ihre Einschulung. 18 weitere Kinder kamen direkt in die zweite Klasse.

Es ist kein Zufall, dass sich die Schule, benannt nach dem damaligen Landesrabbiner Isaak Emil Lichtigfeld, ausgerechnet in Frankfurt gründete. Nicht nur, dass die jüdische Gemeinde in der Mainmetropole mit ihren damals rund 4000 Mitgliedern zu den größten jüdischen Nachkriegsgemeinden in Deutschland zählte. Frankfurt blickte auch auf eine lange Tradition jüdischer Schulbildung zurück: 1804 hatte mit dem Philanthropin (zu deutsch: „Stätte der Menschlichkeit“) in der Hebelstraße die wohl bedeutendste jüdische Bildungseinrichtung mit zeitweise fast 1000 Schülern auf deutschem Boden eröffnet. 1942 wurde sie von den Nazis geschlossen, die verbliebenen Schüler und Lehrer deportiert und die meisten ermordet. 2006 sollte die jüdische Schule ins Philanthropin zurückkehren.

Wie Außerirdische

Doch zunächst einmal begann das „Experiment“ (Lichtigfeld) in den Räumen der Synagoge. Ziel war es, Kindern, die sich in den staatlichen Schulen zum Teil wie Außerirdische fühlten, einen Ort zu bieten, an dem sie sich sicher fühlten. Ein Ort, „an dem der Banknachbar zu Hause die gleichen Bedingungen hatte wie man selbst“, berichtet Alexa Brum, die von 1992 bis 2014 Direktorin der Schule war. „Daheim wurde bei vielen Jiddisch gesprochen. Die Eltern waren schwer traumatisiert. Feiertage und Gebräuche, das Essen – alles war anders.“ Zudem habe es in dieser Zeit noch viele Lehrkräfte an deutschen Schulen gegeben, die in die Nazi-Gräuel verstrickt gewesen waren.

Gegen die Gründung der Schule gab es laut Brum erhebliche Einwände, sowohl bei den Gemeindemitgliedern als auch im Land Hessen. Sollte es überhaupt Konfessionsschulen geben? Und ist es wirklich nötig wegen einiger Religionsstunden, die vom normalen Lehrplan abweichen, eine eigene Schule zu errichten und zu finanzieren? Am Ende setzte sich Rabbiner Lichtigfeld gegen alle Kritiker durch.

Neben den staatlichen Unterrichtsfächern stehen an der Lichtigfeldschule bis heute Neuhebräisch, jüdische Religion und jüdische Geschichte auf dem Stundenplan. Und auch sonst war und ist manches anders als an staatlichen Schulen. „Auch damals schon waren die Fenster vergittert“, erinnert sich Pava Raibstein. Während die Nachbarskinder zu Fuß in ihre Schulen gingen, „wurden wir mit dem Taxi abgeholt.“ Insgesamt aber habe sie sich in der Schule sehr geborgen gefühlt. Pava Raibstein erinnert sich auch, dass mindestens zwei nicht-jüdische Kinder mit ihr eingeschult wurden. So ist es bis heute Tradition. Der Anteil nicht-jüdischer Kinder liegt bei rund 20 Prozent, wie die derzeitige Schulleiterin Noga Hartmann erklärt. „Wir haben unter unseren rund 400 Schülern welche mit christlichem, atheistischem, muslimischem und buddhistischem Hintergrund. Dieser kulturelle Mix ist sehr wichtig für uns. Unsere Schüler sollen ihre Identität finden, aber auch lernen, Staatsbürger der Welt zu sein.“

In den ersten beiden Jahrzehnten nach der Gründung stiegen die Schülerzahlen rasant. Das Gebäude an der Synagoge platzte bald aus allen Nähten, so dass die Schule 1986 ins Gemeindezentrum in der Savignystraße umzog. Die Förderstufe mit den Klassen fünf und sechs wurde dort eingeführt.

An historischer Stätte

Mit dem Zerfall der Sowjetunion Ende der 1980er Jahre und den vielen Familien, die von dort auch nach Frankfurt kamen, zeichnete sich ab, dass die Dimensionen erneut zu gering bemessen waren. 2004 bot die Stadt der Schule schließlich an, in das denkmalgeschützte Gebäude des Philanthropin in der Hebelstraße umzuziehen. Zwei Jahre später konnte die Einrichtung, nun als Ganztagsschule mit Gymnasial-Angebot bis zur neunten Klasse, an historischer Stätte weitermachen. „Die Rückkehr in das Haus bedeutete das Anknüpfen an die bürgerliche und gut integrierte Frankfurter Vorkriegsgemeinde und den Anfang des Entstehens einer neuen Generation deutscher Juden“, sagt Alexa Brum.

Geschätzt wird die Schule unter anderem wegen ihrer familiären Atmosphäre. Die Klassen sind klein, haben maximal 22 Schüler. Das hat seinen Preis. Je nach Jahrgangsstufe zahlen Eltern monatlich zwischen 290 und 410 Euro Schulgeld.

Auch heute noch wächst die Schule, will im Schuljahr 2018/19 mit dem Aufbau einer gymnasialen Oberstufe beginnen. Geplant ist dafür ein Neubau am Gemeindezentrum, in den die Grundschule umziehen soll. Zunächst aber wird das Jubiläum der Schule am 13. Juli gefeiert. Die Gäste, die dann ins Philanthropin kommen, laufen im Eingang an einer Marmortafel vorbei, die an den Rabbiner Lichtigfeld erinnert. „Mein Vater war Steinmetzmeister, er hat sie angefertigt“, erzählt Pava Raibstein.

(pia,epd,stef )

Auch interessant

Kommentare