Rainer Schwebs, Ausbildungsleiter bei der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG).
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Rainer Schwebs, Ausbildungsleiter bei der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG).

Schwimmtauglichkeit

Experte: "Ein Seepferdchen macht noch keinen Schwimmer"

  • Judith Dietermann
    vonJudith Dietermann
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Rainer Schwebs von der DLRG rät zu Kinder-Kursen und will Freibäder im Winter überdachen lassen

Immer weniger Schulkinder können sicher schwimmen. Aufgrund der Corona-Krise und des begrenzten Platzes in den Bädern haben sie noch weniger Möglichkeiten, es zu lernen. Wie gefährlich das ist, was man dagegen tun kann und das ein Seepferdchen kein Freifahrtschein ist, darüber hat Judith Dietermann im Interview mit Rainer Schwebs, Ausbildungsleiter bei der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) Frankfurt, gesprochen.

Herr Schwebs, 60 Prozent der Zehnjährigen sind keine sicheren Schwimmer - das ergab eine Umfrage 2017. Durch die Corona-Krise hatten die Bäder erst gar nicht, jetzt nur eingeschränkt geöffnet. Was bedeutet das für diese ohnehin schon erschreckenden Zahlen?

Nichts Gutes. Sie werden weiter steigen. Das zeigen auch meine Erfahrungen. 2019 hat die DLRG in Frankfurt über 240 Jugend-Schwimmausweise ausgestellt. In diesem Jahr waren es bisher drei. Zwar sind die Schwimmbäder wieder offen, Ausbildungskurse wie vor Corona anbieten können wir aber nicht.

Warum nicht?

Wir brauchen Wasserflächen, Wasserzeiten und Übungsleiter. Hätten wir von alledem ausreichend, könnten wir dem negativen Trend zumindest etwas entgegenwirken.

Was fehlt derzeit am meisten?

Definitiv Wasserflächen und -zeiten. Wir haben elf DLRG-Ortsgruppen, jede Gruppe hat pro Woche zwei bis vier Bahnen pro Stunde. Wir könnten locker zwei Bahnen mehr besetzen. Denn der Bedarf ist definitiv da.

Durch die Corona-Einschränkungen haben Sie aber noch weniger Wasserzeiten...

Ja. Es war gut, dass die Vereine Anfang Juni wieder die Bäder nutzen durften, doch dann öffneten die Freibäder für den normalen Badebetrieb. Die Ortsgruppe Frankfurt-Höchst zum Beispiel hat derzeit nur noch eine Bahn für eine Stunde. Pro Woche. Das ist so gut wie nichts. Für die Ausbildung haben wir da keine Kapazitäten.

Wird der Corona-Jahrgang also ein Nichtschwimmer-Jahrgang?

Das sicher nicht, irgendwann werden wir es vielleicht auffangen können. Aber es macht alles nicht leichter.

Wann spricht man eigentlich von einem nicht sicheren Schwimmer?

Leider wird noch sehr häufig geglaubt, das Seepferdchen sei ein Schwimmabzeichen. Das ist es definitiv nicht. Man kann sich 25 Meter über Wasser halten - mehr schlecht als recht -, in selbiges springen und einen Gegenstand aus schultertiefem Wasser fischen. Mehr nicht. Mit dem Seepferdchen ist man kein sicherer Schwimmer.

Für viele Eltern ist das aber ein Freifahrtschein, die Kinder alleine ins Becken zu lassen...

So wurde es ja in den vergangenen Jahrzehnten auch verkauft. Sogar in den Flyern der Bäderbetriebe Frankfurt wurde geschrieben, dass Kinder mit dem Seepferdchen-Abzeichen ohne Begleitung der Eltern ins Schwimmbad dürfen. Ein sicherer Schwimmer ist man aber definitiv erst mit dem Freischwimmer, dem Bronze-Abzeichen. Das war schon immer die Lehrmeinung der DLRG und wurde jetzt auch in der Prüfungsordnung Schwimmen so festgelegt.

Wofür gibt es das Seepferdchen denn dann überhaupt?

Es ist eine Vorstufe zum Schwimmen, ein Anfängerzeugnis. Mehr aber nicht. Nur mit dem Freischwimmer ist man so sicher, dass man sich im Freibad oder auch in bewachten Freigewässern sicher über Wasser halten kann.

Kinder mit Seepferdchen-Abzeichen sollten also im Kinderbecken bleiben?

Ja. Und auch nur unter Aufsicht.

Warum?

Weil ein Kind schneller ertrinkt, als die Eltern gucken können. Solch ein Vorgang dauert gerade einmal 60 Sekunden und geschieht lautlos. Das hektische Winken und Schreien, das in Filmen gezeigt wird, gibt es nicht. Einmal nicht hingesehen - und schon ist das Kind mit den Gesicht unter Wasser.

Was ist sinnvoller: Dass die Eltern den Kindern das Schwimmen beibringen oder lohnt sich besser der Besuch eines Kurses?

Es ist immer besser, wenn das ein ausgebildeter Übungsleiter macht. Mama oder Papa kennen zwar ihr Kind. Sie sind aber entweder zu streng oder zu lasch. Die Eltern können gute Schwimmer sein, aber die richtigen Schwimmbewegungen zu vermitteln ist doch schwer. Viele Kinder, die zu uns kommen, können schon ein bisschen schwimmen, haben aber dadurch einen Scherenschlag. Das lässt sich nur schwer wieder abtrainieren. Für den Vortrieb ist das nicht schlimm, aber auf Dauer für den gesamten Bewegungsapparat nicht gesund. Deswegen ist es wichtig, von Beginn an richtig schwimmen zu lernen.

Wo sehen Sie die Hauptgründe, dass immer weniger Kinder schwimmen können?

Viele Bäder müssen schließen, vor allem in den ländlichen Regionen. Wir in Frankfurt haben wirklich Glück, es gibt ein Bäderkonzept, es wird neu gebaut und nichts geschlossen. Das was getan wird, ist aber immer noch zu wenig. Wir brauchen mehr Bäder.

Wie soll das funktionieren?

Indem die Freibäder in den Wintermonaten mit einer Traglufthalle überdacht und die Hallenbäder im Sommer nicht geschlossen werden. Letztere könnten dann zumindest von den Vereinen genutzt werden, was auch weniger Personal bindet.

Dann könnten auch mehr Schwimmkurse angeboten werden...

Genau. Wobei ein Schwimmkurs alleine nicht ausreicht. Man sollte nicht damit aufhören, wenn das Kind schwimmen kann.

Warum nicht? Schwimmen verlernt man doch nicht...

Das ist ein Trugschluss. Was man nicht verlernt, sind die Grundzüge. Um ein sicherer Schwimmer zu bleiben, sollte man regelmäßig ein paar Bahnen ziehen. Das Planschen bei einem Freibadbesuch reicht da nicht aus. Ich finde den kostenfreien Eintritt für Kinder- und Jugendliche unter 15 Jahren gut. Er sollte aber auch sinnvoll genutzt werden.

Was passiert denn, wenn man das Schwimmen nicht regelmäßig trainiert?

Dann könnte man irgendwann Probleme bekommen. Vor allem im Freigewässer - im Meer, im See oder in Flüssen. Dort herrschen andere Strömungsverhältnisse, es gibt Algen, Fische und Quallen. Zudem ist das Wasser dort nicht so mollig warm wie in einem Schwimmbad. All' das wird oft unterschätzt. Im Jahr 2019 gab es in Deutschland 417 Menschen, die ertrunken sind. In Hessen waren es 20. Meist sind es junge, alkoholisierte Männer oder Senioren, die sich überschätzen. Aber auch Kinder. Da kann ich nur den Kopf schütteln. Eltern würden ihr Kind niemals an einer Autobahn spielen lassen, lassen es aber im Rhein oder Main schwimmen - mit tausend Gefahrenquellen!

Eine Abkühlung im Main oder im Rhein ist also nicht ratsam?

Auf keinen Fall. In Frankfurt hatten wir in diesem Jahr bis jetzt schon 77 Einsätze - Brückenspringer, versuchte Suizide und Schwimmer im Fahrwasser. Einsätze, die nicht hätten sein müssen, wenn vorher nachgedacht würde über das, was man da tut. Der Main ist kein Freibad.

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