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Leitet die Bildungsstätte Anne Frank: Meron Mendel.

Antisemitismus

Ernüchtert von deutscher Erinnerungspolitik: Leiter der Bildungsstätte Anne Frank warnt vor Tabubruch

Der 74. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz bietet Anlass für vielfältige Formen des Erinnerns. Mit Blick auf aktuelle Formen von Antisemitismus bleiben diese Formen des Erinnerns jedoch wirkungslos, erklärt Dr. Meron Mendel, Leiter der Bildungsstätte Anne Frank,

Frankfurt - Der Direktor der Bildungsstätte Anne Frank, Meron Mendel, hat eine ernüchternde Bilanz der deutschen Erinnerungspolitik gezogen. „Wir müssen feststellen, dass die vielfältigen und etablierten Formen des Erinnerns und Gedenkens wirkungslos bleiben, wenn es um aktuelle Formen von Antisemitismus geht“, erklärte Mendel mit Blick auf den Jahrestag der Befreiung des NS-Vernichtungslagers Auschwitz am 27. Januar. „Zugespitzt könnte man sagen: Der Erinnerungsweltmeister macht im Kampf gegen heutigen Judenhass schlapp.“

Verschwörungstheorien

Judenfeindliches Mobbing und israelbezogener Antisemitismus gehörten in Deutschland zum Alltag, so der Leiter der Bildungsstätte. Zudem gebe es „geschichtsrevisionistische Appelle“ nach einem Schlussstrich unter die Auseinandersetzung mit der NS-Zeit, etwa im Umfeld der AfD-nahen Erasmus-Stiftung. In Schulen, Behörden und Gerichten würden antisemitisch motivierte Handlungen und Äußerungen oft weder erkannt noch benannt, kritisierte Mendel. „Das Gedenken an die toten Opfer des Nationalsozialismus schließt Ignoranz, Ressentiments, Anfeindungen und offenen Hass gegen lebende Jüdinnen und Juden nicht aus.“

Bestes Beispiel sei der Rapper Kollegah, der wegen verhöhnender Zeilen zu Auschwitzinsassen in die Kritik geraten war: „Ein bei Jugendlichen populärer Musiker wie Kollegah fällt immer wieder mit antisemitischen Verschwörungstheorien auf – und bleibt in der Hinsicht vom Besuch einer Gedenkstätte völlig ungerührt.“ Das Muster zeigt sich spiegelbildlich in den Erregungsschleifen der Öffentlichkeit: Wenn es nicht um die toten Opfer des Nationalsozialismus, sondern um den israelbezogenen oder verschwörungsideologischen Antisemitismus des Rappers geht, bleibt der Aufschrei aus.

Mendel spricht zugleich von einem Trend zum Tabubruch im Zuge des erstarkenden Rechtspopulismus: „Wir beobachten eine neue Schamlosigkeit im Umgang mit Geschichte – seien es die Äußerungen kruder historischer Thesen in Social Media oder provokatives Auftreten an den Orten des Erinnerns und Gedenkens an die Opfer.“ Erst im August hatte eine Besuchergruppe aus dem Wahlkreis der AfD-Fraktionsvorsitzenden Alice Weidel eine Führung im KZ Sachsenhausen mit relativierenden Bemerkungen über die Existenz von Gaskammern gestört.

„Mit der AfD-nahen Erasmus-Stiftung wird Geschichtsrevisionismus künftig auch noch durch Steuergeld alimentiert“, so Mendel. Immer wieder fielen hochrangige Vertreter der Stiftung in diesem Hinblick auf – sei es Kuratoriumsvorsitzender Max Otte, der Berichte über rassistische Ausschreitungen in Chemnitz mit Meldungen über den Reichstagsbrand verglich. Sei es Stiftungsvorsitzende Erika Steinbach, die Kneipenverbote für AfD-Politiker mit der antisemitischen Gesetzgebung des Dritten Reiches gleichsetzte oder den umstrittenen Beschluss einer Berliner Schule, das Kind eines AfD-Politikers nicht aufzunehmen, auf Twitter mit der Zeile „Kinder von AfD-Mitgliedern sind die neuen Judenkinder“ kommentierte. „Sich selbst als die neuen Juden darzustellen, ist für AfD-Sympathisanten mittlerweile Standard.“

Stiftung überprüfen

Mit einer Petition an den Bundesinnenminister hatte die Bildungsstätte Anne Frank zusammen mit Vertretern namhafter bundesdeutscher Einrichtungen der historisch-politischen Bildung, Gedenkstätten und (internationaler) Überlebenden-Organisationen sowie Experten aus Wissenschaft und Forschung eine Überprüfung der Erasmus-Stiftung und ihrer Finanzierung angeregt. Bislang gab es noch keine Antwort aus dem Ministerium von Horst Seehofer.

Die Bildungsstätte ist nach der Autorin des weltbekannten „Tagebuch der Anne Frank“ benannt. Das deutsch-jüdische Mädchen, 1929 in Frankfurt geboren und 1934 mit ihren Eltern und ihrer Schwester in die Niederlande ausgewandert, fiel kurz vor dem Ende des 2. Weltkriegs im Konzentrationslager Bergen-Belsen dem nationalsozialistischen Holocaust zum Opfer.

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