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Die Schiersteiner Brücke zwischen Mainz und Wiesbaden bei einem Belastungstest.

Nach Unglück in Italien

Experten halten hessische Brücken für sicher

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Nach der Tragödie in Genua kommt auch der Zustand der deutschen Autobrücken in die Diskussion. Ein Unglück, wie in Italien, schließen Experten für Deutschland und Hessen aber aus.

Nach dem verheerenden Einsturz einer Autobahnbrücke in Genua mit mehr als 40 Toten hat Italien für zwölf Monate den Notstand in der Stadt ausgerufen. Wie Ministerpräsident Giuseppe Conte gestern nach einer außerordentlichen Kabinettssitzung weiter erklärte, stellt die Regierung fünf Millionen Euro Sonderhilfe zur Verfügung. Unterdessen mehren sich die Schuldzuweisungen für das Unglück.

Regierungsmitglieder machten den privaten Betreiber der Autobahn dafür verantwortlich. So seien gegen den Betreiber Autostrade per l’Italia Schritte eingeleitet worden, um die Lizenz für die Straße zu entziehen und eine Strafe bis zu 150 Millionen Euro zu verhängen, erklärte Verkehrsminister Danilo Toninelli auf Facebook. Er forderte das Management zum Rücktritt auf.

Das schwere Unglück in Genua sorgt auch in Hessen für Diskussionsstoff. Viele Menschen stellten sich die Frage: Wie sicher sind die Brücken bei uns? „Die Wahrscheinlichkeit für ein ähnliches Unglück in Deutschland halten wir für sehr gering“, antwortet Marco Götze, Vorsitzender der Bundesgütegemeinschaft Instandsetzung von Betonbauwerken, im Gespräch mit dieser Zeitung.

Eine konkrete Gefahr sehen aufgrund der Kontrollen weder der Automobilclub ADAC noch die Prüforganisation Dekra. „Wir haben ein sehr solides System der regelmäßigen Inspektion und Überwachung“, sagt Manfred Tiedemann, Geschäftsführer der Bundesvereinigung der Prüfingenieure.

Experte Götze sagte, bei der Feststellung von Schäden werde in der Regel schnell reagiert, im Extremfall mit Sperrungen, Fahrstreifenreduzierungen oder Gewichtsbegrenzungen. „In Deutschland gab es nach unserer Kenntnis noch nie einen Brückeneinsturz nach Fertigstellung und Verkehrsfreigabe“, so der Ingenieur weiter.

Götze fügte hinzu, das Unglück in Italien zeige, dass eine regelmäßige Kontrolle und Instandhaltung von Brückenbauwerke unerlässlich sei. Dabei bestehe in Deutschland Handlungsbedarf, um den Rückstau bei der Instandhaltung aus den vergangenen Jahrzehnten abzubauen. Es drohe zwar nicht das gleiche Szenario wie in Italien, aber für den Erhalt einer leistungsfähigen und sicheren Infrastruktur seien umfangreiche und stetige Investitionen unerlässlich. Eine Aufschiebung der nötigen Reparaturarbeiten führe letztlich zu einer Kostenexplosion durch Abriss und Neubau des Bauwerks, den die Steuerzahler ausbaden müssten.

Für Götze ist der zunehmenden Schwerlast- und Güterverkehr das Hauptproblem. Vor allem ältere Brückenkonstruktionen seien für diese enorme Belastung nicht ausgelegt und müssten daher instandgesetzt oder sogar nachgerüstet werden.

Vor dem Hintergrund der italienischen Tragödie gibt auch Hessens Verkehrsminister Entwarnung. „Bei uns muss sich niemand Sorgen machen, wenn er über eine Brücke fährt – auch nicht bei Brücken, die sichtbar in die Jahre gekommen sind“, sagt Tarek Al-Wazir (Grüne). Es gebe in Hessen ein „engmaschiges Prüfsystem“, um Schäden frühzeitig zu erkennen und gegebenenfalls auch eingreifen zu können. Rund 225 Millionen Euro werde das Land in diesem für die Sanierung der hessischen Brücken ausgeben, bis zum Jahr 2021 seien es dann über eine Milliarde Euro. Beim Dienstleister Hessen Mobil seien zwei Dezernate gegründet worden, die sich um Brückensanierungen kümmerten, eines davon nur um die 22 Talbrücken der Autobahn 45.

Um „das Problem“ generell zu lösen, müssten öffentliche Infrastruktur-Ausschreibungen für Bauunternehmen attraktiver werden, damit Instandsetzungen schneller erfolgen können, fordert Experte Götze. Das von Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) ins Kabinett eingebrachte Planungsbeschleunigungsgesetz sei ein erster, wichtiger Schritt, um die aktuell komplizierten Verfahren zur Vergabe von Instandsetzungs-Projekten zu beschleunigen. Die größte Herausforderung der Branche bleibe die Gewinnung von Fach- und Nachwuchskräften, viele Stellen seien unbesetzt.

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