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Andreas Hülsken steht vor den umstrittenen Fassadenelementen an dem Gebäude an der Große Eschenheimer Straße. Fotos: Ralf Ruppert

Städtebau

Experten-Streit um Siegerentwurf für das ehemalige Rundschau-Gelände

Der Frankfurter Architekt Stefan Forster gibt den Neubau an der Stelle des früheren Rundschau-Hauses auf Facebook „zum Abriss“ frei. 200 Millionen Euro investieren die Strabag Real Estate und die RFR Holding. 40 der 57 Wohnungen sind bereits verkauft.

Stefan Forster mischt sich gerne ein. „In meiner pfälzischen Heimat würde man dazu Schlappmaul sagen“, charakterisiert er sich selbst. Der Querdenker und Freigeist hat auf seiner Facebook-Seite eine neue Serie gestartet: „Bauten in Frankfurt, vor Fertigstellung zum Abriss frei gegeben“ ist sie überschrieben. Erster Serienteil: Das „Flare of Frankfurt“, der Neubau an der Große Eschenheimer Straße/ Ecke Stiftstraße. Dort nimmt derzeit der Siegerentwurf des deutsch-iranischen Architekten Hadi Teherani Gestalt an: Riesige weiße Keramikelemente werden vor die Fassade gehängt.

Als „marktschreierisch“ bezeichnet Stefan Forster den Entwurf seines Architektenkollegen Teherani. Das Gebäude sehe aus, als sei es „mit dem Fallschirm abgeworfen worden“, und: „Das könnte so auch in Dubai oder Aserbaidschan stehen.“ Forster hatte sich selbst 2015 am Architektenwettbewerb beteiligt, war aber schnell ausgeschieden. Der Grund ist aus seiner Sicht klar: „Ich bin ein Fan des Normalen“, fasst Forster seine Philosophie zusammen, und: „Ego-Trips sollten öffentlichen Gebäuden wie Museen oder Kirchen vorbehalten sein.“

Forsters Büro mit 55 Mitarbeitern ist mehrfach preisgekrönt und gehört zu einem der führenden im deutschen Wohnungsbau. Forster wünscht sich, dass Frankfurt nicht mehr „willfährig den Investoren hinterherläuft“, sondern mehr gestalterische Vorgaben macht. „Leider gibt es das kritische Bürgertum in Frankfurt nicht mehr“, bedauert er. Und schiebt gleich noch eine Kritik an die kürzlich eröffnete neue Altstadt hinterher: „Bei Gebäuden wie dem Rundschau-Haus wurde Geschichte aktiv zerstört, aber dann baut man sich in der Altstadt Geschichte wieder neu hin.“ Forsters Wunsch wäre, dass die Stadt wieder mehr gestalte und dafür sorge, dass Gebäude mit „zurückhaltender Eleganz in den Dialog mit ihrem Umfeld treten“.

„Wir wollten etwas Besonderes, aber keine bloße Effekthascherei“, widerspricht Andreas Hülsken der Kritik am „Flare of Frankfurt“ auf dem früheren Rundschau-Gelände. Hülsken leitet den Bereich Rhein-Main bei der Strabag Real Estate (SRE). Auch in der Vermarktung wird der Bezug zum Standort betont: „Der Entwurf ist schon da, man muss ihn nur erkennen“, wird Architekt Teherani auf dem Bauzaun zitiert. „Die Fassadenelemente nehmen die Straßen-Geometrie auf“, erläutert Hülsken die Idee hinter den weißen Keramik-Fünfecken.

Zudem sei das Umfeld extrem heterogen, es gebe nicht nur das rekonstruierte Palais Thurn und Taxis: „Hier haben sie den mittelalterlichen Eschenheimer Turm, dort das Nitribitt-Haus, dahinter ragt ein Hochhaus in die Höhe“, sagt der SRE-Bereichsleiter. Also seien beim Architektenwettbewerb nur die Mindestanforderung erfüllt worden: die Baulinie zur Straße oder die maximal 20 Meter Traufhöhe. Trotzdem hätten die drei sieben- und achtstöckigen Baukörper durchaus ihre städtebaulichen Reize: Der Wohnblock steht alleine, das Umfeld bleibt öffentlich zugänglich, der Innenhof stellt einen Bezug zur Großen Eschenheimer Straße her. Zudem sei ein Lichtkonzept in Arbeit. Hülskens Fazit: „Am Opernplatz hätte man sicher was anderes gebaut, aber der expressive Entwurf ist für den Standort hier genau der richtige.“

„Nur weil viele Frankfurter die runde Ecke des Rundschau-Hauses liebgewonnen haben, gibt es keine Verpflichtung, das zu zitieren“, kommentiert Mark Gellert vom Planungsdezernat der Stadt Frankfurt das Projekt „Flare of Frankfurt“. Der Vorgängerbau habe auch nicht unter Denkmalschutz gestanden, widerspricht er hartnäckigen Gerüchten. Die Stadt Frankfurt gehe keineswegs leichtfertig mit historischer Bausubstanz um. Einen gesamtstädtischen Gestaltungsbeirat lehne das Planungsdezernat ab, es gebe lediglich einen Städtebau-Beirat. „Den entwickeln wir gerade weiter“, kündigt Gellert aber an.

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