Prof. Dr. Uta Meyding-Lamadé, Eva-Maria Craemer, Dr. Choon Chan und Karina John (von rechts) beim Video-Chat mit Brunei.
+
Prof. Dr. Uta Meyding-Lamadé, Eva-Maria Craemer, Dr. Choon Chan und Karina John (von rechts) beim Video-Chat mit Brunei.

Sie exportieren Medizin in die ganze Welt

  • Stefanie Liedtke
    vonStefanie Liedtke
    schließen

Mit ganz anderen Distanzen als den paar hundert Kilometern zwischen Hamburg und Heidelberg haben es die Mediziner am Nordwestkrankenhaus zu tun. Sie betreuen eine Schlaganfallstation im mehr als 10 000 Kilometer entfernten Brunei. Um ihr Auslandsgeschäft auszubauen, hat die Klinik 2015 ein Institut für Internationale Medizin und Telemedizin gegründet. Das könnte sich bald auszahlen.

In Frankfurt hat sie 91 Betten, in Daressalam demnächst 270: Prof. Dr. Uta Meyding-Lamadé leitet zwei Kliniken, die weiter voneinander entfernt kaum sein könnten. Die Medizinerin ist nicht nur Chefärztin der Neurologie am Krankenhaus Nordwest, sie hat 2010 auch eine Schlaganfallstation im mehr als 10 000 Kilometer entfernten Brunei aufgebaut, hat die Ärzte dort ausgebildet und begleitet sie seither gemeinsam mit ihren Kollegen von Frankfurt aus. 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr. „Einen Notfall in Brunei behandeln wir genauso wie einen Notfall hier“, erklärt Lamadé.

Videokonferenzen mit den Kollegen in Daressalam gehören für die Frankfurter Mediziner zum Tagesgeschäft. Nur 45 Sekunden dauert es, bis Computertomographie-Bilder aus Brunei auch in Frankfurt vorliegen. Gemeinsam beraten die Ärzte am einen und die Ärzte am anderen Ende der Welt jeden Fall und besprechen die Therapie. Bei Bedarf können die Mediziner in der Mainmetropole Untersuchungen live am Bildschirm begleiten.

In Daressalam sind zudem immer fünf Kollegen aus Frankfurt im Dienst – zwei Ärzte, eine Intensivpflegekraft, zwei Therapeuten. Manche bleiben vier Wochen, andere drei Monate, dann wird rotiert. Freiwillige für die Brunei-Dienste zu finden sei überhaupt kein Problem, sagt die Chefin. „Im Gegenteil: Wir haben Bewerber, die genau deshalb hierherkommen wollen. Es hat etwas Faszinierendes, in einer anderen Kultur und einem anderen Umfeld zu arbeiten und dort die gleiche Spitzenmedizin anbieten zu können.“ Die Professorin selbst ist alle zwei Monate für eine knappe Woche dort.

Was 2010 mit 40 Betten anfing, soll sich zu einer Klinik mit 270 Betten mausern, in der neben neurologischen auch onkologische Patienten behandelt werden. Auch auf diesem Fachgebiet unterstützen die Frankfurter die Kollegen in Brunei. Beide Fachgebiete kommen in einem Neubau unter, „der ist so groß wie die gesamte Klinik hier und liegt direkt am Meer“, berichtet Lamadé. Dieses Zentrum soll künftig die gesamte Region samt Singapur und Malaysia versorgen.

Dabei setzt Brunei auch weiterhin auf die Unterstützung aus Frankfurt: Gerade erst hat das Sultanat den Vertrag mit dem Krankenhaus Nordwest um zehn Jahre verlängert – zu den gleichen Konditionen. „Das ist ein Riesenerfolg“, freut sich Meyding-Lamadé, dass es weitergeht mit dem nach ihren Angaben größten Telemedizin-Projekt weltweit.

Für den Träger des Nordwest Krankenhauses, die Stiftung zum Heiligen Geist, rechnet sich die Kooperation. Genaue Zahlen will man nicht nennen, die Gewinnmarge liege aber im Bereich privater Klinikbetreiber, also um die 15 Prozent. Fünf Prozent ihres Umsatzes erwirtschaftet die Klinik mittlerweile im Ausland.

Und es soll noch deutlich mehr werden. Im vergangenen Jahr hat die Stiftung ein Institut für Internationale Medizin und Telemedizin gegründet. Erklärtes Ziel ist es laut Meyding-Lamadé, deutsche Spitzenmedizin zum Exportschlager zu machen. Das scheint zu funktionieren, drei Projekte stünden „in den Startlöchern“, sagt die Chefärztin, bereits im nächsten Jahr könne es losgehen. Wo genau diesmal die Reise hingeht, will sie noch nicht verraten, nur so viel: „Alles etwas näher als Brunei“, aber in einer ähnlichen Größenordnung wie die Kooperation mit dem Sultanat in den Anfangsjahren. Ein Projekt sei jedoch auch umfangreicher. Wieder geht es um die Fachgebiete Neurologie und Onkologie, erstmals aber auch um Traumatologie.

Vom internationalen Geschäft profitieren die Frankfurter nicht nur finanziell. „Um das Projekt mit Brunei zu stemmen, mussten wir uns organisatorisch ganz neu aufstellen. Dabei haben wir auch unsere eigenen Prozesse optimiert“, schildert Meyding-Lamadé. Und nicht zuletzt lernen die deutschen Ärzte auch medizinisch einiges dazu: „Wir haben es dort mit ganz anderen Patienten zu tun und mit tropischen Infektionskrankheiten wie Dengue-Fieber oder japanischer Enzephalitis (Hirnhautentzündung), die es in Europa nur sehr selten gibt, die hier aber jederzeit auftreten könnten.“

In den vergangenen Jahren hat die Klinik durch die Kooperation zudem umfangreiches Wissen über Möglichkeiten und Grenzen der Telemedizin gesammelt, die es sich auch hierzulande zunutze machen kann. Ein Schlaganfallpatient etwa, der Sprachtherapie braucht, muss in Brunei nicht den beschwerlichen Weg zum Therapeuten auf sich nehmen, sondern bekommt Unterricht per Tablet-Computer. Ein Modell, das sich aus Sicht Meyding-Lamadés problemlos auf Deutschland übertragen ließe, etwa für ländliche Regionen. Völlig weltfremd sei es auch, dass sich chronisch Kranke, die voll im Arbeitsleben stehen, zu den normalen Praxis-Sprechzeiten in ein Wartezimmer hocken müssten, bloß um ihre Laborwerte zu besprechen. Das ließe sich problemlos auch per Video-Chat erledigen, ist die Neurologin überzeugt.

(stef )

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare