Fabian Hambüchen nach seinem tollen Auftritt in Rio, mit dem er Gold holte.
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Fabian Hambüchen nach seinem tollen Auftritt in Rio, mit dem er Gold holte.

„Kein Leistungssportler sollte Existenzangst haben“

Deutschlands Turn-Held Fabian Hambüchen im Interview

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Es war wie im Märchen: In seinem letzten Olympiawettkampf in Rio holte Turner Fabian Hambüchen die Goldmedaille. Das ist ein Jahr her. Was er aus seinen Niederlagen gelernt und was er während seiner Karriere vermisst hat, erzählte er dem EXTRA TIPP. Von Oliver Haas

Herr Hambüchen, vor einem Jahr haben Sie Ihren Traum vom Olympia-Gold verwirklicht. Welche Träume verfolgen Sie jetzt?

Vor allem privat habe ich noch genug Träume. Mal ein Haus bauen, vielleicht eine Familie gründen. Aber vor allem ist derzeit das Wichtigste, den Übergang vom Leistungssport zum Berufsleben zu schaffen. Mir ist es wichtig, im Beruf etwas zu finden, das ich mit derselben Leidenschaft und Liebe verfolge, wie den Sport. Nach der Karriere ist das für jeden Leistungssportler die größte Herausforderung.

Durch 25 Jahre Leistungssport sind Sie anders als die meisten Jugendlichen aufgewachsen. Konnten vieles nicht tun, was für andere selbstverständlich ist. Was haben Sie vermisst?

Eigentlich gar nichts. Vielleicht meinen Abiball. Den habe ich leider sausen lassen. Das tut mir im Nachhinein etwas leid. Ich hatte mich damals auf die WM 2007 in Stuttgart vorbereitet und musste nach der mündlichen Abi-Prüfung gleich ins Trainingslager. Allerdings wurde ich dann Weltmeister und das hat entschädigt. Trotzdem ist der Abiball ein Meilenstein im Leben. Wenn ich mal Kinder habe, dann werde ich wohl darauf bestehen, dass sie das mitnehmen.

Aber Ihr Leben ist doch schon angenehmer jetzt?

Klar, ich kann viel spontaner sein. Muss mich nicht bei allem zurückhalten und brauche kein schlechtes Gewissen haben, wenn ich am nächsten Tag im Training ein bisschen müder bin.

Gibt es Dinge während Ihrer Zeit als Leistungssportler, die Sie gehasst haben und heute glücklicherweise nicht mehr machen müssen?

Gehasst habe ich gar nichts. Ich habe mich nie mit Verben beschäftigt wie „hassen“ oder „versagen“, sondern mich mehr auf die positiven Sachen konzentriert. Natürlich war nicht jeder Tag einfach und jeder Tag gleich. Aber genau wie die Kampagne „Verfolge deinen Traum. Egal was kommt“ habe ich immer an meinen großen Traum und meine Ziele geglaubt und alles dafür gegeben. Schön ist allerdings, dass der Druck nicht mehr da ist. Ich habe nicht mehr das Gefühl, dass ich jeden Tag volle Leistung bringen und immer ein Stück weiterkommen muss. Aber selbst wenn ich diesen Druck nicht mehr so krass spüre, merke ich trotzdem, wie es vorangeht und ich keinen Stillstand habe. Ich gehe das Ganze jetzt einfach lockerer an.

Ihre größte „Niederlage“ hatten Sie 2008 in Peking, als es statt Gold am Reck „nur“ die Bronzemedaille wurde. Wie wichtig sind solche Rückschläge im Leben?

Sie gehören dazu. Bei niemandem geht es immer steil bergauf. Die Erfahrung in Peking war im wahrsten Sinne des Wortes Gold wert. Ich stand acht Jahre später in Rio im Reckfinale mit der gleichen Ausgangsposition. Ich war als Bester aus der Qualifikation ins Finale eingezogen und musste als Erster ans Gerät. Es war eins zu eins die gleiche Situation. Und durch die Erfahrung von Peking wusste ich damit umzugehen. Vor allem in den Jahren danach konnte ich mich brutal dafür motivieren und sagte mir: Das will ich nicht wieder haben und will alles dafür geben.

Sie haben oft betont, wie sehr Ihnen mentales Training in Ihrer Karriere geholfen hat. Kann dies auch außerhalb des Sports sinnvoll sein?

Mentales Training hilft, sich darauf zu konzentrieren, was man beeinflussen kann und sich die Kraft richtig einzuteilen. Es bringt nichts, sich über Gegebenheiten aufzuregen oder Kraft zu verschwenden, die du nicht beeinflussen kannst. Das sind Sachen, die lange in der Vergangenheit zurückliegen oder solche, die total weit in der Zukunft sind und Dinge, die du einfach nicht in der Hand hast, weil sie von anderen Einflüssen abhängig sind. Es macht überhaupt keinen Sinn, sich da reinzusteigern. Aber genau das ist das große Problem vieler Leute. Wenn man sich dessen bewusst ist, dann hilft es schon sehr, mal aus diesem Gedankenstrudel heraus zu kommen.

Zum Schluss noch ein anderes Thema: Deutsche Leichtathleten haben sich kürzlich über mangelnde Nachwuchsförderung beklagt. Wie sehen Sie das rückblickend auf Ihre Karriere?

Wir haben natürlich grundsätzlich Sportförderung in Deutschland. Aber ich habe immer gesagt, dass man noch individueller und zielgerichteter fördern sollte. Es reicht nicht, wenn man einen Etat für den Spitzensport hat. Man muss genauer hinschauen, wo man investiert. Wer hat es nötig und wer eher nicht? Wo kann man den Nachwuchs noch mehr unterstützen? Ich kann verstehen, dass das vielen aufstößt. Ich habe das auch oft kritisiert. Natürlich hatte ich das Glück, dass ich aufgrund meiner Erfolge früh Sponsorenverträge hatte und mich unabhängig von der Förderung machen konnte. Aber das Glück hat nicht jeder. Und die Sportarten sind sehr unterschiedlich. Machen wir uns nichts vor: Fußball überstrahlt alles. Und alle anderen Sportarten kämpfen um die Existenz. Kämpfen darum, so viel Medienaufmerksamkeit wie möglich zu bekommen, um für mögliche Partnersponsoren interessant zu werden. Deswegen wäre es schön, wenn die Sportförderung noch besser wird und individueller greift, damit kein Sportler Existenzangst haben muss.

Interessant auch das Interview mit Psychologin Natalie Wintermantel, die erklärt, wie man schlechte Gewohnheiten ablegt.

Gewinner und Verlierer des Sportjahres 2016

Angelique Kerber stieg 2016 zur Nummer eins der Tennis-Welt auf. Foto: Julian Smith
Angelique Kerber stieg 2016 zur Nummer eins der Tennis-Welt auf. Foto: Julian Smith © Julian Smith
Fabian Hambüchen holte in Rio Gold am Reck. Foto: Tatyana Zenkovich
Fabian Hambüchen holte in Rio Gold am Reck. Foto: Tatyana Zenkovich © Tatyana Zenkovich
Die Beachvolleyballerinnen Laura Ludwig (l) und Kira Walkenhorst gewannen in Rio Olympia-Gold. Foto: Orlando Barria
Die Beachvolleyballerinnen Laura Ludwig (l) und Kira Walkenhorst gewannen in Rio Olympia-Gold. Foto: Orlando Barria © Orlando Barria
Formel-1-Weltmeister 2016: Nico Rosberg. Foto: Valdrin Xhemaj
Formel-1-Weltmeister 2016: Nico Rosberg. Foto: Valdrin Xhemaj © Valdrin Xhemaj
Jan Frodeno gewann 2016 erneut den Ironman auf Hawaii. Foto: Bruce Omori
Jan Frodeno gewann 2016 erneut den Ironman auf Hawaii. Foto: Bruce Omori © Bruce Omori
Diskus-Olympiasieger Christoph Harting machte sich bei der Siegerehrung in Rio nicht nur Freunde. Foto: Michael Kappeler
Diskus-Olympiasieger Christoph Harting machte sich bei der Siegerehrung in Rio nicht nur Freunde. Foto: Michael Kappeler © Michael Kappeler

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