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Thomas Reiter im Weltraum

Der Neu-Isenburger über Außerirdische und Schwerelosigkeit

Astronaut Thomas Reiter: „Unser Planet ist sehr verletzlich"

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Thomas Reiter ist der bekannteste deutsche Astronaut. Und er ist ein waschechter Hesse, wuchs in Neu-Isenburg auf. Mit dem EXTRA TIPP sprach er über die Faszination des Weltalls, die Tücken der Schwerelosigkeit und außerirdisches Leben. Von Oliver Haas

Was dachten Sie, als Sie das erste Mal im Weltall auf die Erde geblickt haben?

Das war beim ersten Start 1995 mit der Sojus. Nach dem Einschuss in den Orbit dauert es nur etwa acht Minuten und 50 Sekunden, bis das Lagekontrollsystem aktiviert wird. Dann kann man das erste Mal die Kontinente vorbeiziehen sehen. Das war damals der Blick auf Japan und ein sehr eindrücklicher Moment. Da denkt man sich: „Wow, jetzt bist du wirklich da oben!“

Hat sich Ihr Blick auf die Menschheit verändert, seit Sie die Erde aus dem Weltraum betrachtet haben?

Definitiv ja. Auf der einen Seite ist man von der Schönheit dieses Anblicks begeistert, aber auf der anderen Seite sieht man, wie verletzlich unser Planet ist. Man sieht diese hauchdünne Schicht

der Atmosphäre von oben. Und man sieht auch mit bloßem Auge, was wir Menschen dem Planeten antun. Man kann die Schneisen sehen, die etwa in Südamerika in die Regenwälder geschlagen werden. Oder auch die Brandrodungen. Ganz zu schweigen von den Regionen, die man überfliegt, wo Krieg herrscht. Das war bei der ersten Mission über dem Balkan der Fall. Bei der zweiten Mission war es der Konflikt zwischen Israel und dem Libanon. Das sind Bilder, die einem schwer zu denken geben.

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Sie haben zahlreiche wissenschaftliche Experimente im All gemacht. Welches war am beeindruckendsten?

Da gab es mehrere. Aber um eines zu nennen: Wir haben wichtige Versuche gemacht zur Erforschung für ein Mittel gegen Osteoporose. Denn wenn man in die Schwerelosigkeit kommt, bauen die Knochen Mineralien ab. Dieser Mechanismus ist identisch mit diesem Krankheitsbild. Deshalb nutzt man die Umgebung. Zwei Dinge waren interessant. Wir hatten ein bestimmtes Vitamin für eine begrenzte Zeit eingenommen, das zu einem Muskelaufbau führte. Und wir hatten herausgefunden, dass eine statische Belastung der Knochen eine Verlangsamung des Demineralisierungseffektes erzeugte.

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Was ist aufregender? Der Start oder die Landung?

Es ist natürlich interessant, wenn man in weniger als neun Minuten von Null auf 28.000 Kilometern pro Stunde katapultiert wird. Bei der Landung ist das dann die umgekehrte Folge. Man wird mit dem Vielfachen seines Gewichtes in den Sitz gepresst und die Kapsel bremst ab. Das ist auch interessant. Viel schlimmer ist es, wenn man dann am Boden aus der Kapsel raus kommt. Dann sind die ersten ein bis zwei Stunden nicht so besonders toll. Der Körper muss sich wieder an die Schwerkraft gewöhnen. Mir war richtig übel. In Videos kann man bei manchen Kollegen sehen, dass sie nach der Landung die Kopfbewegung vermeiden und nur aus dem Augenwinkel gucken.

Schwerelosigkeit ist wohl das, was die Menschen am meisten an der Raumfahrt fasziniert. Was ist das größte Problem, womit sie persönlich immer zu kämpfen hatten?

Von großartigen Problemen möchte ich gar nicht reden. Denn sich fast ohne Hilfskräfte in den drei Dimensionen zu bewegen, also den Traum vom Fliegen zu leben, ist einfach toll. Ein großer Nachteil ist allerdings: Wenn wir hier unten mit vielen Utensilien arbeiten, wie Zangen oder Schraubenschlüssel, dann bleibt das auf dem Tisch liegen. Oben bleibt gar nichts liegen, da schwebt alles. Das muss man alles mit dem Gummiband an der Wand oder am Boden festmachen. Tragisch wird’s dann, wenn mal was wegflutscht. Auf der Erde rollt es vom Tisch und fällt mit einem lauten Geräusch auf den Boden. Und da weiß man: Aha, da ist was runtergefallen. Dort oben schwebt das geräuschlos einfach weg. Es kommt dann schon mal vor, dass man nach einen Schraubenschlüssel gesucht hat, der sich erst nach einer Woche in einem Filter wiedergefunden hat.

2013 kam der 3D-Weltraum-Thriller Film Gravity in die Kinos: Wie realistisch war, was dort gezeigt wurde?

Das war recht authentisch. Besser kann man das im Kino nicht darstellen. Der nächste Schritt wäre dann tatsächlich, die Schwerelosigkeit selbst zu erleben. Natürlich gab es auch ein paar Sachen, die nicht ganz so funktionieren. Abgesehen davon, sieht es ein Astronaut der ISS natürlich nicht gerne, dass wie die ISS im Film auseinanderfliegt und zerstört wird.

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Wie stehen Sie zum Thema außerirdisches Leben?

Bisher haben wir noch keinen Nachweis dafür. Aber für mich ist es eine Frage der Statistik. In diesem großen Universum ist es einfach unvorstellbar, dass wir das einzige Leben in dieser unendlichen Weite von Sternen sind. Wir wissen seit etwa zehn Jahren, dass eigentlich alle diese Sterne Planeten haben, die sich um sie herum bewegen. Es war ja lange Zeit fraglich, ob es auch woanders diese Planetensysteme gibt. Da hat man sich ja auch gefragt: Ja, warum soll es nur hier sein? Jetzt kann man sie nachweisen und sogar schon sehen, ob diese Planeten in der grünen Zone sind. Das ist der Bereich, in dem flüssiges Wasser entstehen kann. Wo also Temperaturen unter 100 Grad Celsius und über Null Grad Celsius herrschen. Und das ist ja nach unserem Verständnis die Grundvoraussetzung dafür, dass Leben entsteht. Daher bin ich überzeugt, dass es Milliarden solcher Planeten gibt.

Vor einigen Wochen haben Forscher auf Hawaii eine bemannte Raumfahrt zum Mars simuliert. Wann wird der erste Mensch tatsächlich den Mars betreten? 

Ich halte das durchaus in 20 Jahren vorstellbar. Obwohl natürlich noch einige technische Hürden zu nehmen sind. Rein vom jetzigen bestehenden Wissen ist da aber nichts, dass man da was komplett Neues erfinden muss. Im Endeffekt sind es vier Bereiche. Der erste ist der Schutz vor der Strahlung. Wenn man an Bord der Raumstation arbeitet, dann ist man durch das Erdmagnetfeld noch recht gut vor der Strahlung geschützt. Dann wird man natürlich das schützende Magnetfeld der Erde irgendwann verlassen und ist deshalb einer stärkeren kosmischen Strahlung ausgesetzt. Da muss noch ein bisschen geforscht werden. Derzeit werden auf der ISS Untersuchungen mit bestimmten Kunststoffen gemacht. Bleiplatten würden zwar die Strahlung abhalten, aber sind natürlich viel zu schwer. Es müssen leichtere Materialien gefunden werden, die trotzdem eine gute Abschirmung haben.

Was noch?

Zum zweiten müssen die Lebenserhaltungssysteme noch effizienter werden. Man muss möglichst geschlossene Kreisläufe machen. Heute muss an Bord der Raumstation immer noch einiges an Wasser nachgeliefert werden, um Sauerstoff zu generieren. Weil nicht das gesamte Wasser regeneriert werden kann. Da sind wir auf einem guten Weg. Wir werden nächstes Jahr ein Lebenserhaltungssystem nach oben schicken, das schon wesentlich mehr Kohlendioxid regenerieren kann, das bei der Atmung entsteht. Das wird dann nicht einfach in das Vakuum abgeschleust, sondern wieder in Sauerstoff und in Wasser aufgespaltet.

Dann steht an dritter Stelle natürlich die Frage der Transferzeit. Mit den chemischen Triebwerken dauert es ungefähr sieben Monate, bis man am Mars angekommen ist. Dann muss man eine ganze Zeit warten, bis sich wieder das Fenster für den Rückflug zur Erde öffnet. Die Gesamtdauer der Mission dauert in diesem Szenario etwa 800 bis 900 Tage. Wenn man die Transferzeit verringern kann, dann verringert man natürlich auch die Zeit, in der man solcher erhöhter Strahlung ausgesetzt ist.

Und der vierte und letzte Punkt ist die Nutzung der Ressourcen vor Ort. Wenn ich Treibstoff auf der Marsoberfläche herstellen kann, dann muss ich den nicht mitnehmen. Man weiß heute, dass es auf dem Mars mal größere Mengen an Wasser gegeben hat. Möglicherweise sind sogar unter der Oberfläche noch größere Wassereisvorkommen vorhanden. Und wenn man das eben nachweisen kann, dann muss man Geräte bauen, die in der Lage sind, aus dem Gestein dieses Wasser zu extrahieren. Um dieses dann über Elektrolyse in Wasserstoff und Sauerstoff aufzuspalten. Dann kann man aus dem Wasserstoff Sauerstoff synthetisieren, um diesen zum Atmen zu verwenden und natürlich auch als Treibstoff für die Raketen.

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