„Ich hab einen Führerschein, also fahre ich auch“ – das denken sich viele Senioren, obwohl sie schon lange nicht mehr fit für den Straßenverkehr sind.
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„Ich hab einen Führerschein, also fahre ich auch“ – das denken sich viele Senioren, obwohl sie schon lange nicht mehr fit für den Straßenverkehr sind.

Senioren meist schuld am Unfall

Kommt jetzt der Pflicht-Fahrtest für ältere Menschen?

  • Christian Reinartz
    vonChristian Reinartz
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Region Rhein-Main – Seit der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft einen Fahrtest für Senioren ab 75 gefordert hat, kochen die Emotionen in Rhein-Main hoch. Nun liegt ein Vorschlag der Rentner auf dem Tisch: Verpflichtende Fahrtests ja! Aber für alle! Von Christian Reinartz

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Dabei lassen sich die katastrophalen Unfallstatistiken nicht wegreden. Eigentlich sieht die Statistik in Rhein-Main gar nicht so auffällig aus. In Frankfurt etwa lagen die Unfallzahlen, an denen Senioren beteiligt waren, 2011 bei 488, 2015 nur noch bei 458. In Offenbach fiel die Zahl ebenfalls, von 106 auf 91, und auch im Hochtaunuskreis sind die Zahlen rückläufig: Von 185 auf 174. Lediglich im Main-Taunus-Kreis gibt es einen leichten Anstieg von 128 auf 157 Unfälle mit Seniorenbeteiligung. Im Kreis Offenbach stieg die Zahl ebenfalls von 276 auf 292. Dazwischen bei allen Kreisen und Städten ein stetiges Auf und Ab. Alles in allem erstmal kein Grund, beunruhigt zu sein.

Trotzdem fordert der Gesamtverband der Versicherten verpflichtende Fahrtest, bei denen die Fahrtauglichkeit von Senioren regelmäßig begutachtet werden soll. Der Grund: Drei von vier Unfällen, an denen Senioren über 75 Jahren beteiligt sind, verursachen sie selbst. „Genau das wissen wir aus der Unfallstatistik. Und dieser Wert gibt Grund zur Sorge“, sagt Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung des Verbands. „Mindestens 80 Prozent der Einschränkungen sind dabei aber nicht medizinische, sondern kognitive. Das richtige Erfassen von komplexen Situationen ist das Hauptproblem.“ 

Teure Freiheit: Das Auto behindertengerecht umbauen

Mit einem Joystick zur Steuerung des Autos zu mehr Freiheit: Firmen wie Paravan rüsten nach eigenen Angaben mehrere tausend Autos pro Jahr um.
Mit einem Joystick zur Steuerung des Autos zu mehr Freiheit: Firmen wie Paravan rüsten nach eigenen Angaben mehrere tausend Autos pro Jahr um. © Daimler
Vorreiter Fiat: Seit 1994 widmet sich der italienische Konzern der Mobilität für Behinderte. Hier ist ein Gasring mit Gas-Brems-Commander für Menschen mit Querschnittslähmung verbaut.
Vorreiter Fiat: Seit 1994 widmet sich der italienische Konzern der Mobilität für Behinderte. Hier ist ein Gasring mit Gas-Brems-Commander für Menschen mit Querschnittslähmung verbaut. © Fiat
Individuelle Lösungen: Dieses System von Fiat steuert Funktionen wie Blinker, Licht und Scheibenwischer mit möglicher Gasfunktion für den Daumen.
Individuelle Lösungen: Dieses System von Fiat steuert Funktionen wie Blinker, Licht und Scheibenwischer mit möglicher Gasfunktion für den Daumen. © Fiat
Mobile Autarkie für Rollstuhlfahrer: Spezialfirmen wie Paravan bauen Fahrzeuge wie die V-Klasse von Mercedes umfassend um.
Mobile Autarkie für Rollstuhlfahrer: Spezialfirmen wie Paravan bauen Fahrzeuge wie die V-Klasse von Mercedes umfassend um. © Daimler
Die Rollstuhl-Ladehilfe in diesem Fiat-Panda erfolgt vom Fahrersitz aus und ist deshalb gut für alle Selbstfahrer geeignet.
Die Rollstuhl-Ladehilfe in diesem Fiat-Panda erfolgt vom Fahrersitz aus und ist deshalb gut für alle Selbstfahrer geeignet. © Fiat
Für Janis McDavid ist Autofahren ein Stück Freiheit: Nach dem Umbau fuhr er in seinem Mercedes Sprinter 160.000 Kilometer.
Für Janis McDavid ist Autofahren ein Stück Freiheit: Nach dem Umbau fuhr er in seinem Mercedes Sprinter 160.000 Kilometer. © Janis McDavid

Deshalb fordert Brockmann verpflichtende Fahrtests im Stil einer Kontrollfahrt mit einem geschulten Begleiter, der danach ungeschönt Rückmeldungen geben soll. Dieser Schritt werde nötig, da „Senioren nicht einsichtsfähig sind. Man kann sie nicht darauf ansprechen, wenn sie Defizite am Steuer haben. Das führt unter Umständen zur Zerrüttung ganzer Familien.“ Ein neutraler Beobachter könne da in den Senioren viel mehr bewegen, zumal das Gespräch vertraulich bleiben soll. „Es muss ja auch gar nicht sein, dass jemand das Auto komplett stehen lässt“, erklärt Brockmann.

Freiwillige Prüfungen sollen Klarheit bringen

 „Eine Lösung könnte ja auch sein, dass man mit dem Fahrer bestimmte Situationen bespricht, die er in Zukunft lieber meiden sollte. Etwa den dichten Innenstadtverkehr.“ Beim ADAC Hessen sieht man die Situation ähnlich, will aber keine verpflichtende Überprüfung fordern. Stattdessen sollen freiwillige Tests Klarheit bringen. Sprecher Cornelius Blanke: „Ältere Leute haben bei der Bevölkerung oft zu Unrecht einen schlechten Ruf. Nicht das Alter ist entscheidend, sondern die Gesundheit und Routine.“

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Mit einem Joystick zur Steuerung des Autos zu mehr Freiheit: Firmen wie Paravan rüsten nach eigenen Angaben mehrere tausend Autos pro Jahr um.
Mit einem Joystick zur Steuerung des Autos zu mehr Freiheit: Firmen wie Paravan rüsten nach eigenen Angaben mehrere tausend Autos pro Jahr um. © Daimler
Vorreiter Fiat: Seit 1994 widmet sich der italienische Konzern der Mobilität für Behinderte. Hier ist ein Gasring mit Gas-Brems-Commander für Menschen mit Querschnittslähmung verbaut.
Vorreiter Fiat: Seit 1994 widmet sich der italienische Konzern der Mobilität für Behinderte. Hier ist ein Gasring mit Gas-Brems-Commander für Menschen mit Querschnittslähmung verbaut. © Fiat
Individuelle Lösungen: Dieses System von Fiat steuert Funktionen wie Blinker, Licht und Scheibenwischer mit möglicher Gasfunktion für den Daumen.
Individuelle Lösungen: Dieses System von Fiat steuert Funktionen wie Blinker, Licht und Scheibenwischer mit möglicher Gasfunktion für den Daumen. © Fiat
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Mobile Autarkie für Rollstuhlfahrer: Spezialfirmen wie Paravan bauen Fahrzeuge wie die V-Klasse von Mercedes umfassend um. © Daimler
Die Rollstuhl-Ladehilfe in diesem Fiat-Panda erfolgt vom Fahrersitz aus und ist deshalb gut für alle Selbstfahrer geeignet.
Die Rollstuhl-Ladehilfe in diesem Fiat-Panda erfolgt vom Fahrersitz aus und ist deshalb gut für alle Selbstfahrer geeignet. © Fiat
Für Janis McDavid ist Autofahren ein Stück Freiheit: Nach dem Umbau fuhr er in seinem Mercedes Sprinter 160.000 Kilometer.
Für Janis McDavid ist Autofahren ein Stück Freiheit: Nach dem Umbau fuhr er in seinem Mercedes Sprinter 160.000 Kilometer. © Janis McDavid

Doch können sich Senioren mit so einer Regelung anfreunden? Heinrich Trosch, stellvertretender Vorsitzender des Frankfurter Seniorenbeirats, erteilt solchen Plänen eine Absage: „Das wäre Diskriminierung.“ Geht es nach ihm müssten deshalb zukünftig alle Fahrer zum regelmäßigen Eignungstest. „Schließlich gibt es auch 40-Jährige, die genauso schlecht Auto fahren wie manche Ältere.“ Doch Trosch geht noch weiter: „Tests alleine bringen nichts. Mann müsste eine Struktur schaffen, die alten Menschen die Mobilität ermöglicht

Keine gute Alternative in Frankfurt

„In Frankfurt bekomt es die Politik zum Beispiel nicht hin, ein attraktives RMV-Ticket für Senioren auf die Beine zu stellen. In Wien kostet das im Jahr 224 Euro“, argumentiert Trosch. „In Frankfurt kostet das Ticket 699 Euro, obwohl das Gebiet viel kleiner ist. Das ist einfach unbezahlbar.“ Gäbe es solche Alternativen, würden sicherlich viele Senioren auch mal das Auto stehen lassen.

Was Redakteurin Janine Drusche über einen Führerschein- und Fahrtest denkt, lesen Sie in ihrem Kommentar Wenn‘s nicht mehr geht: Lappen weg!

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