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Pia und Oliver haben Cochlea-Implantate, mit denen sie hören.

Cochlea-Implantat: Pia und Oliver hören mit einem kleinem Apparat im Kopf

Teils Mensch, teils Maschine: „Wir sind im Grunde Cyborgs!“

  • Julia Oppenländer
    vonJulia Oppenländer
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Vogelzwitschern oder Autohupen: Dass Pia Leven und Oliver Faulstich das überhaupt hören können, verdanken sie einem kleinen Implantat, das ihr taubes Gehör ersetzt. Doch die Welt klingt für sie jetzt anders. Nun wollen die beiden anderen Betroffenen Mut machen.

Region Rhein-Main – Wenn Oliver Faulstich unterwegs ist, wird er immer wieder angestarrt. „Die Leute wundern sich natürlich, was für ein Gerät ich seitlich am Kopf habe“, sagt der 33-Jährige aus Sulzbach lachend. „Manche fragen mich sogar direkt danach.“ Ihnen erklärt er dann, dass es sich dabei um ein sogenanntes Cochlea-Implantat (kurz: CI) handelt. Diese In-Ohr-Prothese sorgt dafür, dass er etwas hören kann.

Mit 15 erkrankt Oliver an einer Hirnhautentzündung, die ihm das Gehör raubt. Daraufhin erhält er in einer Operation das Cochlea-Implantat, bei dem eine Elektrode mit dem Hörnerv verbunden wird und so Schwingungen reproduziert, die einen Höreindruck im Gehirn entstehen lassen. „Wir hören nicht mehr mit den Ohren, sondern mit dem Gehirn“, sagt der 33-Jährige. „Im Grunde sind wir Cyborgs – ohne die Maschinen funktionieren wir nicht mehr richtig.“

Auch Pia Leven aus Bad Nauheim hat seit drei Jahren ein CI. „Seit meiner Geburt bin ich hochgradig hörgeschädigt und trug deshalb Hörgeräte bis ich 28 war.“ Dann wird sie operiert und sagt heute: „Seitdem weiß ich, wie wenig ich eigentlich früher gehört habe!“

Beide erzählen, dass ihr Hören elektronischer klingt. „Anfangs klang Sprache mit dem CI für mich wie bei einer Roboterstimme, die Helium eingeatmet hat – technisch, quietschig“, sagt die 31-Jährige. Und Oliver stimmt zu: „Ich habe nach meiner Erstanpassung meine Mutter gefragt, wo denn der bellende Hund wäre, den ich höre – dabei waren es zwitschernde Vögel. Es dauert also ein bisschen, bis das Gehirn die alten, bekannten Geräusche mit den neuen verknüpft.“

Im Alltag kommen die beiden inzwischen gut mit ihren Implantaten zurecht. Pia: „Die Kommunikation ist definitiv einfacher. Und Störgeräusche lernt man, immer besser auszublenden.“ Oliver sagt aber auch: „In der Bahn, wenn die Durchsage kommt, hat man verloren – das kriegen wir nicht hin. Wir sind immer noch auf möglichst ruhige Umgebungen und Körpersprache angewiesen. Es handelt sich schließlich nach wie vor um eine Behinderung.“

Beide sind sich einig: Der Weg zur vollständigen Inklusion ist noch weit. Hilfen wie in anderen Ländern, wo Ärzte zum Beispiel einen Mundschutz mit Sichtfenster tragen oder Kinofilme untertitelt werden, würden in Deutschland noch fehlen. Deshalb sind sie selbst aktiv geworden. „Selbsthilfegruppen sind eine tolle Möglichkeit, um mit anderen Betroffenen in Kontakt zu treten und sich auszutauschen“, sagt die 31-jährige Pia. Sie und Oliver engagieren sich deshalb in der Blog-Gemeinschaft „Deaf Ohr Alive“ der Deutschen Cochlea Implantat Gesellschaft, einer Selbsthilfegruppe im Internet. Zweimal im Jahr treffen sich Interessierte aber auch persönlich. „Bei solchen Treffen fühlt man sich einfach verstanden. Man geht selbstbewusster und mit gestärktem Selbstvertrauen nach Hause“, sagt Oliver.

Und die beiden sehen sogar Vorteile in ihrer Einschränkung. Pia: „Denn im Zug oder Flugzeug kann ich die Geräte einfach rausmachen und habe so meine Ruhe. Das kann schließlich auch nicht jeder!“

Von Julia Oppenländer

Quelle: extratipp.com

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