Geldpolitik

EZB beschleunigt ihre Einkaufstour

  • Panagiotis Koutoumanos
    vonPanagiotis Koutoumanos
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Notenbank will noch mehr Anleihen erwerben, um die gestiegenen Renditen wieder zu drücken

Frankfurt. Nachdem sie sich jahrelang kaum geregt hatte und in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahres kein Lebenszeichen mehr von sich gab, war sie von vielen schon für tot erklärt worden. Doch kaum war sie zu Grabe getragen, hat sich der Sarg-Deckel geöffnet und sie ist wieder da. Die Inflation: Um 1,3 Prozent sind Deutschlands Verbraucherpreise im Februar gestiegen; im Januar hatten sich die Preise bereits um 1,0 Prozent erhöht - nachdem die Preise hierzulande ein halbes Jahr lang gesunken waren.

Natürlich ist die gestiegene Inflation zusätzliches Gift für die vielen Sparer. Angesichts der Nullzinspolitik der EZB und ihrer Billionen Euro schweren Anleihen-Käufe hatten Anleger schon im vergangenen Jahr kaum eine Chance, mit halbwegs sicheren Staatsanleihen Geld zu verdienen. Nun sehen sich all diejenigen, die nach wie vor nicht in Aktien investieren wollen, stärker denn je konfrontiert mit dem Schreckgespenst der vielzitierten "kalten Enteignung".

EZB zerschlägt Hoffnung der Sparer

Denn ihre Hoffnung auf weiter steigende Anleihen-Renditen hat die Europäische Zentralbank (EZB) gestern Nachmittag endgültig zerschlagen. Wie EZB-Präsidentin Christine Lagarde nach der Sitzung des EZB-Rats in Frankfurt bekanntgab, wird die Notenbank im Rahmen ihres 1,85 Billionen Euro schweren Notfall-Anleihen-Kaufprogramms PEPP in den kommenden drei Monaten deutlich mehr Staatsanleihen kaufen als in den vergangenen Monaten. Wie viel mehr, sagte sie nicht. In den vergangenen vier Wochen hatte die EZB ihre Netto-Käufe im Rahmen von PEPP leicht runtergefahren, auf einen Wert von zuletzt knapp zwölf Milliarden Euro. Hinzu kommen allerdings immer noch Monat für Monat Wertpapierkäufe im Wert von durchschnittlich 20 Milliarden Euro aus dem schon im Jahr 2015 aufgelegten Kaufprogramm APP. Allein aus dem PEPP-Programm steht noch eine knappe Billion Euro zur Verfügung.

Indem sie ihre Einkaufstour nun beschleunigen, wollen die Währungshüter die Renditen der Anleihen nach unten drücken und damit sicherstellen, dass in der Corona-Krise die Finanzierungsbedingungen der Euro-Staaten und Unternehmen günstig bleiben. "Günstige Finanzierungsbedingungen bleiben entscheidend während der Periode der Pandemie", betonte Lagarde. Warum? Damit die noch schwache konjunkturelle Erholung in der Währungsunion Fahrt aufnehmen kann. War doch das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der Eurozone im vergangenen Jahr um 6,6 Prozent geschrumpft - so deutlich wie noch nie. Und auch für das erste Quartal dieses Jahres rechnen die Wirtschaftsforscher mit einer sinkenden Wirtschaftsleistung.

Kein Wunder also, dass die EZB nun recht entschlossen auf die zuletzt gestiegenen Renditen staatlicher Schuldverschreibungen reagiert. Die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe - die den Maßstab für die langfristigen Kapitalmarktzinsen in Deutschland und dem Euroraum bildet -, verbesserte sich aus Anleger-Sicht von Januar bis Anfang März von minus 0,6 Prozent auf minus 0,26 Prozent. Spaniens zehnjährige Staatsobligationen stiegen auf 0,41 Prozent. Und die zehnjährigen italienischen Renditen kletterten auf 0,76 Prozent. Insgesamt erhöhten sich die Zehnjahres-Läufer aller Euro-Staaten um rund 30 Basispunkte. "Greift die EZB nicht ein, könnten die Anleihen hochverschuldeter Euro-Staaten wie Italien bald so viel abwerfen, dass zumindest die Inflation ausgeglichen ist", lautete das Kalkül vieler Sparer, die angesichts der gestrigen Intervention der Währungshüter nun enttäuscht sind. Während der Pressekonferenz der EZB rutsche die Rendite für zehnjährige Bundesanleihen auf minus 0,356 Prozent ab.

Dass die Anleihen-Renditen weiter gestiegen wären, wenn die EZB still gehalten hätte, ist indes alles andere als sicher: Getrieben worden waren die Renditen in erster Linie von der Erwartung höherer Inflation in den USA, wo die Regierungen unter Donald Trump und nun Joe Biden innerhalb eines Jahres Konjunkturprogramme von sage und schreibe 4,8 Billionen US-Dollar aufgelegt haben - zusätzlich zu den Billionen Dollar, die die US-Notenbank Fed in die Wirtschaft pumpt. Tatsächlich lag die US-Inflationsrate zuletzt bei 1,4 Prozent, ist die Rendite der zehnjährigen "Treasuries" in diesem Jahr von 0,9 auf 1,5 Prozent gestiegen, nachdem "Treasuries" aus Furcht vor hoher Inflation in großem Stil verkauft worden sind.

EZB: Höhere Inflation nur vorübergehend

Festzustellen ist allerdings, dass diese Furcht, die über den Atlantik herüberschwappte und hier ebenfalls zu höheren Anleihen-Renditen geführt hat, in der Eurozone nachlässt. Zahlreiche Konjunkturforscher weisen darauf hin, dass die Konjunkturprogramme der Euro-Staaten weit hinter denen in den USA bleiben und dass die Auslastung der Euro-Wirtschaft deutlich geringer ist als die der US-Wirtschaft.

Und auch die Konjunktur-Experten der EZB sehen laut ihrer gestrigen Prognose zumindest keine nachhaltig hohe Inflation in der europäischen Währungsunion. "Die Inflation hat angezogen", räumte Lagarde mit Blick auf die Euro-Inflationsrate von 0,9 Prozent im Januar und Februar ein. Aber das sei zum einem dem statistischen Basis-Effekt bei den Ölpreisen geschuldet, die vor einem Jahr sehr niedrig gewesen seien. Zum anderen habe der geänderte Warenkorb zur Berechnung der Inflation höhere Teuerungsraten verursacht. Und darüber hinaus "spiegelt die Rate von 0,9 Prozent eine Reihe von Einmal-Effekten wieder, wie die vorübergehende Senkung der deutschen Mehrwertsteuer im vergangenen Jahr", gab die EZB-Präsidentin zu bedenken. Die Inflationsrate könnte in diesem Jahr zwar kurzzeitig die Zwei-Prozent-Marke erreichen - spätestens Anfang kommenden Jahres werde die Teuerung aber schwächer werden, sagte Lagarde.

So gehen die Konjunktur-Experten der Notenbank nun für dieses Jahr von einer Inflation von 1,5 Prozent aus, während sie für 2022 eine Teuerungsrate von 1,2 Prozent und für 2023 eine Rate von 1,4 Prozent voraussagen. Und derzeit ist der Wert für 2023 entscheidend für die Geldpolitik der EZB. Denn ihr Mandat lautet: Preisstabilität sicherzustellen, die dauerhaft bei "nahe, aber unter zwei Prozent" definiert ist.

Sparer werden sich also noch lange gedulden müssen, bis sie mit halbwegs sicheren Staatsanleihen wieder Geld verdienen können. Lagarde betonte gestern erneut, dass die EZB die Anleihen-Käufe erst beenden werde, "kurz bevor" sie mit der Erhöhung der Leitzinsen beginnt. Seit 2015 hat die Notenbank Staatsanleihen im Wert von rund 3,2 Billionen Euro erworben, um ihr Inflationsziel zu erreichen. Damit ist sie zum größten Gläubiger der Euro-Staaten geworden.

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