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Allein steht Fabian Knapp bei den Heimspielen des Gruppenligisten auf seiner selbstgebauten, kleinen Tribüne und schwenkt eine riesige Fahne. Sicherlich ein ungewöhnlicher Anblick für die Gäste.

„Ich bin die Ultras&ldquo

Fabian Knapp personifiziert den vielleicht kleinsten Fanblock der Welt

Er schwenkt eine gigantische grün-weiße Fahne, er skandiert die Namen seiner Herzensspieler, er hupt durch den Stadtwald: Fabian Knapp tut all das alleine – auf seiner Ein-Mann-Tribüne. Er nennt sich „Ultras Oberrad“.

Es gibt Menschen, die wundern sich über ihn. „Was ist das denn für ein schräger Vogel?“, hat Fabian Knapp mal jemanden über sich sagen gehört. So was stört ihn nicht. Er sieht sich selbst ja so. Er drückt es aber vornehmer aus.

Fabian Knapp, Platzwart und Edelfan des aktuellen Gruppenliga-Spitzenreiters Spvgg 05 Oberrad, wählt seine Worte stets mit Bedacht, achtet dabei auf akzentfreie Artikulation – und räumt ein, dass ihm hin und wieder schon der Frankfurter Zungenschlag durchrutsche. Allein darin mag sich jener Eigensinn äußern, den er anstrebt – in bald jeder Weise. Als „Individualisten unter den Individualisten“ hat ihn mal ein Freund bezeichnet. Das gefiel ihm. Über das, was er mindestens alle zwei Wochen bei Heimspielen veranstaltet, sagt er: „Es ist sicherlich kurios.“

Fabian Knapp sitzt dann gut zwei Meter über dem Geschehen auf einem von ihm erstellten Baugerüst, gewandet im Grün und Weiß der Spvgg 05 Oberrad, und schwenkt seine selbstgenähte grün-weiße Riesenfahne und macht einen plötzlichen Lärm mit seiner Gashupe, dass manche der selten mehr als 100 Zuschauer zusammenzucken. Fabian Knapp, 36 Jahre alt, Oberräder durch und durch, personifiziert vermutlich den kleinsten Fanblock der Welt. „Ich bin die Ultras Oberrad“, sagt er und meint das nicht ironisch. Schließlich steht ihm der Ernst der Sache ins Gesicht geschrieben, wenn er auf seiner Tribüne die Namen seiner Herzensfußballer mit bruststarker Stimme skandiert – wobei manche Namen auffällig häufig durch den Stadtwald schallen, andere gar nicht. „Ich kann mir schlecht Namen merken“, sagt Fabian Knapp.

Tiiimo Becker! Das ruft er immer wieder. Timo Becker ist der Mannschaftskapitän, einer der letzten Helden vom Höhenflug der 05er in die Hessenliga damals, als Fabian Knapp Platzwart der Oberräder wurde. „Ein ganz feiner Mensch“, sagt Fabian Knapp über Timo Becker. Freundlichkeit, Rücksichtnahme, Anstand: Diese Tugenden sind ihm deshalb besonders wichtig, weil sie manchem Zeitgenossen zuweilen abhanden kommen – nicht nur in der Hitze des Gefechts.

Fabian Knapp hingegen ist ein vollkommen sanfter Ultra, was erstens mit seinem Naturell zu tun hat und zweitens mit einer Doppelrolle: Der Mann ist während der Spiele nämlich nicht nur Fan, sondern auch Ordner. Einschreiten musste er als solcher noch nie, einmal nur hat er sich aufs Spielfeld bewegt, weil eine Attacke gegen den Schiedsrichter sich anbahnte. Gut möglich, dass da schon seine imposante Erscheinung den gebührenden Respekt vermittelte. Fabian Knapp ist groß und stämmig, auf dem runden Körper ruht ein runder Kopf, unter dem Kurzhaarschnitt suggeriert ein auffallend junges Gesicht Gemütlichkeit.

Ja, sagt Fabian Knapp, der Eindruck täusche nicht. Obgleich es Dinge zwischen Fußballrasen und Sonne gibt, die ihn durchaus in Rage versetzen können: Wenn er einem Trainer etwas klar und deutlich erklärt und der kurz darauf wieder dasselbe fragt. Wenn jemand sich beschwert, dass seine Mannschaft die Kabine kurzzeitig mit einer anderen Mannschaft teilen muss; vor allem, wenn jemand in ein Gespräch hineinplatzt. „Manchmal sehen die Leute nur sich und ihre Mannschaft.“

Das alles kommt vor, weil Fabian Knapp über zwei Sportplätze regiert, über sechs Kabinen, über Toiletten und Duschen, über jede Menge Trainingsmaterial. 26 Mannschaften, von den Kleinsten bis zu den alten Herren, spielen und trainieren für die Spvgg 05 Oberrad, an den Wochenenden ist er von morgens bis spätabends pausenlos im Einsatz. Der Betrieb, das Gewusel, allein an die 500 Spieler an Spieltagen, die verschiedenen Temperamente und Kulturen: Wie bekommt man das ganz allein unter einen Hut? „Kommunikation“, sagt Fabian Knapp und betont jede Silbe wie jemand, der für ein Diktat vorliest: „Kom-mu-ni-ka-tion.“

Natürlich muss er gut organisiert sein, vorausschauen, Arbeitsschritte zeit- und wegsparend verbinden. An einem sonnigen Frühherbsttag, an dem das Sportgelände am Stadtwald ruhig wie eine Oase daliegt, weil das erste Training um 15.30 Uhr noch fern ist, steht Fabian Knapp vor den Bierbänken der Vereinsgaststädte und saugt das leuchtende Grün allüberall mit den Augen auf, als sähe er es zum ersten Mal. Grün-Weiß, die Farben des Vereins, die passten doch bestens zur Landschaft. „Dieser Anblick“, seufzt er schließlich – und entdeckt schon die eine oder andere Hinterlassenschaft, die den Anblick trübt.

Da liegt eine Wasserflasche auf dem Platz, da eine Hose, im Tor verbergen Herbstblätter ein goldfarbenes Trainingsleibchen. Fabian Knapp sieht alles und sammelt auf. „Was die Spieler alles vergessen“, sagt er ohne Vorwurf. Schuhe, Jacken, Trikots, Bälle. Und weil er all das gar nicht mit einer Zange aufheben kann, muss er in die Knie gehen, muss er den wuchtigen Körper tief beugen. Er geht deshalb zweimal die Woche ins Fitnesstraining.

Es ist diese Gewissenhaftigkeit, die sie einem jungen Mann wie ihm gar nicht wie selbstverständlich zugetraut haben – damals vor fünf Jahren, als er sich für seinen Traumberuf beworben hat. Der Sohn eines Bankangestellten und einer Justizbeamtin lernte Kaufmann, war im Einzelhandelaußendienst tätig, jobbte in einem Fahrradgeschäft, machte einen Ausflug in die Gastronomie – und hatte all die Zeit über im Sinn, eines Tages Platzwart seines Stadtteilklubs zu werden.

Der Platzwart, das muss betont sein, ist die Seele eines Vereins. Ohne ihn erlischt das Leben. Hohe Verantwortung. „Oh ja“, sagt Fabian Knapp. Deswegen sind ja Platzwarte meistens Herren mit Erfahrung, mit bewährter Selbstdisziplin, bewährtem handwerklichen Geschick. Um die Geschichte abzukürzen: Der Vorstand gab Fabian Knapp einen Vertrauensvorschuss. Seit damals, seit Spätsommer 2013, zahlt er das zurück, an sieben Tagen die Woche. Für Urlaub und Überstunden abfeiern bleiben einzig die Saisonpausen.

Viel Zeit für die Hobbys bleibt nicht. Die Eintracht liebt er, den FSV, die Eishockey-Löwen, Motorsport, Uhren, gute Architektur. „Schönheit“, sagt Fabian Knapp. Er reist gerne, schaut sich gerne Fußballstadien an, geht gerne zu den Plätzen kleiner Amateurklubs, „Fußballkultur!“ Die erlebt und lebt er auch ganz unten. In seinem kleinen Platzwartbüro zeugt eine eng gesteckte Fotogalerie von all diesen Leidenschaften. Familienfotos sind da nicht zu sehen. Mit der eigenen Familie, sagt er, das habe noch nicht geklappt. Es klingt nicht so, als wäre es ein Lebensziel. „Ich bin jung und verliebt und tue mir selbst etwas Gutes“, hat Fabian Knapp vorhin im Mittelkreis gesagt. Er meint – natürlich – seine Spvgg 05 Oberrad.

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