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Verführerisch: Fabiana Jarmas Leben wird vom Tango beherrscht. Weil sie es so will. Und das Lebensgefühl liebt.

Der Rote Faden, Folge 182

Fabiana Jarma - Die Tango-Botschafterin

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Sagt in Frankfurt jemand Tango, sagt er bald auch Fabiana Jarma. Sie hat den Tanz und seine Musik vor beinahe 30 Jahren nach Frankfurt gebracht, hat als erste Frau in der Bundesrepublik eine Tangoschule eröffnet und daraus ein kleines Stück Argentinien am Main geformt. Und ausgerechnet dabei ist sie Frankfurterin mit Leib und Seele geworden. Dieser Frau voller positiver Energie widmen wir Folge 182 unserer Serie "Der rote Faden", in der wir jede Woche Menschen vorstellen, die Besonderes für Frankfurt leisten.

In der „Academia de Tango“ sind sie alle vom Fieber dieses Tanzes gepackt. Warum? Die wunderbare Musik, Argentinien, Leidenschaft, Exotik, Liebe, Gefühl, Erotik, Freude, Glück, Schönheit, Gemeinschaft, Führen und Folgen, Sehnsüchte, Improvisation. . . Fabiana Jarma. Sie ist der Mittelpunkt der Academia, ihre Inspirationsquelle, ihr Herz.

Vor 17 Jahren hat sie die Tanzschule gegründet. „Argentinisches Wohnzimmer“ nennt sie ihr Reich an der Sonnemannstraße im Ostend, sich selbst bezeichnet die 49-Jährige als „die Mama der Tango-Szene in Rhein-Main“. Fabiana Jarma erzählt, strahlt Energie und Lebensfreude aus. Ab und zu klackern während des Gesprächs ihre manikürten Fingernägel auf die Tischplatte, strahlen ihre großen braunen Augen ununterbrochen. Ihre Sprache ist voller schöner Bilder, untermalt von diesem charmanten Akzent, der ab und an eine Frankfurterische Sprachfärbung annimmt. „Hört man das? Ich liebe das Gebabbel.“ Aber für den Tanz, dem sie selbst als Teenager verfallen ist, braucht sie nur wenige Worte: „Tango ist ein Lebensgefühl. “

Sie hat daraus ihr Leben gemacht, sitzt jetzt quasi mitten darin, im großen Tanzsaal ihrer Academia. Braunes Holzparkett, dunkelrote Wände, große Fenster, Musikanlage, eine Pinnwand mit einer langen Liste „

Tanzpartner gesucht

“. 400 Schüler, vom blutigen Anfänger bis zum Profi, tanzen jede Woche hier durch. Durchdrungen von diesem Lebensgefühl, das Fabiana Jarma für sie an den Main gebracht hat und das sie verkörpert. Alles was Tango ist, steckt auch in Fabiana Jarma.

Argentinien.

Dort ist sie geboren und aufgewachsen. In Córdoba, rund 1,3 Millionen Einwohner, zweitgrößte Stadt inmitten des Riesenlandes. Der Vater ist Landwirt, Geschäftsmann und Politiker, ein stolzer Latino, der Tochter und dem Sohn gegenüber fürsorgend, aber auch streng ist. Die Mutter ist sanfter, nachgiebiger. Natürlich, sie muss ihre Gefühle ja nicht hinter der harten Schale des Machos verbergen. Die Wurzeln der Familie sind typisch argentinisch, sie reichen in die halbe Welt: Ein Großvater stammt aus Syrien, der andere ist in Spanien geboren, eine Oma Fabianas stammt von Andalusiern ab, die andere kommt aus Sizilien.

In Argentinien wurde auch der Tango geboren, Ende des 19. Jahrhunderts, in den Vierteln der Einwanderer, in Tavernen und Bordellen. Ab den 1920er Jahren erlebt der Tango seine Glanzzeit, von Anfang an ist er beides – die Lieder, deren Melodien und Texte mal voller (Liebes-)Glück, oft genug auch von tiefer Traurigkeit sind, und der Tanz, in dem das Paar all diese Gefühle durchlebt. Der Sänger und Komponist Carlos Gardel wird zum Volkshelden, der Tango zur Seele Argentiniens.

Wunderbare Musik.Fabiana Jarma, die tanzt, seit sie laufen kann, kennt sie, aber sie hört sie nicht. „Wir fanden den Tango altmodisch, die 50- bis 60-Jährigen, die gingen zu den Milongas, wir tanzten anderes.“ Bis ihr Ensemble eine Tango-Choreographie einstudiert. „Das interessierte mich, das wollte ich lernen.“ Vierzehn ist sie da, das Feuer ist entfacht.

Leidenschaft.

Vieles wird Fabiana Jarma noch für sich entdecken: die deutsche Sprache, das Kochen, argentinische Chorizo (Wurst), Glühwein. Immer wird sie diesen Interessen mit einer Leidenschaft nachgehen wir damals dem neu entdeckten Tango: Sie hört, sie ahmt nach und probiert aus, sie besorgt sich Bücher, sucht sich Ratgeber und Lehrer. Sie saugt alles in sich auf.

Tango wird ihr Leben

. Dagegen kommt auch der Vater nicht an. „Dass ich eine Tänzerin werde, das war undenkbar. Bei uns musste Wirtschaft studiert werden.“ Die Tochter geht an die Uni, aber sie studiert nicht, zumindest nicht Ökonomie. „Ich habe jede Nacht getanzt, war tagsüber immer müde. Die Uni hatte ich längst abgebrochen.“ Stattdessen organisiert sie Festivals, unterrichtet. Der Vater ahnt davon wenig. Aber er weiß doch mehr als die Tochter. „Als ich sagte, ich fahre nach Deutschland, sagte er: Du kommst nicht wieder.“

Glück.

Unsagbar traurig ist er, der Moment des Abschieds ist das einzige Mal, dass Fabiana Jarma ihren Vater weinen sieht. Aber mit ihrem Freiheitsdrang, ihrem Willen, die Welt zu sehen, stößt sie sich Türen auf. Mit dem, was sie dahinter vorfindet, ist Fabiana Jarma bis heute zufrieden. „Ich bin ein Mensch, der wahnsinnig viel Glück hat.“ So viel, dass manchmal die Angst kommt, diese Strähne könnte reißen. „Ich bin so vom Leben verwöhnt, wie sollte ich das aushalten?“

Nach Deutschland darf sie, weil dort ein Onkel wohnt. Im beschaulichen Blaubeuren. „Und dann kam ich als kleine, junge Latina . . .“ Sie gibt sich Mühe in der schwäbischen Provinz, sich an die geltenden Regeln zu halten, das hatten die Eltern sie gelehrt. Wie zum Beweis liegt dieses selbst gemalte Plakat von 1998 in ihrem Fotoalbum: Eine Einladung zum Argentinischen Kulturfest im Haus einer Kirchengemeinde, mit Kunsthandwerk, Folklore – und Tango-Vorführung.

Exotik.

Ihr Tanzpartner aus Córdoba rettet sie. Er will nach Spanien, sie überredet ihn zum Zwischenstopp in Frankfurt. Sie wolle Deutsch lernen, erklärt sie dem Onkel zum Abschied, natürlich geht sie tanzen. Tango, mit dem Freund, in der B-Ebene der Hauptwache oder einfach auf der Zeil. „So viele Leute haben zugeschaut, dass der Gemüsestand nebenan kaum noch etwas verkaufen konnte.“ 1988 ist der Anblick eines jungen, tanzenden Paares aus dem Land der Gauchos auch in Frankfurt ein exotischer.

Tango – nicht diesen strengen aus dem Turnier-Repertoire, sondern das getanzte Lebensgefühl aus den Straßen und Bars von Buenos Aires – den kennt in Europa, in Frankfurt so gut wie niemand. „Es gab noch Dietrich Lange, der stammt aus Uruguay und lebt in Berlin. Wir beide waren wohl die einzigen Menschen, die damals hier Tango getanzt haben.“

Sehnsucht.

Doch ein paar Monate nach Jarmas Ankunft am Main macht eine Bühnenshow namens „Tango Argentino“ in den Metropolen des Kontinents Furore, das Publikum in ganz Westeuropa kann den Bandoneon-Klängen nicht länger widerstehen. Plötzlich kennen und hören immer mehr Piazolla und Gardel. Ihre Lieder wecken auch in den Menschen auf dieser Seite der Welt Sehnsüchte – und Fabiana Jarma ist schon da, um sie zu stillen. „Mein Leben ist eine Kette von Zufällen, die ich wahrscheinlich selbst bastele.“ Die Begeisterung in Europa ließ übrigens auch die Argentinier aufmerken und brachte ihnen ihren Tanz wieder nahe. Inzwischen ist er als Weltkulturerbe deklariert.

Improvisation.

Schritte, die man lehren kann, hat der Tango erst in Europa bekommen. Doch ohne Improvisation ist der Tanz undenkbar. Das gefällt Fabiana Jarma. „Ich bin eine sehr organisierte Chaotin. Ich habe Pünktlichkeit und Korrektheit der Deutschen, zugleich kann ich als Argentinierin sehr gut improvisieren.“ Wohl deshalb ist Camping ihre liebste Art der Erholung. Regelmäßig wirft sie ihr Zelt auf die Ladefläche ihres Pick-ups, fährt irgendwohin, wo es schön ist. Und macht außer Lesen nicht viel. „Ich bin die Showfrau für alle und rede jeden Abend mit Menschen, ich sehne mich manchmal nach Ruhe.“

Ihre ersten vier Schüler trifft Jarma bei der Lehrerkooperative, wo sie sich zum Deutschkurs angemeldet hat. Die Lehrerkooperative ist ein Verein von Junglehrern, die nicht in den Schuldienst wollen oder können und recht unkonventionelle Ideen von Bildung verfolgen. Eine Tänzerin passt in dieses Konzept, und so wird aus der Schülerin schnell eine Lehrerin. Sie bekommt eine Aufenthaltsgenehmigung (inzwischen hat sie einen deutschen Pass) und tourt durch Schulen, gibt dort Tanzunterricht, wie er in Argentinien längst schon üblich ist.

Zudem sind ein paar der Kollegen neugierig auf Tango. „In die Academia kommen noch heute einige Tänzer, die können sich gut an unsere ersten Abende in der schäbigen Kantine der Lehrerkooperative erinnern“, sagt Jarma und lacht. „Es war eine Zeit voller Initiative.“

Die Tische an die Wand, ein Rekorder mit einer der drei Musikkassetten, die Jarma im Reisegepäck hatte, ein bisschen rotes Licht, ein paar Rosen, Rotwein. Schon nehmen die Paare Aufstellung, legen die Arme umeinander, kommen sich ganz nah, fangen an mit diesen typischen, anfänglich immer schleifenden, zögerlichen Schritten und Drehungen. Seitdem hat Fabiana Jarma es schon unzählige Male erklärt, dieses Spiel aus Gefühl, Erotik, Führen, Folgen, Schönheit, das der Tango ist. „Als Tangotänzerin folge ich dem Mann, das ist ein richtiger Macho-Tanz.“ Die Rollen von Männern und Frauen seien klar verteilt: „Als Frau hat man beim Tango viel Zeit, schön zu sein. Er passt ja auf mich auf.“

Schöne, selbstbewusste Frauen willenlos in den Armen von Männern? Die Gemeinde der Tangueros wäre wohl riesig. Doch so einfach geht der Traum nicht auf. „Man muss richtig führen und richtig folgen. Richtig führen heißt: er erkennt, was ich will.“ Sie muss das mit ihrem Körper, ihrer Art ihm zu folgen, signalisieren. Tango ist Körpersprache, Körpergefühl.

Das klingt für Nicht-Argentinier kompliziert und macht vor allem deutsche Schüler in ihrer ersten Tanzstunde eher schüchterner und steifer. Aber: „Ja! Ja! Ja! Wirklich jeder kann Tango lernen.“ Die argentinische Methode: einfach lostanzen. Auf den Spaß folgt das Gefühl, irgendwann ein tiefes Verständnis. „Die Deutschen wollen erst verstehen, was sie da tun, die Musik, die Schritte begreifen. Erst dann tanzen sie richtig los.“

Gemeinschaft.

Aber sie tun es, die Tango-Gemeinde ist in der ganzen Bundesrepublik enorm gewachsen, beinahe allabendlich kann man sie auch in Frankfurt tanzen sehen, stehen die Milonga genannten Tanzabende oder Workshops im hiesigen Kulturprogramm. Die Szene kennt sich, man weiß recht gut, wer wann und wo zum Tanzen kommen wird. Mittwochs trifft man sich in der Academia.

1999 hat Jarma ihre Tango-Schule in einem Hinterhof in Sachsenhausen eröffnet. Als erste Frau in der Bundesrepublik. Später folgen der Umzug ins Ostend, die Eröffnung der Tapas-Bar gleich nebenan, aus der inzwischen die „Cocina Argentina“ geworden ist. Und dazwischen reist die Tanguera noch durch die halbe Welt. Gemeinsam mit Julio Gordillo, der einst als Tanzlehrer in ihre Academia kam. „Wir passen perfekt zusammen.“ Überall in Deutschland, in Europa, Argentinien, sogar in Moskau und Bahrein haben die beiden schon Tango getanzt. Heute kann man Fabiana und Julio in der Academia Frankfurt erleben.

Jarmas Mini-Argentinien an der Sonnemannstraße hat über 30 Mitarbeiter. Neuerdings gehört auch der kleine Martin-Elsässer-Platz dazu, für den Jarma mit Charme und Hartnäckigkeit die Genehmigung für einen Sommergarten eingeholt hat. Mit mobiler Gastronomie hat die Chefin bereits Erfahrung: Auf dem Museumsuferfest verkauft sie die argentinische Chorizo, auf dem Weihnachtsmarkt schenkt sie dazu argentinischen Glühwein aus. Den hat sie in ihrer Küche erfunden.

Freude.

Für jeden dieser Schritte hat Jarma genau studiert, was sie braucht, wie’s funktionieren kann. „Ich habe sehr hohe Erwartungen, besonders an mich selbst.“ Mit dem ihr eigenen Fleiß und ihrem Mut hat sie jeden Schritt gewagt. Eine Chance, die sich bietet, ergreift die Argentinierin. „Aber ich mache all das nicht des Geldes wegen, sondern aus Freude.“ Diese trage sie durch ihr durchaus anstrengendes Leben – und es braucht noch ein bisschen mehr: „Man muss früh aufstehen, brav und fleißig sowie gut organisiert sein. Man muss immer mindestens einen Plan B haben, dazu Glück und tolle Leute um sich herum“, notiert Fabiana Jarma als Rezept für alle, die es ihr nachtun wollen.

Liebe.

Ihre erste Liebe am Main war die Stadt selbst. „Ich habe mich in Frankfurt verliebt und Frankfurt sich in mich. Die Chemie hat einfach gestimmt.“ Deshalb war sie nach den ersten Wochen am Main auch nicht mitgegangen, als ihr Tanzpartner aus Córdoba weiter nach Spanien zog. Später verliebt sie sich auch in einen Mann. Er ist Deutscher, bringt zwei kleine Jungen mit in die Familie, zu der bald auch die gemeinsame Tochter Milena gehört. Sie ist heute 15, Fabiana Jarma ist eine stolze Mutter. Leider, sagt sie, sei ihr in der Liebe nicht so viel Glück vergönnt wie sonst. Seit einigen Jahren wohnt sie mit der Tochter in Bornheim allein. Eine neue Liebe, auf die wartet sie noch.

Jene zu Frankfurt hingegen ist ungebrochen. Und die Stadt erwidert sie. Ihr Tango gehört seit Jahren fest zum Programm des Museumsuferfestes. Wenn es um Argentinien geht, sei es zur Buchmesse oder zur Fußball-Weltmeisterschaft, fragen alle zuerst bei Fabiana Jarma nach. „Im Amt für Multikulturelle Angelegenheiten hängt ein Bild von mir. Das macht mich schon stolz“, gibt sie zu.

Und selbst Argentinier sehen in ihr ihre Botschafterin am Main. Jarmas Geschichte ist ein Beispiel von Offenheit, Integration und Erfolg, wie die Stadt es liebt. Und sie selbst, sagt Jarma, habe ja gar keine Zeit gehabt, „zu bemerken, dass ich zurück müsste“. Erst habe sie ihren Koffer in Frankfurt abgestellt, längst ist er ganz ausgepackt. „Er ist ganz weit hinten im Keller verstaubt. Ich kann mir nicht vorstellen, warum ich ihn wieder packen sollte.“

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