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Bernd Ehinger, Präsident der Handwerkskammer Frankfurt-Rhein-Main, fordert, dass mehr junge Menschen statt einem Studium eine Ausbildung beginnen.

Handwerk

„Die Fachkräfte-Suche ist schwierig“

Rund 1000 junge Leute haben im vergangenen Jahr ihre Meisterprüfung bei der Handwerkskammer Frankfurt-Rhein-Main bestanden. Etwa 280 Jungmeister aus 14 verschiedenen Gewerken erhielten am Samstag in der Paulskirche ihren Meisterbrief. Aus diesem Anlass sprach Lokalchef Jörn Tüffers mit dem Kammerpräsidenten Bernd Ehinger.

Haben die Meister überhaupt Zeit, Ihren Meisterbrief in Empfang zu nehmen? Schließlich ist die Auftragslage so gut wie lange nicht.

BERND EHINGER: Die Verleihung der Meisterbriefe nach bestandener Prüfung ist für viele Jungmeister ein einmaliger, für manche auch ein besonders emotionaler Moment im Leben; insbesondere, wenn einem die Ehre zuteil wird, dass der Bundespräsident anwesend ist. Da ist es selbstverständlich, dass man sich die Zeit nimmt. Natürlich freuen wir uns auch, dass die Stimmung in den meisten der mehr als 130 Handwerken in der Region seit einigen Jahren konstant erfreulich ist – auch wenn es immer wieder Herausforderungen gibt.

Wie ist die Zahl der neuen Meister im Vergleich zu der in den Vorjahren einzuschätzen?

EHINGER: Grundsätzlich kann man sagen, dass im Kammerbezirk Frankfurt-Rhein-Main seit einigen Jahren rund 1000 Handwerker pro Jahr mit einer bestandenen Meisterprüfung ihren nächsten Karriereschritt gehen. Klar ist: Die Meisterausbildung ist ein nachhaltiger Invest in die Standortqualität Deutschlands, aber auch Europas. Der Meister steht, nicht nur in Berufen in denen er wegen seiner sogenannten Gefahrengeneigtheit Pflicht ist, für Qualität und Innovation; nicht nur in der Ausbildung, sondern auch für hochwertige Produkte. Allerdings: Gerade in den Berufen, in denen keine Meisterpflicht mehr besteht, wird dramatisch weniger ausgebildet. Das ist ein Problem. Es muss endlich in die Köpfe der Gesellschaft rein: Es kann einfach nicht jeder in diesem Land studieren. Das muss auch nicht jeder: Denn im Handwerk sind die Karriereperspektiven großartig und man kann nach dem Meisterbrief auch ohne ein Abitur ein Studium dranhängen. Der Meister ist gleichwertig zum Bachelor-Abschluss. Das wissen viele Elternhäuser oder Schulen nicht.

Reicht die Zahl der Absolventen aus, um den Erhalt der Meisterbetriebe in den kommenden Jahren zu sichern?

EHINGER: Die Frage würde ich anders formulieren: Wie viel Meister sind nötig, um den Bedarf am Markt zu decken und den Wunsch der Gesellschaft nach qualitativ hochwertiger Leistung und Produkten zu sichern? Ich sage: Die Nachfrage ist da. Innovation braucht Fachkräfte, die auch praktisch wissen, wie neue Techniken eingebaut und gewartet werden. Das bedeutet: Wir brauchen künftig tendenziell mehr Meisterabsolventen als weniger. Denken Sie etwa an Entwicklungen wie Wirtschaft 4.0, Elektromobilität oder smartes Bauen.

Wie viele Unternehmen im Kammerbezirk benötigen in den kommenden Jahren einen Nachfolger?

EHINGER: Aktuell muss sich bundesweit jeder fünfte Unternehmer Gedanken machen, wie es weitergeht. Tendenz steigend. Das ist in der Metropolregion Frankfurt-Rhein-Main nicht anders.

Was können Sie als Kammer tun, um auf Ihre Mitglieder hinzuwirken, sich rechtzeitig mit der Nachfolgeregelung zu beschäftigen?

EHINGER: Die Handwerkskammer Frankfurt-Rhein-Main versteht sich als Partner ihrer Mitglieder. Wir weisen daher regelmäßig auf das Thema Nachfolgeregelung hin: Sei es bei Meisterfeiern – weil hier eben die potenziellen Nachfolger sitzen – als auch in unseren regelmäßigen Angeboten, zum Beispiel in Informationsveranstaltungen und in der Meistervorbereitung. Wir haben zudem eine Reihe von Betriebsberatern, die den Mitgliedern mit Rat und Tat zur Seite stehen und umfangreich in Sachen Betriebsübergang beraten. Sie bringen Übergeber und Existenzgründer mit Hilfe einer Datenbank zusammen.

Welchen Erfolg hat die Kammer bereits mit Ihren Bemühungen, Studienabbrecher und Abiturienten fürs Handwerk zu begeistern?

EHINGER: Ende 2017 haben wir zum Beispiel mit unserem Informationangebot „yourPUSH.de“ mehr als 50 junge Menschen für eine duale Ausbildung begeistern können, die während ihrer akademischen Laufbahn gemerkt haben, dass ihre Neigungen in einem anderen Schwerpunkt liegen.

Welches Potenzial steckt in den Flüchtlingen, die zu uns gekommen sind?

EHINGER: Ein enormes. Bis zum Stichtag 30. September haben hessenweit 956 Geflüchtete aus Afghanistan, Eritrea, Irak, Iran, Nigeria, Pakistan, Somalia und Syrien eine Ausbildung in einem der Ausbildungsberufe im Handwerk begonnen. Darüber hinaus haben noch rund 300 an einer Einstiegsqualifizierung teilgenommen, mit der Betriebe junge Menschen an eine Ausbildung in ihrem Betrieb heranführen können. Tendenz steigend. Das ist ein Zeichen, dass das Handwerk bereit ist, Flüchtlinge auszubilden und hier auch sehr erfolgreich ist.

Wünschen Sie sich bei der Bewältigung dieser Zukunftsfragen Unterstützung durch die Politik?

EHINGER: Nicht nur die Handwerkskammer Frankfurt-Rhein-Main, auch das hessische Handwerk, das ich als Präsident des Hessischen Handwerkstags ebenfalls vertrete, sucht regelmäßig den regen Austausch zur Politik, um in den Zukunftsthemen gemeinsam vorwärts zu kommen. Das betrifft nicht nur den Bereich Asyl und Integration, sondern etwa auch die Bereiche Wirtschaft 4.0, Verkehr, Infrastruktur oder die Berufsschulentwicklungsplanung. Darin wollen wir nun im Sinne unserer Mitglieder noch besser werden: Mit einem Strategieforum für die Metropolregion Frankfurt-Rhein-Main wollen wir – die beteiligten Industrie- und Handelskammern und Handwerkskammern gemeinsam mit der Politik aus Hessen, Bayern, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz – ab diesem Jahr die Zusammenarbeit in diesen Themen noch weiter verbessern.

Noch einmal zur guten Konjunktur: Teilen Sie die Bedenken, dass die Entwicklung an einen Wendepunkt zu gelangen droht? Das Stichwort ist Fachkräftemangel.

EHINGER: Die Auslastung der Betriebe wird weiterhin gut funktionieren, wenn sich an den großen globalen Parametern nichts ändert. Aber die Entwicklung wird sich verlangsamen, wenn wir nicht die richtigen Weichen dafür stellen, dass genügend Fachkräfte da sind, die die anfallenden Aufträge auch abarbeiten. Wenn mehr als 50 Prozent eines Jahrgangs ein Studium beginnt, dazu noch die demografische Entwicklung kommt, ist es für die Wirtschaft unheimlich schwierig, Fachkräfte zu finden.

Haben Sie Kenntnis darüber, dass Mitgliedsunternehmen Aufträge ablehnen müssen, weil sie keine geeigneten Mitarbeiter finden?

EHINGER: Ja, einige Betriebe haben sich ja diesbezüglich schon so auch öffentlich geäußert. Die Auslastung führt dazu, dass die Ausführung planbarer Arbeiten länger dauert. Ich kann Kunden nur empfehlen, diese Dinge frühzeitig mit ihrem Handwerker zu besprechen.

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