Stadtteilhistoriker Shahram Moghaddam mit seiner Gitarre im Hof der Liebfrauenkirche. Er widmet sich in einem Buch und Kompositionen dem Thema Obdachlosigkeit in Frankfurt.
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Stadtteilhistoriker Shahram Moghaddam mit seiner Gitarre im Hof der Liebfrauenkirche. Er widmet sich in einem Buch und Kompositionen dem Thema Obdachlosigkeit in Frankfurt.

Spiel uns das Lied vom Leben in Frankfurt

Er fängt mit seiner Gitarre die rauen Töne der Großstadt ein

  • vonGernot Gottwals
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Der Stadtteilhistoriker Shahram Moghaddam forscht zu Obdachlosigkeit und Armut - und widmet sich in Kompositionen und Fotografien der Stadt.

Frankfurt -Obdachlosigkeit und Armut waren auf den Straßen der reichen Messe- und Handelsstadt immer spürbar. Wie schmerzlich das Leben und Überleben auf Frankfurts Straßen vor allem für die Betroffenen selbst ist, empfindet Shahram Moghaddam auf der Gitarre nach. "Das Betteln und Klimpern der Münzen, dazwischen Polizei und Feuerwehr, so klingt das Leben auf der Straße in Frankfurt", erläutert Moghaddam, während er im Hof der Liebfrauenkirche einen dissonanten Dreiklang auf einer Gitarre spielt.

In rund 40 Kompositionen hat der 51-jährige Iraner Frankfurts raue Töne eingefangen. Ursprünglich wollte sich der Stadtteilhistoriker der Stiftung Polytechnische Gesellschaft auf "Bettler und Wohnungslose in Frankfurt nach dem Zweiten Weltkrieg und die soziale Entwicklung der Stadt" konzentrieren. Immerhin war damals die Alt- und Innenstadt zu rund 70 Prozent zerstört, selbst wohlhabende Familien waren ausgebombt und hatten ihr Zuhause verloren. Doch dann beschloss Moghaddam, das Thema auszuweiten und auch das Format seiner Arbeit etwas kreativer mit eigener Musik und Fotos zu gestalten. Nun plant der Berufsmusiker ein rund 50-seitiges Buch, in er neben historischen Betrachtungen über die Gründe und Wurzeln für die Armut in Frankfurt auch seine Kompositionen sowie Fotos und Gemälde von ihm und seinen Freunden aus der Kunstszene über Obdachlose veröffentlichen möchte. Viele seiner Bilder sind in der Neuen Kräme nahe der Liebfrauenkirche entstanden, wo auch prominente Wohnungslose wie Eisenbahn-Rainer "zu Hause" sind. "Schön wäre es, wenn ich meine Stücke auch mal im Franziskustreff spielen könnte", meint er.

Zu seinen Lieblingsorten mit besonderer Symbolkraft zählt der gebürtige Iraner den Gerechtigkeitsbrunnen: Unweit der Neuen Altstadt, die erst in den vergangenen fünfzehn Jahren an Stelle der Trümmerwüsten nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden ist, stehe die Justitia mit den Waagschalen auch heute für die Forderung, dass in einer der wohlhabendsten Städten des Landes kein Bewohner in Armut und Obdachlosigkeit leben muss.

Nach Moghaddams Recherchen wurden obdachlose Menschen schon lange vor dem Zweiten Weltkrieg isoliert, diskriminiert, ja sogar kriminalisiert: Die gesetzliche Grundlage war der bereits seit 1871 geltende Paragraf 361des Strafgesetzbuchs für das Deutsche Reich . Mit ihm konnte Landstreicherei mit bis zu sechs Wochen Haft bestraft werden. Diese Gesetzesnorm wurde in der Bundesrepublik Deutschland erst 1974 gestrichen.

Die Verfolgung von Obdachlosen kulminierte in ihrer Vernichtung in den Konzentrationslagern im Nationalsozialismus. "Dort mussten sie den schwarzen Winkel für die sogenannten Asozialen tragen, ein Sammelbegriff unter anderem für Landstreicher, Bettler und Zuhälter", erklärt Moghaddam. Nach Schätzungen des Historikers Wolfgang Ayaß seien mehr als zehntausend von ihnen umgekommen.

Nach den harten Jahren des Wiederaufbaus gewann die Mainmetropole schnell wieder an Attraktivität. "Nach Frankfurt sind aber auch viele Menschen gekommen, weil sie in ihrer Heimat keine Perspektive mehr sahen", stellt Moghaddam fest. Auch er kennt die Armut aus seinem Heimatland, dem Iran, und von Reisen durch Indien, Bulgarien oder Portugal und ist auch vielen Betroffenen auf Frankfurts Straßen begegnet. "Rund 200 bis 300 Frankfurter haben derzeit keine feste Bleibe, doch die Obdachlosigkeit der Menschen ist fast immer unfreiwillig und wird von den Betroffenen als extrem belastende Zwischenphase wahrgenommen", betont Moghaddam. Viele von ihnen halten sich mit Betteln, Schaustellen oder Flaschensammeln über Wasser. "Sowohl Obdachlose als auch Wohnungslose, die zumindest noch bei Freunden, Verwandten oder in städtischen Einrichtungen unterkommen, brauchen eine stärkere Lobby, um wieder in geregelte Wohnverhältnisse zurückzufinden", fordert Moghaddam.

Zumal städtische Notunterkünfte nur eine vorübergehende Lösung seien. Besonders betroffen seien Obdachlose mit schweren psychischen Problemen, die oft von sich aus keine Hilfe mehr annehmen könnten. Ihnen gibt der Iraner eine Stimme, sowohl mit seinen historischen Recherchen als auch mit Bildern und seinen Kompositionen, die den Missklang der Polizeisirenen und die verzweifelten Hilferufe in vielen Sprachen in Musik übersetzen.

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