Mit dem Wirtschaftswunder wuchs das Bedürfnis, Wohlstand zu zeigen. Beliebt waren selbst in den frühen 1970er-Jahren verzierte Stand- und Wanduhren, in vielen Wohnzimmern erklang ihr Stundenspiel.
+
Mit dem Wirtschaftswunder wuchs das Bedürfnis, Wohlstand zu zeigen. Beliebt waren selbst in den frühen 1970er-Jahren verzierte Stand- und Wanduhren, in vielen Wohnzimmern erklang ihr Stundenspiel.

Jubiläum

Familientradition und Modegeschichte: 50 Jahre Juwelier Wempe in Frankfurt

Bei seiner Eröffnung erinnerte das Schmuckgeschäft an der Hauptwache an einen englischen Club. Später war der Inhaber sauer, wenn kein günstiger Ohrstecker im Schaufenster lag. Heute gibt's mehr Titan statt Gold. Doch begonnen hat alles mit einem ziemlich verrückten Deal.

Frankfurt Ledersessel, Samtteppich, Ziersäulen: Beim Blick in dieses Geschäft fühlten sich Kunden in einen englischen Club versetzt. Genau diese Mischung aus Gediegenheit und Luxus strebte das Juwelier-Unternehmen Wempe an, als es im Sommer 1970 seine erste Niederlassung im Frankfurter Steinweg eröffnete.

Heute, 50 Jahre später, gilt das Geschäft, das seit Mitte der 1970er-Jahre direkt an der Hauptwache residiert, als Institution in Sachen Uhren und Schmuck. "Unter unseren Stammkunden sind Familien, die schon in dritter Generation hier einkaufen", sagt Geschäftsführer Uwe Beckmann.

Titan statt Gold

In diesen fünf Jahrzehnten hat sich manches verändert. Nicht nur das Interieur der Filiale, sondern auch Uhren und Schmuck selbst. Die Durchmesser der Chronometer wuchsen, ebenso die Fülle der verwendeten Materialien. Während man vor 50 Jahren überwiegend Gold und Platin einsetzte, kamen Anfang der 1980er-Jahre Quarzuhren groß in Mode, danach knallbunte Swatch-Exemplare. Heute werde viel mehr Metall verwendet als früher, sagt Beckmann, etwa Stahl, Titan und Tantal. Und statt der breiten, schweren Goldarmbänder, wie sie in den 1970er-Jahren gefragt waren, sind heute leichte, filigrane Schmuckstücke modern.

Als ein fehlender Ohrstecker Ärger machte

Der Wempe-Standort an der Hauptwache, in dem 32 Mitarbeiter tätig sind, ist in gewisser Weise typisch für das Hamburger Familienunternehmen: nicht unbedingt die feinste Ecke der Stadt, aber "mitten im Leben", formuliert es der Geschäftsführer. Schließlich sehe man sich nicht nur als Juwelier für die oberen Zehntausend, sondern auch für die bürgerliche Mitte. Vor allem der 88-jährige Seniorchef Hellmut Wempe lege größten Wert darauf, das nach außen sichtbar zu machen, erzählt Beckmann schmunzelnd: "Wehe, es war nicht der Ohrstecker für 128 Euro im Schaufenster, wenn er zu Besuch kam - dann gab's richtig Ärger."

Diese Denkweise dürfte eines der Erfolgsrezepte für das Unternehmen sein, das 1878 als kleine Uhrenwerkstatt mit Verkauf in Elsfleth in der Nähe von Oldenburg gegründet wurde und 1907 nach Hamburg umzog. Auch dank der aufwendigen Gestaltung seiner Schaufenster wurde Firmengründer Gerhard D. Wempe bald der Spitzname "Gülden Gerd" verpasst. Sohn Herbert Wempe baute das Filialnetz aus, legte den Grundstein für eine eigene Chronometerfertigung - und machte 1929 mit einen spektakulären Vorfall von sich reden.

Listiger Handel mit Einbrechern

Einbrecher hatten die Niederlassung in den Hamburger Alsterarkaden heimgesucht und dabei Schmuck und Uhren im Wert von rund 30 000 Reichsmark erbeutet. Und was machte Herbert Wempe? Schaltete eine Zeitungsanzeige, in der er den "Herren Einbrechern" einen Handel vorschlug: Rückkauf der Ware, ohne die Polizei einzuschalten. Tatsächlich ließen sich die Täter darauf ein, und Wempe erhielt fast die gesamte Beute zurück. Der unkonventionelle Deal regte nicht nur den Schriftsteller Hans Fallada zu seinem Buch "Wer einmal aus dem Blechnapf frisst" an, sondern auch der 1955 gedrehte Film "Rififi" soll davon inspiriert sein.

Sohn Hellmut Wempe wiederum, der die Firma seit 1963 leitet und sie heute mit seiner Tochter Kim-Eva Wempe führt, prägt das Unternehmen auf seine Weise: durch Gründung neuer Niederlassungen. Zuerst in Lübeck, dann in Bremen, schließlich in Berlin, Hannover, Frankfurt, Köln, Stuttgart und München, dann sogar jenseits der bundesdeutschen Grenzen, nämlich auf der mondänen Fifth Avenue in New York sowie in Paris, Wien, London, Madrid und auf dem Luxusliner "MS Europa".

Zehn Jahre "Probezeit"

Dennoch, sagt Uwe Beckmann, sei das Unternehmen bis heute "zu 100 Prozent in Familienbesitz". Und die Familie setze unbeirrt auf die Werte traditioneller hanseatischer Kaufleute, für die ein Handschlag oder auch nur das gesprochene Wort ebenso viel zählten wie schriftliche Verträge. Seit 34 Jahren sei er für Wempe tätig, verrät der Geschäftsführer, "die ersten zehn Jahre ohne Vertrag". Und er schwärmt von der besonderen Kultur des Unternehmens, dem so viele langjährige Mitarbeiter angehören, dass ein Arbeitsjubiläum von zehn Jahren zwar gebührend zelebriert werde, aber nichts Ungewöhnliches sei. "Bei uns heißt es: Wer das zehnjährige Arbeitsjubiläum feiert, hat die Probezeit überstanden", sagt Beckmann lachend.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare