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Fastnacht in Frankfurt: Erneute Absage wegen Corona tut „sehr weh“

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Von: Judith Dietermann

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Gibt es Hoffnung, dass die Fastnacht in Frankfurt nächstes Jahr stattfinden kann?
Gibt es Hoffnung, dass die Fastnacht in Frankfurt nächstes Jahr stattfinden kann? © Andreas Arnold/dpa

Schon zweimal musste die Fastnacht in Frankfurt wegen der Pandemie ausfallen. Klaus Fischer, ehemaliger Präsident des Grossen Rats, spricht über die Zukunft der Fastnacht.

Frankfurt - Groß ist die Trauer bei den Fastnachtern darüber, dass die Kampagne in diesem Jahr erneut ausfallen musste. Auch beim ehemalige Präsidenten des Grossen Rates Klaus Fischer. Im Interview spricht er über diese Entscheidung, seine Gefühle und die Zukunft der Fastnacht in Frankfurt.

Es ist Rosenmontag, zum Feiern zumute ist aber bei einem Blick auf die aktuellen Geschehnisse in der Ukraine niemanden. Sogar die Erstürmung des Römers am Samstag wurde abgesagt. Die richtige Entscheidung?

Absolut. Wir können nicht feiern, wenn 1500 Kilometer Luftlinie entfernt Menschen sterben. Das wäre gar nicht gegangen. Zuerst wurden die Konfetti-Kanonen gestrichen, dann die gesamte Veranstaltung. Das war richtig so. Wir sind in Gedanken bei den Menschen in der Ukraine.

Fastnacht in Frankfurt: Infektionszahlen trotz Absage weiter gestiegen

Wenn der Fastnachtszug und die Veranstaltungen nicht ohnehin schon wegen der Corona-Pandemie abgesagt gewesen wären, dann wäre dieser Schritt also spätestens jetzt gefolgt?

Das ist schwierig zu sagen, aber ich gehe davon aus.

Wie stehen Sie zu der Entscheidung, dass wegen der Pandemie fast die gesamte Fastnacht ins Wasser fiel. Unterstützen Sie diese?

Sagen wir mal so: Ich war erstaunt, dass die Fastnacht in dieser umfassenden Form abgesagt wurde.

Warum?

Meine Meinung ist vielleicht nicht die, die die meisten Leute teilen. Was auch daran liegen mag, dass ich zum Glück mit Krankheiten weniger Probleme habe und in jungen Jahren, durch meine Reisen nach Afrika und den Orient gegen alles Mögliche geimpft wurde. Ich hätte vieles anderes gemacht. Denn was hat die Absage der Fastnacht letztlich gebracht? Die Infektionszahlen sind trotzdem immer weiter gestiegen. Mit der 2G-Plus-Regel hätte man einige Veranstaltungen durchaus in den Griff bekommen können.

Fastnacht in Frankfurt: Über eine Stunde Filmmaterial

Das hätte aber deutlich leerere Säle mit viel Abstand zwischen den Narren bedeutet. Ist das wirklich die Fastnacht, die wir uns wünschen?

Nein, sicher nicht. In einem Saal mit 120 Menschen feiern, in den sonst 600 passen würden? Das ist nichts. Plus die organisatorischen Vorschriften: Einen extra Eingang für ungeimpfte Künstler, die den geimpften Gästen nicht zu nahe kommen dürfen. Das macht so auch keinen Spaß.

Weil Fastnacht mit angezogener Handbremse eben keine Fastnacht ist...

Nein, das ist sie nicht. Um dem Ehrensenat, den Vereinen und allen Freunden der Fastnacht trotzdem etwas zu bieten, haben die Jungs vom Zug- und Veranstaltungsausschuss sich etwas Witziges ausgedacht. Den "Frankfurter Bock" angelehnt an den "Blauen Bock" von Heinz Schenk. Über eine Stunde Filmmaterial ist so entstanden, das seit Weiberfastnacht online unter www.grosser-rat.de abgerufen werden kann. Es ist toll geworden.

Klaus Fischer war von 1993 bis 2013 Präsident des Grossen Rates der Frankfurter Karnevalvereine.
Klaus Fischer war von 1993 bis 2013 Präsident des Grossen Rates der Frankfurter Karnevalvereine. © Enrico Sauda

Das ist zumindest ein kleines Trostpflaster für die Wunden der Fastnachter. Wie sehr tut es weh, dass bereits zum zweiten Mal in Folge alles ausfällt?

Sehr weh. Auch weil ich durch den engen Kontakt, den ich seit über 30 Jahren zu den Karnevalsvereinen in der Stadt pflege, spüre, wie sie unter der Situation leiden und was dort alles kaputt geht. Erst vor wenigen Tagen habe ich mit meiner Enkelin gesprochen, die in der Garde der Fidelen Eckenheimer tanzt. Sie können zwar wieder regelmäßig trainieren, haben aber keine Auftritte. Da fragt man sich manchmal schon, wofür man das alles macht. Denn als Fastnachter möchte man sich ja auch präsentieren.

Fastnacht in Frankfurt: Gespaltene Vereine müssen zusammengebracht werden

Was bedeutet das für die Zukunft der Vereine, die ohnehin ja schon oft unter Nachwuchssorgen leiden?

Für Vereine wie die Fidelen Eckenheimer, die auf einem Familienkonzept aufgebaut sind und eine sehr große Jugendabteilung haben, wird es eng, die Kurve zu kriegen. Wenn von den derzeit 65 Vereinen nach der Corona-Pandemie noch 45 aktiv sind, dann sind das viele.

Wie kann das verhindert werden?

Das zeigt zunächst, wie wichtig es ist, die teils gespaltenen Vereine wieder zusammenzubringen. Worum sich ja auch schon mein Vorgänger als Präsident des Grossen Rates, Konrad Trapp, sehr bemüht hatte. Damit man letztlich zwar weniger Vereine hat, die aber überlebensfähig sind. Was für Zeiten wie diese ungemein wichtig ist.

Warum sind die Vereine gespalten?

Weil es irgendwann die unsägliche Verfügung der Stadt gab, dass Sportvereine einen höheren Zuschuss erhalten als Karnevalsvereine. Viele spalteten sich dann auf - in einen karnevalistischen und einen sportlichen Teil. Was wiederum dazu führte, dass immer weniger Vereine am Umzug teilnahmen. Folgen, die sich schon vor knapp zehn Jahren, als ich noch Präsident war, abgezeichnet haben. Weswegen ich schon damals immer wieder an die Vereine plädiert habe, sich doch zusammen zu schließen. Denn gemeinsam ist man stärker als alleine. Zudem habe ich vorgeschlagen, für den Fastnachtsumzug Umland-Gruppen einzuladen sowie auch den Grossen Rat für eine Mitgliedschaft dieser Vereine zu öffnen, was ein Gewinn gewesen wäre.

Frankfurt: Fastnacht Vereine überleben nur mit Ganzjahresprogramm

Ein Vorschlag, der aber nicht gut ankam...

Nein, stattdessen wurde befürchtet, dass die Vereine von außerhalb den Frankfurtern den Rang ablaufen würden. Präsident Axel Heilmann hat für den Zug 2020 sogar ein Preisgeld ausgelobt für die drei schönsten Wagen. Was ist dabei heraus gekommen? Nichts.

Und dann kam die Corona-Pandemie. Ist die Frankfurter Fastnacht ernsthaft in Gefahr?

Nein, aber es wird viel Arbeit sein. Für alle. Vor allem für die großen Vereine wie die Fidelen Nassauer, der für mich der beste Verein ist, den wir derzeit haben. Ohne den Heddemer Käwwern zu nahe zu treten. Sie sind ebenso wichtig. Wie auch die bereits erwähnten Fidelen Eckenheimer, der Karnevalverein Enkheim oder die Krätscher. Auf sie kann man bauen. Aber ich glaube, dass bald zwei, vielleicht drei Hände reichen, um diese Vereine aufzuzählen.

Welche Chance haben die kleineren Vereine?

Ein reiner Karnevalverein kann nur dann überleben, wenn er ein Ganzjahresprogramm anbietet. Sei es mit Sommerfesten oder Ausflügen. Da gibt es viele Möglichkeiten.

Fastnacht in Frankfurt: Alles viel aufwändiger als früher

Jetzt haben wir viel über die Vereine gesprochen. Aber wie geht es eigentlich dem Grossen Rat. Die emotionale Seite ist die eine, aber wie sieht es wirtschaftlich aus?

Ich bin ehrlich gesagt heilfroh, dass ich in dieser Corona-Zeit nicht aktiv im Grossen Rat bin. Das alles ist schwierig, schließlich funktioniert die Fastnacht nur mit Sponsoren. Die auch nach zwei Jahren ohne Veranstaltungen am Ball bleiben müssen. Hinzu kommt dieses Auf und Ab, am 11.11. sah es noch gut aus, es wurden Verträge gemacht, man hat sich mit Herzblut und Leidenschaft vorbereitet, um dann doch wieder alles absagen zu müssen. Wobei der Grosse Rat mittlerweile viel klüger agiert als wir 1991, als der Fastnachtsumzug wegen des Krieges im Nahen Osten abgesagt wurde.

Inwiefern?

Wir haben uns damals auf die Aussagen von Künstlern und Kapellen verlassen, dass sie kein Geld haben möchte, sollte der Zug nicht stattfinden. Schriftlich festgehalten wurde da nichts, natürlich wollten sie dann ihr Geld. Aber: Aus Erfahrung wird man klug. Jetzt gibt es eine entsprechende Klausel in den Verträgen bezüglich einer coronabedingten Absage bis acht Tage vor der Veranstaltung. Trotzdem beneide ich die Kollegen von heute nicht, um ihre Ämter. Sie haben so viel zu beachten. Seien es die Anträge oder die TÜV-Abnahmen der Wagen für den Umzug. Früher hat sich jemand die Fahrzeuge angeschaut, wenn sich die Räder noch drehten, gab es die rote Nummer. Heute ist das alles sehr viel aufwendiger.

Frankfurt: Hoffnung, dass Fastnacht im kommenden Jahr stattfindet

Dafür hat der Grosse Rat aber auch einen stattlichen Fuhrpark...

Ja, theoretisch könnte man morgen darauf zugreifen und sagen: Auf geht's! Die Präsentation für den nächsten Umzug ist also sichergestellt, vorausgesetzt es gibt dann noch genug Vereine, die die Lücken ausfüllen.

Was machen Sie eigentlich am 19.Februar 2023? Das ist übrigens ein Sonntag...

(lacht) Ich gehe zu 99,9 Prozent davon aus, dass ich zum Römer gehe und dort entweder, je nachdem wie mein Präsident es möchte, auf einem der Wagen des Grossen Rates beim Fastnachtsumzug mitfahre. Oder mit großer Freude auf der Tribüne stehe und mir von dort alles ansehe. Frankfurt helau! (Judith Dietermann)

In Kriftel im Main-Taunus-Kreis fand die Fastnacht wegen Corona in anderer Form statt: In einer Online-Sitzung auf YouTube begeistern die Krifteler Narren Tausende Zuschauer.

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