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„Das würde ich nicht mal meinem ärgsten Feind wünschen“ - Feldmann im großen Interview nach der Abwahl

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Von: Stefanie Liedtke

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Peter Feldmann über seine Abwahl als Oberbürgermeister von Frankfurt, über Fehler und Fehleinschätzungen und über seine Zukunft.

Herr Feldmann, heute* ist Ihr letzter Arbeitstag als Oberbürgermeister. Wie geht es Ihnen?

Peter Feldmann: Auf der einen Seite bin ich froh, dass der Konflikt vorbei ist. Auf der anderen Seite finde ich es schade, weil ich den Job mit Herzblut gemacht habe. Es ist schon eine sehr reizvolle Aufgabe, Oberbürgermeister in Frankfurt zu sein. Ich hätte mich gefreut, wenn ich da noch länger am Ball hätte bleiben können.

Was ging Ihnen am Sonntagabend durch den Kopf, als Ihnen klar wurde, dass Sie abgewählt sind?

Feldmann: Ich habe mir ja nicht viel Zeit gelassen, ich bin nach vielleicht 15 Minuten vor die Kameras getreten und habe gesagt: Das ist Demokratie. Man muss akzeptieren, wenn es schlecht läuft. Es ist für mich auch schon drei mal gut gelaufen mit den beiden OB-Wahlen und der Kommunalwahl 2016.

War das auch so, nachdem Sie eine Nacht darüber geschlafen hatten?

Feldmann: Am nächsten Morgen war das Gefühl schon anders. Da hatte ich das Gefühl, dass es mir besser gehen würde, wenn ich vor dem Bürgerentscheid das gemacht hätte, was ich zehn Jahre lang gemacht habe: Leute mobilisieren, Flyer verteilen, aktiv sein. Die Zurückhaltung vor der Abstimmung, die ist mir schwergefallen.

Peter Feldmann in Frankfurt: „Dachte tatsächlich, dass das Quorum nicht zu erreichen ist“

Aber Sie haben sich zurückgehalten, weil Sie ein anderes Ergebnis erwartet haben. . .

Feldmann: Ich dachte tatsächlich, dass das Quorum nicht zu erreichen ist. Das war ja irgendwie auch Mainstream - bei uns im Büro, bei den Parteien. Herr Pürsün hatte deshalb ja sogar gefordert, dass man das Quorum absenken müsse. Ich dachte, wenn ich mich zurückhalte, kann nichts passieren. Aber es wäre mir besser gegangen, wenn ich so wahlgekämpft hätte, wie ich es immer gemacht habe.

Was war Ihrer Meinung nach ausschlaggebend dafür, dass es für Sie nicht gereicht hat?

Feldmann: Der Ur-Fehler, das war damals, als die ersten Vorwürfe in der Awo-Affäre laut wurden. Das war für mich so ein Brett, dass ich erstmal keine Luft bekommen habe. Damals dachte ich: ,Da sagst Du jetzt erstmal nichts.‘ Ich dachte, das tue mir gut, das tue vielleicht auch meiner Frau gut. Es wäre besser gewesen, wenn ich selbstbewusst rausgegangen wäre und gesagt hätte: Es ist so und so und das war’s.

Noch-Oberbürgermeister Peter Feldmann im Interview mit dieser Zeitung anlässlich seines heutigen letzten Arbeitstags.
Peter Feldmann im Interview mit dieser Zeitung anlässlich seines heutigen letzten Arbeitstags. © Enrico Sauda

Das liegt bereits drei Jahre zurück...

Feldmann: Aber es ist nicht vergessen. Die ganze Awo-Affäre, im Grunde eine langweilige Geschichte, hat ja überhaupt erst Fahrt aufgenommen, als sie mit diesem schillernden Paar in Verbindung gebracht wurde, mit diesem beinahe schon ikonischen Foto von mir und meiner Frau bei meiner Wiederwahl. Da habe ich natürlich zur Dynamik beigetragen, indem ich nicht sofort klargestellt habe, was war. Dadurch wurde eine Welle ausgelöst, die ich komplett unterschätzt hatte.

Peter Feldmann: „Dass ich jetzt mit der Tochter Fahrradfahren geübt habe, solche Dinge sind mein ganzer Stolz“

Beobachter sehen eher die Erklärung vor Gericht über die gewünschte Abtreibung Ihrer Tochter als entscheidenden Faktor. Das hat für derart große Empörung gesorgt, dass damit Ihre Abwahl besiegelt war. Wie sehen Sie das?

Feldmann: Das weiß man natürlich im Nachhinein nicht. Ich glaube, es war richtig, dass ich mich nicht bei der sogenannten Stadtgesellschaft oder den Medien entschuldigt habe, sondern bei meiner Tochter. Viele andere Frauen und Männer haben schon mal vor solch einer Situation gestanden, haben sich über so etwas schon gestritten. Das war bei uns nicht anders. Ich habe mit mir gekämpft, wir als Paar haben miteinander gekämpft, und dann habe ich gesagt: Ich ziehe das mit durch. Nicht mal eben mit ins Krankenhaus, sondern ein Leben lang. Und dass ich jetzt am Wochenende mit der Tochter Fahrradfahren geübt habe, solche Dinge sind mein ganzer Stolz. Ich kann aber leider die Diskussionen, die vor sieben Jahren stattgefunden haben, auch nicht einfach löschen.

Sie hätten sie aber auch nicht vor Gericht öffentlich machen müssen. Wie kam es überhaupt dazu?

Feldmann: Ich hätte nie gedacht, dass das solche Wellen schlägt. Das war eine komplette Fehleinschätzung. Aber wie gesagt: Die Entschuldigung gilt der Tochter und niemandem sonst.

Bereuen Sie, dass Sie diese intimen Details erzählt haben?

Feldmann: Ich habe mir selbst, der Tochter und auch der Mutter versprochen, so etwas nie wieder zu machen.

Die vergangenen Wochen und Monate waren nicht leicht, weder für Sie, noch für Ihre Familie. Warum haben Sie sich das angetan?

Feldmann: Weil ich zutiefst davon überzeugt war, dass es wie ein Schuldeingeständnis gewirkt hätte, wenn ich es anders gehandhabt hätte. Ich habe es bei öffentlich ausgetragenen Konflikten immer so erlebt: Wenn einer weicht, interessiert es hinterher keinen mehr, ob er nur eine geringfügige Strafe bekommt oder gar freigesprochen wird. Bei den Leuten bleibt hängen: ,Der musste gehen, weil...‘ Das ist, als würde ich unterschreiben: Ich bin schuldig, drei Ausrufezeichen. Das wollte ich nicht. Ich bin nicht korrupt.

Feldmann über OB-Abwahl in Frankfurt: „Bin vielleicht nicht der Typ für einfache Wege“

Dabei geht es Ihnen um Ihre Person und um Ihre Schuld oder Unschuld. Hätten Sie als Oberbürgermeister die Stadt nicht mehr in den Blick nehmen müssen? Für Frankfurt waren die letzten Wochen und Monate auch nicht leicht...

Feldmann: Das habe ja nicht ich so entschieden. Ich hatte einen freiwilligen Rückzug Ende Januar angeboten. Und ich hatte für mich entschieden, dass ich das vor Gericht durchstehen will und dass ich das auch in meiner Rolle als Oberbürgermeister durchstehen will. Ich glaube, es ist wichtig, der Bevölkerung, der jungen Generation zu zeigen, dass man in Situationen, in denen die persönliche Integrität in Frage steht, nicht weicht.

Aber als klar war, dass die Stadtverordneten und ihre eigene Partei, die SPD, diesen Weg bis Ende Januar nicht mitgehen, spätestens da hätten Sie doch zurücktreten müssen. Warum haben Sie das nicht getan?

Feldmann: Aus dem vorgenannten Grund. Da drehen wir uns jetzt im Kreis. Genauso öffentlich, wie ich diese Vorwürfe bekommen habe, genauso öffentlich möchte ich da raus gehen: Da war nichts. Zurückzutreten wäre der einfache Weg gewesen, da haben Sie Recht. Aber ich bin vielleicht nicht der Typ für einfache Wege.

Wie sehr schmerzt es Sie, dass sie als erster vom Volk abgewählter Oberbürgermeister in die Geschichte Frankfurts eingehen werden?

Feldmann: Das ist ein demokratischer Prozess, das ist zu akzeptieren. Wenn das Parlament einen solchen Antrag stellt, muss das so durchgeführt werden. Ich habe versucht, ein Angebot zu machen, das ist nicht angenommen worden. Es ist bedauerlich, dass es so eskaliert ist. Ich hoffe, dass der eine oder andere daraus gelernt hat und in einer vergleichbaren Situation nicht reflexhaft sagt: ,Der muss jetzt halt weg‘, sondern, dass man respektvoller mit der Person umgeht, der da Dinge unterstellt werden. Meine Befürchtung ist allerdings, dass es eher in die andere Richtung gehen könnte und solche Bürgerbegehren mit möglichst viel Draufhauen eher zum Standard werden. Nach dem Motto: Hat ja funktioniert...

Haben Sie sich denn sehr angegriffen gefühlt in dieser Abwahlkampagne von Ihren politischen Gegner? Die Plakatkampagne war ja bewusst nüchtern gehalten.

Feldmann: Nein, mit der Plakatkampagne hatte ich jetzt nicht so das Problem. Ich fand andere Kampagnen schlimmer. Dieses Herabsetzen als Person etwa von einem Frankfurter Unternehmer, die Geschichte mit den ,Feldmann entsorgen‘-Plakaten, die antisemitischen Anspielungen im Internet - das hatte etwas Beleidigendes, etwas Erniedrigendes, das war nicht witzig.

Gab es Momente, in denen Sie überlegt haben, doch noch alles hinzuschmeißen?

Feldmann: Die hat man natürlich. Aber ich habe es mein Leben lang so gehalten, dass ich den geraden Weg gegangen bin, auch wenn es weh getan hat.

Bei der Pressekonferenz am Tag nach Ihrer Abwahl haben Sie gesagt, Ihre Partei sei nicht sehr pfleglich mit Ihnen umgegangen.

Feldmann: Das würde ich so auch wiederholen. Es erschreckt mich schon, dass meine Partei nach vielen tausenden von Arbeitsstunden und 50 Jahren Mitgliedschaft beschlossen hat, so draufzuhalten. Ich möchte aber ausdrücklich sagen, dass die einfachen Parteimitglieder sich zum Teil differenzierter verhalten haben als die Funktionäre. Am Ende habe ich mich wohl zu wenig um meine eigene Partei gekümmert.

Feldmann in Frankfurt: Zukunft bei der Linken? „Im Moment brauche ich noch Zeit“

Wie meinen Sie das?

Feldmann: Ich habe immer gedacht: Ich gehe lieber raus zu den Menschen. Ich mache Stadtteilbesuche, Hausbesuche, Schulbesuche, Firmenbesuche, und dass meine Partei sich darüber freut. Den internen Funktionärskörper habe ich, wie ich nun gemerkt habe, darüber sträflich vernachlässigt.

Gab es seit Sonntag Kontakt mit dem Frankfurter SPD-Chef Mike Josef?

Feldmann: Nein. Ich habe mir nur erzählen lassen, dass er vor der Tür meines Dienstzimmers Interviews gegeben hat. Aber das ist sein gutes Recht, ich nehme ihm das nicht übel.

Bleiben Sie SPD-Mitglied?

Feldmann: Ich bin in der Frage noch dabei, mich zu sortieren. Ich teile die Werte der SPD. Ihre Programme für soziale Gerechtigkeit finde ich sehr wichtig. Ich träume weiterhin von einer Mehrheit links der Mitte in dieser Stadt. Da ist die SPD ein wichtiger Faktor. Ich kann da differenzieren zwischen dem Umgang mit mir und dem Rest. Aber es war schon überraschend, wie schnell die Aufregung über mich die Inhalte ersetzt hat.

Viele Sozialdemokraten, die sich mit der SPD überworfen haben, haben eine neue politische Heimat bei der Linken gefunden. Ist das eine Option für Sie?

Feldmann: Sie fragen mich Sachen... Im Moment brauche ich noch Zeit, das alles zu verarbeiten. Da bitte ich um Nachsicht. Das sind Fragen, die mich im Augenblick nicht beschäftigen.

Sie würden es aber auch nicht ausschließen?

Feldmann: Das ist wieder dieses Ja, Nein, bekenne dich. Ich möchte mich erstmal sortieren und freue mich, dass ich heute* die letzte Magistratssitzung leiten darf und danach, wenn es zeitlich irgendwie passt, den Sankt-Martins-Umzug der Tochter mitbekommen kann. Das ist mir das Wichtigste im Augenblick.

Glauben Sie, dass Ihre Partei bei der Oberbürgermeisterwahl im März erfolgreich sein kann?

Feldmann: Da möchte ich mich eigentlich nicht zu äußern. Aber die SPD wird es natürlich schwer haben. Schon allein wegen der Rahmenbedingungen, vergessen Sie mal für eine Sekunde Frankfurt, schauen Sie nach Berlin. Das ist schon ein Brocken für die SPD.

Wie geht es denn für Sie persönlich jetzt weiter?

Feldmann: Auf dem Spielplatz wird jetzt vermutlich nicht mehr so oft das Telefon klingeln. Das wird nicht nur meinen Töchtern, sondern auch mir gut tun. Klar, ich werde mich weiter engagieren, aber die Taktzahl als Oberbürgermeister, die ist schon sehr, sehr hoch. Das hat einen hohen Verschleißfaktor, die permanente Erreichbarkeit, egal wo. Wenn man den Job mit Herzblut macht, ist man die Bürgersprechstunde für die gesamte Stadt auf zwei Beinen. Es kommt wirklich jeder. Und das ist auch ok. Ich wollte eben nicht nur im Kaisersaal sein, bei den Empfängen, bei den VIPs. Ich wollte für die Menschen da sein. Das habe ich vor meiner Amtszeit gemacht und wie es aussieht, werde ich das auch danach machen.

Feldmann in Frankfurt: Er hat bereits konkrete Pläne für die nähere Zukunft

Werden wir im anstehenden OB-Wahlkampf etwas von Ihnen hören?

Feldmann: Das fände ich von mir selbst nicht gut. Jetzt haben die Parteien erstmal das Recht, sich zu sortieren. Da ist es nicht meine Aufgabe, Favoritinnen oder Favoriten zu unterstützen. Ich gehe erstmal zurück ins Glied. Ich werde mich im Bereich Kinderarmut weiter engagieren und im Bereich Wohnungspolitik. Das sind existenzielle Fragen in dieser Stadt, die mich mein ganzes Leben lang begleitet haben. Ich sehe keinen Grund, jetzt auf einmal zu sagen: Es ist mir alles egal. Es ist mir eben nicht egal. Nur dass ich es jetzt aus der zweiten oder dritten Reihe heraus vorantreiben möchte.

Das klingt, als hätten sie bereits konkrete Pläne? Gibt es schon Partner, bei denen Sie sich einbringen wollen?

Feldmann: Es gibt diese ,Main Kind‘-Initiative, die ich selbst gegründet habe. Ein anderes Projekt ist das Seniorenprojekt mitten im Nordwestzentrum. Ich habe so was in der Stadt immer vermisst. Solche Marktplätze für Senioren brauchen wir auch in anderen Stadtteilen. Bei den Wohnungsprojekten finde ich den Zusammenschluss der Wohnungsgenossenschaften spannend.

In der Politik sehen Sie sich nicht wieder?

Feldmann: Das ist Politik.

Was wünschen Sie Ihrem Nachfolger oder Ihrer Nachfolgerin?

Feldmann: Ich könnte jetzt den Spruch mit dem glücklichen Händchen bringen, aber noch mehr wünsche ich, dass diesem Mensch das, was ich erleben musste, nicht passiert. Das würde ich nicht mal meinem ärgsten Feind wünschen. (Julia Lorenz/Stefanie Liedtke)

*Das Interview wurde am Freitag, 11. November, geführt.

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