Landesregierung

Felix Semmelroth zum Antisemitismusbeauftragten ernannt

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Der Antisemitismus ist wieder auf dem Vormarsch: im Internet und auf der Straße. Ein Rabbi spricht sogar von „No-Go-Areas“ für Juden in Frankfurt. Das Land Hessen will mit der Ernennung eines Antisemitismusbeauftragten dagegenhalten.

Es gab Zeiten, da galt der Antisemitismus als fast schon besiegt. Ihm schienen nur noch einige unverbesserliche Ewiggestrige zu frönen. Doch in jüngster Zeit hat der Antisemitismus durch die Enthemmung im Internet sogar wieder Aufwind bekommen. Angriffe auf Juden häufen sich.

Die hessische Landesregierung hält die Gefahr für jüdisches Leben und den Ruf Deutschlands für so groß, dass sie jetzt mit dem ehemaligen Frankfurter Kulturdezernenten Felix Semmelroth einen Antisemitismusbeauftragten berief. Er nahm gestern seine Arbeit auf. Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) betonte, damit setze die Landesregierung „ein klares Zeichen, dass Hass und Hetze gegen Juden in Hessen keinen Platz haben“. Semmelroth kündigte einen entschlossenen Kampf gegen jede Form des Antisemitismus an. Der Antisemitismus äußere sich „immer dreister, anmaßender und auch physisch brutal“.

Deshalb machen sich viele Juden Sorgen. Ein Vater sagt dieser Zeitung, wo er diese Zonen sieht: Er empfiehlt seinem Sohn in Stadtteilen wie Sossenheim oder Griesheim besser nicht in Kleidungsstücken aufzutauchen, die ihn als Mitglied des jüdischen Sportvereins TuS Makkabi erkennbar machen. Sonst drohe Gewalt durch Jugendliche islamischen Glaubens.

Saba-Nur Cheema, Leiterin Pädagogik der Anne-Frank-Bildungsstätte Frankfurt, sagt, dass Beleidigungen und Schmierereien in Frankfurt zwar Alltag, zum Glück aber Gewaltakte selten seien. Sie vermutet, dass Antisemitismus derzeit auch deshalb stärker wahrgenommen werde, weil sich Betroffene häufiger zu Wort melden.

Die Drohungen und Beschimpfungen im Netz kommen überwiegend immer noch von ganz rechts, doch was direkte körperliche Gewalt angeht, fallen aktuell eher türkisch- oder arabisch stämmige Jugendliche auf.

Semmelroth erinnerte auch an die Angriffe gegen Kippa-Träger in Berlin und die Attacken gegen einen Rabbiner in Offenbach: In Berlin waren in den vergangenen Jahren mehrmals Kippa-Träger auf der Straße beschimpft und zusammengeschlagen worden. Ein Ehepaar nahm seinen Sohn im April 2017 von einer Berliner Schule, weil er ständig antisemitisch gemobbt worden war. Mendel Gurewitz, der Rabbiner der jüdischen Gemeinde Offenbach, ist kürzlich auf dem Nachhauseweg nicht zum ersten Mal mit Ausdrücken wie „Scheiß Jude!“, „Scheiß Israel!“ beschimpft worden.

Semmelroth war es gestern wichtig, darauf hinzuweisen, dass er Antisemitismus nicht nur bei Rechtsextremen und islamistisch eingestellten Jugendlichen, sondern auch in der Mitte der Gesellschaft verstärkt aufkeimen sieht.

Was geschehen kann, wenn der Staat das Problem unterschätzt, zeigt sich in Frankreich, wo ein wahrer Exodus von Juden eingesetzt hat. Sie ziehen die „Alija“, den Gang nach Israel, dem mittlerweile als unsicher empfundenen Leben in Frankreich vor.

In den vergangenen Jahren gab es mehrere Überfälle auf und Raubmorde an Pariser Juden. Zunächst waren die Täter nur als „verrückt“ bezeichnet worden, doch sie wollten ausdrücklich Juden töten, aus Hass und weil sie glaubten, dass Juden alle reich seien und es dort etwas zu holen gäbe. Das Thema wurde von der französischen Regierung lange nicht ernst genommen, obwohl ein Komplize der „Charlie-Hebdo-Mörder“ einen Tag nach dem Überfall auf das Satire-Magazin im Januar 2015 einen „koscheren“ Supermarkt überfiel und vier Menschen tötete.

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