1. Startseite
  2. Frankfurt

„Mutproben hat es früher auch gegeben“: Brände auf Schulklos wegen TikTok-Videos?

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Thomas J. Schmidt

Kommentare

Die Frankfurter Fürstenbergerschule ist der fünfte Fall allein in Südhessen - mancherorts mit Verletzten. Ermittler vermuten Mutproben für die Internet-Plattform Tiktok.

Frankfurt – In den vergangenen Tagen häufen sich die Fälle von Brandstiftung auf Schultoiletten. Die Fürstenbergerschule im Nordend war vergangenen Donnerstag (17.02.2022) bereits der fünfte Fall alleine in Südhessen. In der Frankfurter Realschule hat jemand - die Kriminalpolizei ermittelt noch, wer - einen Papierspender angezündet. Der Rauch breitete sich in der Herrentoilette aus, die Polizei schätzt den Schaden auf 25 000 Euro.

"Die Toilette ist derzeit geschlossen", sagte Rüdiger Niemann, Referent bei Bildungsdezernentin Sylvia Weber (SPD). Gestern wurde auf einer Lehrerkonferenz ein Elternbrief verfasst, der an alle Eltern der Schule geht, und auch alle Schüler werden angesprochen. Denn der Schaden ist beträchtlich, "die Schulleitung ist froh, dass niemand verletzt worden ist", so Niemann.

Nach Brand an Schule: Hat TikTok-Challenge Frankfurt erreicht?

Die Polizei in den anderen vier südhessischen Kommunen, in denen unlängst Feuer in Schultoiletten gelegt wurden, können nur schwer an einen Zufall glauben und vermuten einen Zusammenhang mit der Internet-Video-Plattform Tiktok. Dort laden Schüler aus den USA seit Sommer vergangenen Jahres vermehrt Videoclips hoch, in denen sie Schulklos verwüsten und zum Beispiel Handtuchhalter oder ganze Waschbecken aus den Wänden reißen.

Manche dieser Clips erreichten auch in Deutschland jede Menge junge Zuschauer. Das, so die Sorge von Ermittlern und Medienpädagogen, könne zum Nachmachen animieren. Für kurze Zeit berühmt sein und weltweit Aufmerksamkeit genießen: Darum geht es wie in vielen Netzwerken auch auf Tiktok.

Auch in Frankfurt? TikTok-Nutzer stacheln sich gegenseitig an

So womöglich auch im jüngsten Fall, an der Realschule im Frankfurter Nordend. "Wir haben noch keine Erkenntnisse, ob das Feuer in der Fürstenbergerschule mit TikTok in Verbindung steht", sagte Isabell Neumann, Sprecherin der Polizei Frankfurt, gestern. Die Ermittlungen laufen jedoch auch hier in diese Richtung. Schulen ergriffen angesichts des TikTok-Trends auch eigene Präventionsmaßnahmen, beispielsweise die stärkere Beaufsichtigung der Schultoiletten.

So sah die Toilette der Fürstenbergerschule im Nordend nach dem Brand aus. Dass seit kurzer Zeit deutschlandweit in Schulklos gezündelt oder randaliert wird, dürfte kein Zufall sein. Ermittler vermuten einen Zusammenhang mit der Video-Plattform Tiktok.
So sah die Toilette der Fürstenbergerschule im Nordend nach dem Brand aus. Dass seit kurzer Zeit deutschlandweit in Schulklos gezündelt oder randaliert wird, dürfte kein Zufall sein. Ermittler vermuten einen Zusammenhang mit der Video-Plattform Tiktok. © Rafael Bujotzek/InZwischenZeit

Tiktok ist neben Instagram eines der großen sozialen Netzwerke für Jugendliche und Heranwachsende. Die chinesische Video-Plattform wurde Ende 2016 gegründet und hatte vor einem Jahr rund 690 Millionen Nutzer. Sie können kurze, selbst gedrehte Videos aufnehmen und sie auf Wunsch mit bekannten Songs oder Filmszenen unterlegen. Viele Nutzer erstellen über die App kreative und lustige Videos, wobei sie dazu häufig tanzen.

Daneben gibt es "Challenges", Herausforderungen, die nicht immer harmlos sind. Eine dieser Challenges heißt "Devious Licks"*. Sie begann mit einem US-Schüler, der sich damit brüstete, Corona-Masken in der Schule gestohlen zu haben. Nachahmer filmten sich dann bei Diebstahl und Vandalismus. Gut möglich, dass nun Toiletten brennen, um in der Tiktok-Community höchste Anerkennung zu gewinnen.

Schulen in Frankfurt: Viel Medienkonsum, kaum Medienkompetenz

Frankfurts Stadtschülersprecher Hannes Kaulfersch zufolge ist TikTok gerade in der Altersgruppe von zwölf bis 16 sehr beliebt. "Die meisten gehen vernünftig mit dem Netzwerk um", sagt er. "Ich glaube nicht, dass das Anzünden von Schultoiletten zum Massenphänomen wird." Was indessen die Medienkompetenz betrifft, die in den Schulen vermittelt wird, sieht er Schwächen: "Das ist meist das Thema Recherchieren im Internet. Mit sozialen Netzwerken, gar solchen wie TikTok, Snapchat oder Instagram, haben die Lehrer selbst nur wenig Erfahrung", urteilt er. Dabei sollten soziale Netzwerke im Medienunterricht eine größere Rolle spielen, findet der Stadtschülersprecher, erinnert jedoch auch daran: "Mutproben bis hin zum Vandalismus hat es auch früher schon gegeben. Es wird durch die sozialen Netzwerke nur beschleunigt."

Rafaela Hartenstein ist Sprecherin des Frankfurter Stadtschulelternbeirats. Sie stellt fest, dass oft schon ganz junge Schüler Smartphones haben und damit potenziell Zugang zum Internet rund um die Uhr. "Ich würde mir wünschen, dass die Eltern mit ihren Kindern im Gespräch sind, sich anschauen, was die sich anschauen, und die Dinge einordnen." Wer Kindern ein Smartphone schenke, müsse dafür sorgen, dass sie damit umgehen können. "Das ist wie beim Führerschein. Da gibt es auch so etwas wie begleitetes Fahren", so die Stadtschulelternbeiratsvorsitzende. "Wir brauchen mehr Verantwortungsgefühl. Es ist eine Herausforderung auch für Eltern", sagt Rafaela Hartenstein.

Bei der „Devious Licks“-Challenge werden Schultoiletten zerstört – deutschlandweit. Gibt es den TikTok-Trend auch an Schulen in Köln*?

Brände auf Schultoiletten in Südhessen: Es gab bereits Verletzte

Bei einer Toiletten-Brandstiftung in Würzburg wurden sieben Schülerinnen verletzt (siehe Video), eine kam ins Krankenhaus. Auch in Südhessen gab es Verletzte, hier brannten in den vergangenen zwei Wochen fünf Schulklos. Neben der Fürstenbergerschule in Frankfurt waren die Weibelfeldschule in Dreieich (Offenbach, 15. Februar) betroffen sowie die Gerhart-Hauptmann-Schule in Griesheim (Darmstadt-Dieburg, 11. Februar), die Eichendorffschule in Kelkheim (Main-Taunus, 10. Februar) und die Grundschule in Hanau-Steinheim (7. Februar).

In Dreieich erlitten der Hausmeister und der stellvertretende Schulleiter eine Rauchvergiftung, auch in Kelkheim gab es Verletzte. In Hanau soll ein neunjähriger Grundschüler das Feuer verursacht haben. In Frankfurt und in zwei weiteren Fällen musste die Feuerwehr anrücken, in den anderen Fällen löschten Lehrer den Brand. Der Sachschaden beläuft sich auf 20 000 bis 30 000 Euro. (Thomas J. Schmidt) *24rhein.de und bw24.de sind ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Auch interessant

Kommentare