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So fing mit den Frankfurter Kaufhausbränden der RAF-Terror an

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Von: Dieter Sattler

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Prozess gegen die Kaufhausbrandstifter: Die Angeklagten Thorwald Proll, Horst Söhnlein, Andreas Baader und Gudrun Ensslin (von links) im Oktober 1968 vor dem Frankfurter Landgericht. Es verurteilte das Quartett zu jeweils drei Jahren Haft.
Prozess gegen die Kaufhausbrandstifter: Die Angeklagten Thorwald Proll, Horst Söhnlein, Andreas Baader und Gudrun Ensslin (von links) im Oktober 1968 vor dem Frankfurter Landgericht. Es verurteilte das Quartett zu jeweils drei Jahren Haft. © Manfred_Rehm (dpa)

Am 2. April 1968 brannten auf der Zeil zwei Kaufhäuser. Die Tat wurde als „Gewalt gegen Sachen“ verharmlost. Aber es war der Startschuss zum RAF-Terror.

Die Studentenbewegung hatte eine helle und eine dunkle Seite. Die helle war der Ruf nach Emanzipation, Mitbestimmung und Freiheit, der sich später in die offizielle deutsche Politik einspeiste. Die dunkle Seite war eine Tendenz zum Linksradikalismus, die sich bis heute in Gewaltakten niederschlägt. Noch die Protagonisten der Hamburger G 20-Krawalle bezogen sich auf Argumentationsmuster aus der 1968er-Zeit, etwa wenn der demokratische Staat als autoritär oder gar im Kern faschistoid dargestellt wird.

Der Spruch „Wo Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht“, ist noch die harmloseste Variante dieser Einstellung, die etwa für zivilen Ungehorsam steht. Das kann aber über „Macht kaputt, was euch kaputtmacht“ bis zu „Weg mit dem Scheißsystem“ oder gar „Weg mit dem Schweinesystem“ schon durch die aggressive Benennung des Gegners jeglichen gewalttätigen „Widerstand“ legitimieren.

Die dunkle Seite der 68er begann vor 50 Jahren, genauer in der Nacht vom 2. auf den 3. April in Frankfurt. Damals brannten auf der Zeil zwei Kaufhäuser: der Kaufhof und M. Schneider. Der Schaden war beträchtlich: 390865 im Kaufhof und 282 339 Mark bei M. Schneider.

Wenig später wurden Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Thorwald Proll und Horst Söhnlein festgenommen, die Keimzelle der späteren Rote-Armee-Fraktion (RAF).

Den Kaufhausbrand legitimierten sie noch als bloße „Gewalt gegen Sachen“, mit der sie gegen den Vietnam-Krieg und den Konsumterror protestieren wollten. Das erschien noch in den großen Diskurs der Studentenbewegung eingebettet. Denn vor allem in Berlin war es bei den Studentenprotesten zuvor zu – allerdings viel harmloserer – Gewalt gegen Sachen gekommen, etwa mit Farbschmierereien und „Eierattentaten“. Hier war „Terror“ noch fast spielerisch, dadaistisch verstanden worden, etwa wie bei dem Slogan „High sein, frei sein, Terror muss dabei sein“, der aus heutiger Sicht unzumutbar wäre.

Aber auch damals war schon klar, dass sich nach den tödlichen Polizei-Schüssen auf den Studenten Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 in der Studentenbewegung etwas veränderte. Der Frankfurter Historiker, Gerd Koenen (73) erzählte aus eigener Erfahrung einmal, dass die Legitimität von „Gegengewalt“ damals immer stärker diskutiert wurde. Schillernde Gewalt-Aktivisten wie Baader und Ensslin, die in dieser Umbruchzeit von Berlin nach Frankfurt kamen, wären zuvor kaum ernstgenommen worden.

Aber jetzt hieß es: „Sie gehören zu uns“, wie Studentenführer Daniel-Cohn-Bendit am Rande des Prozesses sagte. Er korrigierte sich später, aber im Grunde lebte diese Auffassung in Teilen der Studentenbewegung weiter. Bei der Beerdigung des RAF-Terroristen Holger Meins, der 1974 nach einem Hungerstreik gestorben war, hatte Rudi Dutschke am Grab ausgerufen: „Holger, der Kampf geht weiter.“ Damit nahm der Vordenker der 68er die Terroristen quasi wieder in die gemeinsame Bewegung auf.

Im Untergrund

Ohne Verbindungen, Brücken und Bezüge zu 68ern wäre das jahrzehntelange Leben von RAF-Mitgliedern im Untergrund, das mit der gewaltsamen Befreiung von Baader im Mai 1970 begann, nicht denkbar gewesen. Wenn schnell eine falsche Identität oder eine Übernachtungsmöglichkeit gesucht wurde, wurden persönliche Freundschaften aus alten Zeiten genutzt, notfalls auch mit moralischem Druck.

Letztlich können Terroristen, wie auch der rechtsextreme NSU oder die baskische Eta, ohne Netzwerke in der Illegalität nicht überleben. Die Terroristen der zweiten RAF-Generation um Christian Klar kamen zum Großteil aus Komitees, die sich für die Gefangenen der ersten Generation um Baader einsetzten. Selbst nach den brutalsten RAF-Attentaten gab es mehr oder weniger Solidaritätsbekundungen von Linken, die selbst niemals zur Waffe gegriffen hätten. Die „klammheimliche Freude“, die ein „Mescalero“ in einer Göttinger Studentenzeitschrift nach dem Mord an Generalstaatsanwalt Buback 1977 ausdrückte, sprach Bände.

Die mit den Kaufhausbränden begonnene Gewaltspirale wäre wohl auch nicht denkbar gewesen, ohne die kurz darauf folgenden Ereignisse, die die Diskussion um „Gegengewalt“ weiter befeuerten: Am 4. April 1968 wurde der schwarze amerikanische Bürgerrechtler Martin Luther King ermordet. Am 11. April gab es das Attentat auf Dutschke, der nur schwerverletzt überlebte. Am 6. Juni 1968 wurde in den USA nach John F. Kennedy auch sein Buder Robert ermordet, von dessen möglicher Präsidentschaft sich viele das Ende des Vietnam-Krieges erhofften.

Die Rolle der DDR

All das zusammen ließ zusätzlich zur Erinnerung an den Tod von Ohnesorg bei vielen den Eindruck entstehen, dass „der Staat“ jetzt Tabula rasa mit den kritischen Köpfen macht. Aber es gab einen „missing link“, eine wichtige Informationslücke mit vielleicht verhängnisvollen Folgen; Der Tod von Ohnesorg, der am Anfang dieser Kette stand, ging letztlich gar nicht auf das Konto der BRD sondern der DDR. Die Fehleinschätzung, dass der BRD-Staat in Kontinuität mit dem Nazi-Regime stand, war mit maßgeblich für den Weg in die Gewalt zum Beispiel von Ulrike Meinhof. Sie wiederum machte die RAF salonfähig in manchen linken Kreisen – nicht zuletzt deshalb weil sie selbst dort verkehrt hatte. Es ist schockierend nachzuverfolgen, wie sich die Journalistin von der Kritikerin der Notstandsgesetze radikalisierte und zur Hasserin eben des „Schweinesystems“ entwickelte.

Hätten Meinhof und die Studenten damals gewusst, dass ihr „Widerstand“ von Anfang an von der DDR infiltriert und teils finanziert war, hätten sie einiges anders beurteilt. Denn eigentlich hatte die Emanzipationsbewegung mit autoritären Staaten ja nichts am Hut.

Später reagierte die linke Öffentlichkeit auch sehr überrascht, als bekannt wurde, dass die DDR untergetauchten Terroristen Unterschlupf gewährt hatte und Benno Ohnesorg von einem Stasi-Agenten erschossen worden war. Denn das war der Berliner Polizist Karl-Heinz Kurras. Es ist aber fraglich, ob er den Auftrag hatte. Zumindest sollte er Unruhe stiften. Und geschadet hat die damals in Gang gesetzte Gewaltspirale der BRD allemal.

Insgesamt wurden 33 Menschen durch den Terror der RAF getötet, bevor sie vor 20 Jahren ihre Selbstauflösung verkündete. Baader, Ensslin und Meinhof starben in Haft durch Selbstmord. Noch heute wird nach drei RAF-Mitgliedern im Rentenalter gefahndet, die ihren Lebensunterhalt offenbar durch Überfälle finanzieren.

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