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Publizist, Verleger und Kurator nennt er sich, aber auf gut deutsch ist er ein Hans Dampf in allen Gassen der "empirischen Kulturwissenschaften". Und mag die französische Skulptur "Jules" in seinem Treppenhaus.

Roter Faden, Folge 277

Florian Koch - Der Tausendsassa

Verleger, Kulturmanager, Ausstellungsorganisator – all das und noch einiges mehr ist Florian Koch. Der 51-Jährige liebt es, Sinnreiches miteinander zu verknüpfen. Zum Beispiel Literatur und Musik. Oder Witz und Wissen. Ihm widmen wir Folge 277 unserer Serie "Der rote Faden", in der wir Menschen vorstellen, die Besonderes für Frankfurt leisten.

An den 6. November 1995 erinnert sich Florian Koch genau. Wie er in Berlin in diesen Zug steigt. Nicht in irgendeinen nach Stuttgart oder Stralsund. Sondern in den nach Moskau, um dort in die Transsibirische Eisenbahn zu klettern. Allein. Ohne genauen Reiseplan. Ohne Rückflugticket. Ein unglaublich erhebendes Gefühl sei das gewesen, schwärmt er: „Keine Begrenzungen mehr, nirgendwo mehr Pflichten.“ Ein Maß an Freiheit, das manchem Angst einjagen würde. Ihm nicht. Was für ein gewisses Selbstbewusstsein spricht. Oder, wie er es formuliert, für eine „unheilabwehrende Attitüde“, die er schon früh verinnerlicht habe: „Wenn ich klar bin, dann wird mir nichts Schlimmes passieren.“

Und so lässt er sich in den nächsten Wochen und Monaten durch Asien treiben – durch Vietnam, Laos, Kambodscha, Thailand, Myanmar. Nimmt sich die Zeit, Farben, Bauten, Gesichter, Laute, Gerüche aufzunehmen, bevor er langsam durch den Mittleren und Nahen Osten wieder gen Europa trudelt. Ein Jahr dauert diese Auszeit, in der Daten und Termine irgendwann keine Rolle mehr spielen: „Das war ganz wichtig nach dieser Strukturiertheit von Schule und Studium, wo man immer liefern musste.“

Nicht sein erstes Reise-Experiment. Obwohl er nach seinem Studium in Tübingen und Paris – Kulturwissenschaften, Rhetorik und Literatur – eigentlich promovieren wollte; über Reiseliteratur des 18. und 19. Jahrhunderts. Doch schon nach drei Monaten merkte er, dass der akademische Elfenbeinturm nicht seine Welt ist. „Ich wollte das selbst erleben.“ Ein Bekannter, den er in Paris kennengelernt hatte, stellte ihm seine kleine Wohnung in der Nähe von Senegals Hauptstadt Dakar zur Verfügung. Und Florian Koch reiste hin. Tauchte tief in den Alltag des westafrikanischen Landes ein. Wo man sich zwanglos bei Freunden und Bekannten trifft – „und dann, wenn alle rausgehen, nimmt jeder irgendein Paar Flip-Flops, das da gerade liegt; irgendwann kommt man schon wieder an seine eigenen“. Wo es keine festen Fahrpläne für Busse gibt – „ein Senegalese wartet nicht auf den Bus, sondern er hält sich duldsam für eine Busreise bereit“. Wo Konzert-Organisatoren eineinhalb Stunden vor Beginn schon mal auf die Idee kommen, alles umzuräumen, Bühne, Stühle, Anlagen – obwohl sich der Veranstaltungsbeginn dadurch heillos verschiebt. „Aber da ist niemand ungehalten, sondern alle helfen mit – und man erlebt ein tolles Konzert.“

Diese Gelassenheit, diese Flexibilität der Menschen fasziniert ihn. Dabei sei er eigentlich ein sehr strukturierter Mensch, sagt der 51-Jährige. Das habe er von seinem Vater, einem Bankdirektor, der sich aber auch für Kultur interessierte und gerne las. „Von ihm habe ich das Anpackende, Kaufmännische.“ Seine Mutter hingegen, die vor zwei Jahren gestorben ist, sei ein ausgesprochen musischer Mensch gewesen: Goldschmiedin, später auch Fotografin, Schöpferin rätselhafter Bilder, in denen sie viel mit Licht und Schatten, Spiegelungen und Brüchen experimentierte. Eine spannende Mischung. „Das dionysische und das apollinische Prinzip ist gut in mir vertreten“, sagt er, „ein absoluter Vorteil für das, was ich mache.“

Was er macht – das ist in seiner Vielfalt gar nicht so einfach zusammenzufassen. Als „freien Kulturschaffenden“ bezeichnet er sich, als Manager mit seiner Agentur „Kultur am Main“, Organisator von Literaturfesten, Geschäftsführer des Verlags „MeterMorphosen“, Publizist, Fotograf, Ausstellungsorganisator. Er ist einer der Erfinder des Projekts „Frankfurter Kunstsäule“ im Sachsenhäuser Brückenviertel, bei der Künstler eine 3,60 Meter hohe Litfaßsäule gestalten. Hat Ausstellungen am Frankfurter KunstBlock FKB in der Hanauer Landstraße kuratiert. Organisiert seit 2004 den „Langen Tag der Bücher“ im Haus am Dom und arbeitet beim Festival „LiteraTurm“ der Stadt Frankfurt mit. Veranstaltet „Literarische Dinners“ mit Lesungen von Eva Demski oder Prinz Asfa-Wossen Asserate, eingebettet in ein Drei-Gänge-Menü. Entwickelt literarisch-musikalische Programme unter Titeln wie „Walser & Walzer“ oder „Bernhard & Bach“.

Mit ihm kommt man leicht ins Gespräch. Freundlich, zugewandt erzählt er. Lacht viel, schwärmt. Etwa, als er sich erinnert, dass er in früheren Jahren viel trampte. Und dabei alle möglichen Menschen traf – „vom Pleitegeier bis zum Vorstandsvorsitzenden“. Sogar Regisseur Werner Herzog, den er zunächst nicht erkannte, bis dieser seinen Film „Fitzcarraldo“ erwähnte. „Wir haben uns dann vier Stunden lang angeregt unterhalten.“ Das ist seine Stärke: sich auf Menschen einzustellen, zu kommunizieren.

Als Tausendsassa gilt er, als Hansdampf in allen Gassen. Beschreibungen, die er schulterzuckend hinnimmt: „Wenn einer viel macht in unterschiedlichen Genres, dann gibt es solche Apostrophierungen.“ Damit könne er leben. „Wenn das allerdings heißen sollte, dass ich viel, aber nichts richtig mache – das würde ich zurückweisen. Jedes meiner Projekte reift in Ruhe und hat genug Substanz.“

So wie eine der bekanntesten Ideen, die mit seinem Namen verknüpft sind: der historische Zollstock, der vor 20 Jahren entstand. Aus einem spontanen Einfall heraus, 1998 bei einem Treffen mit vier Freunden. Einer von ihnen, Ingo Kollmann, hatte beim Schreinern an der Werkbank inne gehalten und seinen Meterstab gemustert. 2000 Millimeter – und das Jahr 2000 war nicht mehr weit. „Das müsste man doch irgendwie verknüpfen.“ Ein Moment, der sich in Florian Kochs Gedächtnis eingebrannt hat. Wie sie sich alle ansahen nach dem Motto: „Das machen wir.“ Wie sie sich für den darauffolgenden Tag in seinem Wohnzimmer verabredeten. Bei diesem Treffen blieb es nicht. Ein Dreivierteljahr bastelten sie an ihrer Idee. Sie recherchierten, sammelten Daten, um eine kompakte Weltgeschichte im handlichen Format zu gestalten. Keine dröge Anhäufung von Fakten, sondern ein Werkstück mit Charme. Auf dem man etwa nicht nur erfährt, dass 1969 die erste Mondlandung stattfand, sondern auch, dass im Jahr 510 die ersten Kirchenglocken in Nordafrika gegossen wurden oder 1193 die ersten Gummibälle durch Südamerika hüpften.

Diese Mischung aus Wissen und Witz kam an. Bereits die erste Auflage im Frühjahr 1999 wurde den fünf Freunden förmlich aus den Händen gerissen. 1,7 Millionen Stück des Zollstocks haben sich bis heute verkauft. Für ihren Verlag mit dem sinnigen Namen „MeterMorphosen“ sei das natürlich ein „extrem angenehmer Markteinstieg“ gewesen, sagt Koch, der zuvor in einer PR-Agentur Kulturprojekte gemanagt und im „Verlag der Autoren“ drei Jahre den Buchverlag geleitet hatte .

Für ihren Ideenreichtum, aber auch für ihren Geschäftssinn spricht, dass sie ihren Bestseller inzwischen in etlichen Varianten produzieren: etwa als „KunstZollstock“ über die Geschichte der Malerei, als „ErfindungsZollstock“ über 200 Jahre Technik-Historie und als „MatheZollstock“ über Errungenschaften aus der Welt der Zahlen. Kein Thema, das nicht Zollstock werden kann. Auch Memo-Spiele wie das „Gemischte Doppel“ haben sie auf den Markt gebracht, dessen verdrehte Wort-Bild-Paare wie „Mast-Ferkel – Fast-Merkel“ oder „Schummel-Franke – Fummel-Schranke“ längst Kultstatus genießen und das mehr als 900 000 Mal verkauft wurde.

Ein Erfolg, der manchen wohl zu wilden Expansionsgelüsten angestachelt hätte. Nicht so das „MeterMorphosen“-Team um Florian Koch, Christoph Kremer, Ingo Kollmann, Jordi Guasti und Michael Knäbe. Sie beschränken sich auf zwei bis drei Produkte pro Jahr: ungewöhnliche Objekte zwischen Buch und Spiel, stimmig bis ins Detail. Wie das „KulturThermometer“, das nicht nur verrät, dass Mücken ab einer Temperatur von sechs Grad und niedriger nicht mehr stechen. Sondern auch, dass die genmanipulierte Fruchtfliege Drosophila melanogaster homosexuell wird, wenn das Quecksilber auf 30 Grad und mehr steigt. Ein Fakten-Splitter so recht nach Florian Kochs Geschmack: Schließlich könne man das auch als Seitenhieb auf allzu eifrige Verfechter der Gentechnologie verstehen, sagt er lächelnd.

Drei Tage pro Woche widmet er sich dem Verlag. Die restliche Zeit gehört anderen Projekten. Und natürlich seiner Familie: seiner Frau, der Juristin Elena Barnert, und den beiden kleinen gemeinsamen Söhnen. Und den vielen Freunden, zu denen viele Künstler zählen. Eine strenge Unterscheidung zwischen Arbeit und Freizeit gibt es bei ihm nicht. Weil er seine Leidenschaft zum Beruf gemacht habe. Die Faszination für Kultur prägt ihn seit den frühen Kindheitsjahren, erst in Wuppertal und Mülheim, dann in Königstein im Taunus. Vor allem diejenige für Literatur. Als 14-Jähriger entdeckte er auf dem Flügel im elterlichen Wohnzimmer Thomas Bernhards Buch „Holzfällen – eine Erregung“ und vergrub sich darin: „Ich war gefangen, elektrisiert.“ In einem Zug verschlang er den exzessiven Monolog. Und las auch alles andere, was er von Bernhard in die Finger bekam. Für Eigenbrötler hat er ein Faible. Für die „individuellen Köpfe“, wie er es nennt – die Nicht-Stromlinienförmigen, die Querdenker. Etwa für den Mathematiker und Literaten Georg Christoph Lichtenberg. Oder den russischen Avantgarde-Schriftsteller Daniil Charms. Vielleicht ein Erbteil seines Großvaters, sinniert er. Der habe während der Nazi-Zeit als Journalist in China gelebt und sogar die Mongolei bereist – auf dem Rücken eines Maulesels.

Nach dem Abitur entschied sich Florian Koch allerdings für eine ganz solide Ausbildung. Und zwar bei jenem Verlag, der Bernhards Werke veröffentlich hatte: Suhrkamp. „So wurde ich ein Kind der Frankfurter Verlagslandschaft.“ Studieren wollte er nach Ausbildungsende trotzdem. Aber was? Europäische Ethnologie? Theater- oder Literaturwissenschaft? Da stieß er auf ein Angebot aus Tübingen: das Leibniz-Kolleg, bei dem man ein Jahr ein Studium generale absolviert, bevor man sich für eine Richtung entscheidet. Genau das passt zu Florian Koch. „Eine wunderbare Einrichtung, toll für die Allgemeinbildung“, schwärmt er.

Von jenen Jahren des Studierens und Reisens zehrt er noch heute. Nicht nur bei der Tätigkeit für „MeterMorphosen“. Sondern auch bei all den anderen Projekten, oft eine Mischung aus verschiedenen Kulturen, aus Literatur und Musik. „Sinnreiche Dinge miteinander verknüpfen – das treibt mich an, das finde ich extrem reizvoll“, sagt er. „Wenn das gelingt, dann reichen sie sich in besonderer Weise die Hand.“ Zum Beispiel die zarten, manchmal absurden Texte von Daniil Charms mit Tönen von Schostakowitsch, Glinka und Rimski-Korsakow. Dass mancher Wort-Purist angesichts einer solchen Kombination die Stirn runzeln könnte, stört ihn nicht. Schließlich sei eine rein literarische Veranstaltung, die sich über zwei Stunden hinzieht, oft schwer verdaulich, findet er – „wegen der Intensität und Dichte der Gedanken. Durch die Musik hat man die Möglichkeit, das mit Eigenem zu verorten. Und damit kann es bleiben“. Genau das will er erreichen, immer wieder: „Sachen zusammenbringen, die klingen, das ist das Schönste. Wenn das gelingt, dann bin ich erfüllt.“

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