+
Sie nähen für eine bessere Zukunft: Reyhane Heidri, Maryam Khaligy, Esraa Ali und Mansouhre Kazimi (v. li.) strahlen bei der Eröffnung der Schneiderwerkstatt ?Stitch by Stitch? in der Kantstraße in Bornheim, die Flüchtlingsfrauen beschäftigt.

"Stich by Stich"

Flüchtlingsfrauen arbeiten in der Nähwerkstatt

  • schließen

Stich für Stich schneidern sich im Nordend junge geflüchtete Frauen ihre Zukunft zurecht. Sie haben in einer Nähwerkstatt Anstellung gefunden, können sich kreativ austoben und verdienen dabei auch noch Geld.

Fröhlich surren die Nähmaschinen, es duftet nach frisch gebrühtem Kaffee. In der behaglich eingerichteten Schneiderei „Stitch by Stitch“ (zu Deutsch: Stich für Stich) wird geplaudert, gelacht und nach Strich und Faden geschuftet. Sechs Frauen ziehen hier an einem Strang. Schließlich gilt es, gemeinsam ein Jungunternehmen auf die Beine zu stellen.

Claudia Frick, Schöpferin des Modelabels „Coco Lores“, und Nicole Alvensleben, Gründerin des Designstudios „Spelldesign“, arbeiten mit geflüchteten Schneiderinnen zusammen. Am Merianplatz haben sie Ende vergangener Woche eine B2B-Werkstatt eröffnet. Das Ziel: kleine Serienproduktionen für lokale Start-Up-Modelabels anzufertigen.

Gleich dem tapferen Schneiderlein wollen Frick und Alvensleben mit der Konzerngründung mehrere Dinge auf einen Streich bewältigen. Zunächst erleichtern sie Asylsuchenden langfristig die Integration. „Vor allem geflüchtete Frauen müssen in die Gesellschaft eingebunden werden“, findet Frick. „Schließlich erziehen sie die künftige Generation.“

„Wir wollen den Frauen vor Augen führen, dass sie sich in Deutschland verwirklichen können“, ergänzt Alvensleben. „Als selbstständige Unternehmerinnen möchten wir eine Inspiration im Sinne des westlichen Frauenbildes sein.“ In der Schneiderei können sich die geflüchteten Frauen kreativ austoben und ihr eigenes Geld verdienen.

Neun Euro bekommen die Mitarbeiterinnen pro Stunde, also etwas mehr als es der deutsche Mindestlohn voraussetzt. „Mehr können wir ihnen derzeit noch nicht zahlen,“ sagt Alvensleben. „Claudia und ich verdienen mit 35 Cent nur einen winzigen Hauch mehr.“ Sobald die Geschäft rentabler würden, wolle das Duo die Löhne jedoch anheben.

Derzeit sind bereits zwei Syrerinnen und eine Afghanin mit an Bord. Esraa, 20 Jahre alt, ein zierliches Mädchen, mit einnehmendem Lächeln, kommt aus Damaskus, hat dort zwei Jahre lang Modedesign studiert. „Ich mag den Job hier sehr“, versichert sie, aus ihrem Lächeln wird ein Strahlen. Die junge Frau lebt noch nicht einmal zwei Jahre in der neuen Heimat, spricht dafür auffällig gut Deutsch.

Und verwirklicht somit die zweite Intention der Werkstatt. „Nähen“, zeigt sich Alvensleben überzeugt, „ist eine globale Sprache.“ Über diese Tätigkeit könne man sich auch mit eingeschränktem Wortschatz verständigen. Trotzdem sollen die geflüchteten Frauen bei der Arbeit ihre Deutschkenntnisse aufbessern. „Tatsächlich sind sie ausgesprochen wissbegierig und stets an einem Austausch interessiert“, versichert Frick.

Keine Frage, in erster Linie sei der Konzern ein sogenanntes „Social Business“, erklärt Alvensleben – die Schneiderei sei nicht profitorientiert, solle vor allem gesellschaftliche Probleme lösen. „Trotzdem müssen wir mit der Arbeit unser Leben bestreiten.“ Erklärtes Ziel sei es, binnen eines halben Jahres die Gewinnschwelle zu überschreiten. Dabei sind die Flüchtlinge in vielerlei Hinsicht ein Trumpf im Ärmel.

Zunächst einmal hat das Unternehmer-Duo eine Finanzspritze von 20 000 Euro erhalten – von „Ankommer“. Besagtes Projekt unterstützt Menschen, die mit innovativen Konzepten die gesellschaftliche und wirtschaftliche Teilhabe von geflüchteten Menschen verbessern möchten – „Stitch by Stitch“ erfüllt diese Kriterien.

Doch die asylsuchenden Frauen tragen auch aktiv zum Durchbruch des Unternehmens bei. „Sie packen richtig an, sind sich für nichts zu schade“, sagt Frick. Oft müsse man sie abends förmlich aus der Werkstatt werfen, so wenig seien sie in ihrem Eifer zu bremsen. Auch hätte es einiges an Überzeugungskraft gekostet, Imam – die 37-jährige Syrerin bekommt noch in diesem Monat ein Baby – deutlich zu machen, dass sie ihre Arbeit vorübergehend niederlegen- und in den Mutterschutz gehen müsse.

„Neben ihrem Leistungswillen,“, so erklärt Alvensleben, „bringen die Frauen außerdem traditionelle Techniken aus ihrer Heimat mit.“ Fertigkeiten, die hierzulande längst in Vergessenheit geraten seien, hätten die Frauen aus Syrien und Afghanistan förmlich mit der Muttermilch aufgesogen. Mode-Labels, die aufgrund dieses Know-hows in Vorderasien produzieren ließen, müssten sich auf lange Wartezeiten einstellen. Da soll das in Frankfurt ansässige „Stitch by Stitch“ Abhilfe leisten.

Und tatsächlich reißen sich bereits zahlreiche Unternehmen um eine Kooperation mit den Schneiderinnen. „Bei uns sind bereits an die 20 Anfragen eingelaufen“, sagt Alvensleben. „Mit 15 Unternehmern haben wir bereits das Erstgespräch geführt, 20 sind fest in die Produktion eingebunden.“

Derzeit habe „Stitch by Stitch“ eine ganze Menge zu tun: „Unter anderem produzieren wir momentan 150 Paar Handschuhe, 50 Rucksäcke und 20 Laptop-Taschen,“ sagt Frick. Dann macht sie sich wieder an die Arbeit und kümmert sich um das Management, während Esraa fleißig Modelle zeichnet und Reyhane – sie ist 24 Jahre alt, gelernte Schneiderin und kommt aus Afghanistan – die Papierentwürfe in Textilien verwandelt.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare