Flüchtlinge

Flüchtlingsunterkunft in Oberrad: 60 Quadratmeter für sechs Personen

Die neue Wohnhaus für Geflüchtete an der Wiener Straße ist fertig. Die Bewohner ziehen nächste Woche ein. Ausschließlich Familien mit Kindern kommen in den kleinen Wohnungen unter.

Die neue Flüchtlingsunterkunft an der Wiener Straße ist fertig, die ersten Familien ziehen am kommenden Mittwoch ein. Deshalb lud die Stadt gestern die Presse und Mitglieder des Ortsbeirats 5 zu einer Begehung ein. Eine große Infoveranstaltung für interessierte Bürger des Stadtteils, wie sonst üblich, kann es wegen Corona nicht geben. "Der Informationsbedarf bei Flüchtlingsunterkünften ist erfahrungsgemäß sehr groß, deshalb bedauern wir, dass wir die Oberräder nicht einladen konnten", sagte Horst Dörr, Leiter der Stabsstelle Unterbringungsmanagement und Flüchtlinge des Sozialdezernats.

26 Familien, davon drei alleinerziehende Mütter mit Kindern, ziehen an der Wiener Straße ein. Insgesamt 139 Personen finden dort ein Zuhause, davon 72 Kinder, 21 davon wiederum sind jünger als sechs Jahre. "Überwiegend stammen die Familien aus Syrien und Afghanistan, einige aus Äthiopien, Eritrea, Ghana und Somalia", erläutert Peter Hovermann, Leiter des Frankfurter Vereins für soziale Heimstätten, der die neue Unterkunft betreibt.

Mobiliar haltbar und schlicht

Der Bau, von der ABG-Tochter Wohnheim für 9,1 Millionen Euro geplant und gebaut, ist ein solider Niedrigenergiebau, der vor allem eins bieten soll: Haltbarkeit. Die Wohnungen sind mit schlichten Küchen aus Edelstahl ausgestattet, die leicht zu reinigen sind und "ewig halten", erklärt Holger Volz, Projektleiter beim Frankfurter Verein. Auch die Möbel sind praktisch und schlicht: Für die Kinder gibt es Stockbetten, für die Erwachsenen Einzelbetten, dazu Stahlschränke. Ein Tisch und je einen Holzstuhl pro Bewohner stehen in der Küche, hinzu kommen Kühlschrank und Herd. Die meisten Wohnungen haben zwei Zimmer: Auf 60 Quadratmetern wohnt etwa eine sechsköpfige Familie. Die größte Familie mit 9 Personen hat 95 Quadratmeter zur Verfügung.

Verbesserung der Lebensqualität

"Übergangsunterkunft" nennt sich das Gebäude, weil die Familien es letztlich schaffen sollen, andernorts eine eigene Wohnung zu finden und zu finanzieren. Für zehn Jahre ist das Haus an den Frankfurter Verein vermietet, danach sollen Sozialwohnungen daraus entstehen, so der Plan.

Für die geflüchteten Familien ist eine Wohnung in der Unterkunft schon jetzt eine deutliche Verbesserung der Lebensqualität, erläutert Hovermann. Eine eigene Küche hatten sie bisher nicht. Die Wohnungen bieten Privatsphäre. "Für die Familien ist es ein Quantensprung", so Hovermann.

Die Familien sind ein kleiner, ausgewählter Kreis von 4600 derzeit in Notunterkünften untergebrachten Flüchtlingen in Frankfurt. In einem "aufwendigen Verfahren" ausgewählt für Oberrad wurden Familien, die schon einige Jahre in der Stadt sind, einen gewissen Grad an Integration erreicht haben, also mindestens einen Deutschkurs absolviert haben, und zum Teil arbeiten.

In das Haus fließe die gesammelte Erfahrung des Frankfurter Vereins mit Flüchtlingen ein. "Wichtig ist, dass es für die Bewohner, aber auch für die Nachbarn jemanden gibt, den sie bei Konflikten ansprechen können", sagt Holger Volz. Das gesamte Haus kann nur über einen Eingang in der Mitte betreten werden, der rund um die Uhr von zwei Pförtnern besetzt ist. Sie seien kein Securitydienst, sondern eher als Hausmeister zu verstehen, die die Übersicht behalten. "Sie kontrollieren, wer hinein- und hinausgeht", so Volz. Ein solcher Dienst strahle erfahrungsgemäß positiv in den Stadtteil aus.

Gebaut wurde das Gebäude an der Wiener Straße 138-140 in Rekordzeit, Baubeginn war im Mai 2019. Denn die Stadt braucht händeringend Unterkünfte, da immer wieder Standorte wegfallen, so auch das Heim am Alten Flugplatz Bonames, wo Ende 2021 Schluss sein soll. Das Sozialdezernat muss derzeit 4600 Flüchtlingen ein Dach über dem Kopf bieten. 515 Flüchtlinge und 1100 Frankfurter Wohnungslose fristen ihre Wartezeit momentan in Hotels einfachster Ausstattung, "davon müssen wir wegkommen", so Dörr.

Gut die Hälfte der 4600 verfügen bereits über das Bleiberecht und haben damit Anspruch auf eine Wohnung, konnten aber noch keine finden. In vielen Unterkünften gebe es Konflikte wie zuletzt in Bonames wegen fehlender Ausstattung und Platz. Gerade Menschen, die studierten oder die arbeiten, bräuchten mehr Ruhe, die sie in Oberrad finden.

Sobald sie da sind, gehe es darum, die Neuankömmlinge zu integrieren. Dafür macht sich der Präventionsrat stark, der Ehrenamtliche und Vereine ins Boot holen will. (Von Stefanie Wehr)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare