+
Aus Flugzeugtriebwerken entweichen ultrafeine Partikel: Messungen sollen zeigen, wie viel Ultrafeinstaub bei Starts und Landeanflügen über die Stadt geweht wird. Erste Ergebnisse legen nahe, dass der Flughafen selbst mehr Ultrafeinstaub produziert als die Überflüge selbst. 

Bürgerinitiative vs. Landesregierung

Dank Flughafen mehr Feinstaub in der Luft? Die Meinungen gehen auseinander

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Überflügen und einer erhöhten Konzentration von Ultrafeinstäuben in der Luft? Nein, sagt die Landesregierung nach einer Auswertung von Messdaten. So ein Unsinn, erwidern die Bürgerinitiativen und sprechen von Manipulation.

Frankfurt - So klein und doch so gefährlich: Die Rede ist von Ultrafeinstaubpartikeln, die bei der Verbrennung von Treibstoff in Flugzeugmotoren entstehen. Die klitzekleinen, nicht sichtbaren Körnchen stehen seit Jahren unter Verdacht, gefährlich für die Gesundheit der Menschen zu sein. Doch wirklich erforscht ist dieses Gebiet noch nicht.

Jetzt haben Messungen des Hessischen Landesamts für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG) allerdings ergeben, dass Landeanflüge auf den Frankfurter Flughafen immerhin in den südlichen Stadtteilen zu einer Belastung der Luft mit Ultrafeinstaub führen. Allerdings ist diese Belastung deutlich geringer als diejenige, die durch das Flughafengelände selbst entsteht. Das haben Hessens Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir und Umweltministerin Priska Hinz (beide Grüne) gestern bekanntgegeben.

Flughafen Frankfurt: Vier Messstationen wurden ausgewertet

Das HLNUG hat Daten von vier Messstationen ausgewertet - zwei davon stehen in Frankfurt. Und zwar auf einem Sportplatz in Schwanheim, drei Kilometer nördlich des Airports, sowie auf dem Gelände der Martin-Buber-Schule in Sachsenhausen, 7,5 Kilometer vom Flughafen entfernt.

Für den Standort in Schwanheim heißt es in dem vorgelegten Bericht der Landesbehörde, dass die Konzentration der klitzekleinen Partikel in der Luft besonders hoch ist, wenn der Wind aus Richtung Flughafen weht. Dies wird besonders deutlich, wenn morgens um 5 Uhr das Nachtflugverbot beendet ist und der Betrieb auf dem Vorfeld wieder startet. Dann steigen die Werte an. Nach 23 Uhr hingegen, wenn keine Maschinen mehr starten und landen dürfen, sinkt die Feinstaub-Konzentration in der Luft wieder ab.

Eine Lufthansa-Maschine landet in Frankfurt: Der Flughafen selbst scheint die Hauptquelle des Ultrafeinstaubs zu sein, der über die Stadt weht. 

Während die Messstation in Schwanheim nicht von Flugzeugen direkt überflogen wird, befinden sich die Maschinen über Sachsenhausen im Endanflug und überfliegen den Stadtteil in einer Höhe von 650 Metern respektive 400 Metern, je nachdem, welche Landebahn sie ansteuern. 

Feinstaubbelastung ist auch immer eine Frage der Windrichtung

Für diesen Standort heißt es in dem Bericht ebenfalls, dass die Feinstaub-Konzentration besonders hoch ist, wenn der Wind aus Richtung Flughafen weht. Ob die Partikel ihren Ursprung allerdings ausschließlich auf dem Airport-Gelände selbst hätten oder auch von Landungen stamme, lasse sich nicht differenzieren. Da sich die Feinstaub-Konzentration aber je nach Windrichtung ändere, müsse man davon ausgehen, dass der Einfluss der Landeanflüge wesentlich geringer als der Einfluss des Flughafens sei. Sprich: Es gibt keinen eindeutigen Zusammenhang zwischen einem Überflug und der erhöhten Anzahl von Ultrafeinstaub am Boden. Die Erklärung: Die klitzekleinen Partikel werden horizontal vom Wind davongeweht. Die Untersuchungen sollen fortgesetzt und ausgeweitet werden - unter anderem in Oberrad und im Niedwald.

"So ein Unsinn", sagt Wolfgang Heubner, Sprecher der Bürgerinitiative Sachsenhausen. Mithilfe zweier Experten aus der Mainzer Bürgerinitiative gegen Fluglärm hätten sie die Daten von der Messstation in Sachsenhausen ebenfalls ausgewertet - mit einem anderen Ergebnis: "Die Ultrafeinstaub-Konzentration steigt sehr wohl nach einem Überflug an, auch wenn der Wind nicht aus Richtung Flughafen weht", sagt Heubner. Die Landesregierung versuche hier zu manipulieren, um die Flüge am Airport nicht einschränken zu müssen.

Ultrafeinstaub-Belastung wurde an anderen Flughäfen festgestellt

Frankfurts Umweltdezernentin Rosemarie Heilig (Grüne) hingegen ist froh, dass es endlich eine Messung der Ultrafeinstäube gibt. "Die Ergebnisse sind eine gute Basis, um zu schauen, was die Partikel mit der Umwelt und der Gesundheit machen", so Heilig.

Die städtische Fluglärmschutzbeauftragte Ursula Fechter weist darauf hin, dass die Stabsstelle für Fluglärmschutz sich bereits seit 2017 mit dem Thema befasse. Untersuchungen in Amsterdam, Kopenhagen und Los Angeles würden auf einen Zusammenhang von Flughäfen und Ultrafeinstaub-Belastungen hinweisen. "Weitere Untersuchungen sind unbedingt notwendig, damit möglichst bald auch Grenzwerten auch für Ultrafeinstäube festgelegt werden", so Fechter.

Die umweltpolitische Sprecherin der Linken im Römer Pearl Hahn hingegen fordert, dass die Flugbewegungen gedeckelt und Kurzstreckenflüge auf die Bahn umgeleitet werden. "Mit dem ungebremsten Wachstum des Flughafens auf Kosten der Menschen und des Klimas muss endlich Schluss sein."

Kardiologe aus Mainz untersucht Ultrafeinstaub

"Ultrafeinstaub ist extrem gefährlich", sagt Prof. Dr. Thomas Münzel, Leiter der Kardiologie an der Uniklinik in Mainz. Schon seit vielen Jahren sei bekannt, dass die Partikel, je kleiner sie sind, über die Lunge nicht nur in den Gefäßen, sondern auch im Blut und im Gehirn landen können. "Dort können sie dann zu Entzündungen führen", sagt Münzel. Die Folge: verkalkte Gefäße, die wiederum zu Bluthochdruck, einem Herzinfarkt oder Schlaganfall führen können.

Allerdings weist der Experte auch darauf hin, dass man noch gar nicht wisse, welche Konzentration der winzig kleinen Partikel in der Luft auch tatsächlich die Menschen krank macht. "Es bedarf noch viel Forschungsarbeit, um das herauszufinden", so Münzel.

Lesen Sie auch: Mädchen (11) missbraucht: Polizei nimmt flüchtigen Mann am Flughafen fest

Das Problem nämlich sei, dass es bisher im Bezug auf die Ultrafeinstäube weder Richt- noch Grenzwerte gebe. "Wir wissen ja noch nicht einmal, welche Messmethode der kleinen Partikel überhaupt die richtige ist", sagt Münzel. Deshalb rät er: "Wir müssen jetzt weiter messen und Erfahrungen sammeln." Erst dann könne man Grenzwerte beschließen. "Das kann aber noch 20, 30 Jahre dauern."

In der Zwischenzeit forscht der Mediziner selbst in Sachen Feinstaub. Er hat sich ein Gerät angeschafft, das Feinstaubpartikel - auch extrem kleine - generieren kann. So will er an Mäusen untersuchen, welche Auswirkungen Feinstaub auf Gefäße und Gehirn habe, und zwar in Abhängigkeit von der Größe der Partikel. Dabei soll zudem erforscht werden, ob eine Kombination aus Feinstaub und Fluglärm die Auswirkungen auf die Gesundheit des Menschen erhöht.

 jlo

Diese Artikel auf fnp.de* könnten Sie auch interessieren:

Gewitter und Starkregen - Unzählige Flüge am Frankfurter Flughafen gestrichen

Am Frankfurter Flughafen mussten wegen heftigen Gewitters und Starkregen 100 Flüge gestrichen werden. Eine Bilanz aus Hessen.

Bombendrohung auf Toilette im Flugzeug gibt Polizei Rätsel auf

Auf dem Flughafen Frankfurt gab es Aufregung um eine Bombendrohung auf einer Flugzeug-Toilette. Die Polizei rätselt noch immer.

Mögliche Annäherung von zwei Flugzeugen — Flugsicherung untersucht Vorfall

Am Frankfurter Flughafen soll es zu einer Annäherung von zwei Flugzeugen gekommen sein. Die Flugsicherung untersucht den Fall.

Fluglärm nonstop: Nachtflugverbot wird regelmäßig nicht eingehalten

85 Landungen nach 23 Uhr, wenn eigentlich das Nachtflugverbot gilt, verzeichnete der Frankfurter Flughafen in den vergangenen beiden Monaten. Dazu kommen noch 77 Starts.

fnp.de* ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerkes.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare