+

Was tun, wenn der Flieger mal wieder annulliert wird

Am Flughafen gestrandet

  • Julia Lorenz
    vonJulia Lorenz
    schließen

Verspätungen und Annullierungen sind am Frankfurter Flughafen an der Tagesordnung. Das musste nun auch ein Ehepaar aus der Region erfahren. Doch wie sehen die Rechte der Fluggäste aus? Wann können sie das Geld für ein Ticket zurückfordern? Gibt es einen Anspruch auf Schadensersatz? Wir klären auf.

So schnell wird Wolfgang Wiener (Name von der Redaktion geändert) keinen Flug mehr bei der Fluggesellschaft Air Berlin buchen – zu sehr stecken dem 66-Jährigen und seiner Frau Monika noch die Wut auf die deutsche Airline in den Knochen. „Das war ein Tag mit viel Stress, Enttäuschung und Aufwand“, sagt Wiener, wenn er an das Erlebnis zurückdenkt. „Mit dieser Firma möchte ich nichts mehr zu tun haben.“

Show in Berlin verpasst

Was war geschehen? Wolfgang Wiener hatte im vergangenen Dezember zwei Flüge mit Air Berlin gebucht, um abends mit seiner Frau die Revue „The Wyld“ im Friedrichstadtpalast zu besuchen. Knapp 460 Euro zahlte er dafür, Die Maschine sollte am 10. Mai um 10.50 Uhr in Frankfurt abheben und um 12 Uhr in Berlin landen. „Voller Vorfreude und mit vielen Ideen im Gepäck, was wir uns alles in der Hauptstadt noch anschauen könnten, fuhren wir mit der S-Bahn an den Flughafen“, erzählt Wiener. Doch am Flugsteig kam dann die Nachricht, dass die Maschine defekt sei, sich der Abflug um zwei Stunden verzögere, da das Flugzeug zunächst repariert werden müsse. Später hieß es dann, der Flug falle komplett aus. Die Passagiere wurden auf den nächsten Air Berlin-Flug um 15.15 Uhr umgebucht. Doch auch dieser verspätete sich um fast drei Stunden. Auf eine andere Fluggesellschaft wurden die Passagiere nicht umgebucht, auch nicht auf die Deutsche Bahn. Auch Getränke und Essen wurden ihnen nicht bereitgestellt.

Defekte sind vorhersehbar

Dazu wäre die Airline allerdings verpflichtet gewesen, wie der Frankfurter Rechtsanwalt Stefan Tödt-Lorenzen sagt. Er ist auf Verkehrs- und Reiserecht spezialisiert. Den Kern der Fluggastrechte regelt die EU-Verordnung Nummer 261 aus dem Jahr 2004. Demnach sind Fluggesellschaften ab einer Verspätung von zwei Stunden dazu verpflichtet, die Passagiere zu verpflegen und ihnen Telefonate oder E-Mail-Schreiben zu ermöglichen.

Bei einer Verspätung ab drei Stunden stehen den Fluggästen pauschale Ausgleichsleistungen zu. Bei einer Entfernung unter 1500 Kilometern sind das 250 Euro pro Person, ab 1500 Kilometern 400 Euro, ab 3500 Kilometern 600 Euro. „Diese Leistungen gelten auch für Kinder, aber nicht für Babys, die kostenlos fliegen oder für Airline-Mitarbeiter, die vergünstigte Tickets bekommen“, erklärt Tödt-Lorenzen.

Diese Entschädigungen gelten auch bei Annullierungen. Zudem haben die Passagiere bei gestrichenen Flügen ein Anrecht darauf, mit einem anderen Flugzeug oder Verkehrsmittel zum Zielort befördert zu werden. Verzichten sie darauf, müssen sie den kompletten Ticketpreis zurückerhalten. Eine Fluggesellschaft muss keine Entschädigung zahlen, wenn sie die Annullierung oder Verspätung auf „außergewöhnliche Umstände“ zurückführen kann. Dazu zählen etwa die politische Instabilität im Zielort, Sicherheitsrisiken oder massiv schlechte Wetterbedingungen.

„Es gibt mittlerweile sogar Gerichtsurteile, die auch Gewitter nicht mehr als außergewöhnliche Umstände anerkennen, weil man zu bestimmten Jahreszeiten mit Blitz und Donner rechnen muss“, sagt Tödt-Lorenzen. Auch technische Defekte zählen nicht dazu. „Jeder Defekt kann irgendwann einmal auftreten und gilt daher als vorhersehbar“, sagt der Experte. Die erwähnten Fluggastrechte gelten für alle Passagiere, die mit einer europäischen Airline fliegen oder – wenn es sich um eine Fluggesellschaft aus Drittstaaten handelt – wenn der Flug in Europa startet. „Leider kennen die wenigsten Fluggäste ihre Rechte“, sagt Tödt-Lorenzen. Und dies, obwohl Verspätungen oder Annullierungen an Flughäfen nicht selten vorkämen.

„Das ist an der Tagesordnung – bei allen Fluggesellschaft“, so Tödt-Lorenzen, „davon leben ganze Branchen“ (siehe Infobox). Der Rechtsanwalt allein hat jährlich bis zu 150 Klagen gegen Condor wegen Ansprüchen von Passagieren auf Entschädigung. Am Rüsselsheimer Gericht, wo die Verfahren gegen die Fluggesellschaft verhandelt werden, wurden offenbar eigens Richter eingestellt, um sich nur darum zu kümmern. „Zwischen 6000 und 8000 Klagen werden dort jährlich verhandelt“, so der Experte.

Doch zurück zur Familie Wiener: Mit siebeneinhalb Stunden Verspätung startete die Maschine dann doch Richtung Berlin – ohne das Ehepaar an Bord. „Die Revue war für uns gelaufen, der Zweck der Reise nicht mehr gegeben“, erklärt Wiener. Deshalb hätten sie die Flüge storniert. „Normalerweise fahren wir immer mit dem Auto oder der Bahn nach Berlin, aber zur Feier des Tages wollten wir uns mal was gönnen. Darauf verzichten wir in Zukunft aber“, sagt Wiener. Das Geld für die Flugtickets haben sie mittlerweile zurückbekommen. Sein Recht auf eine zusätzliche Entschädigung fordert das Ehepaar nun aber ein. Immerhin sind sie auf den Kosten von knapp 126 Euro für die Friedrichstadtpalast-Tickets bisher sitzen geblieben – plus den Kosten für ein „völlig überteuertes Mittagessen“ am Flughafen.

Air Berlin: „Fehler passieren“

Ein Air Berlin-Sprecher entschuldigt sich für die Umstände. Auf der Strecke Berlin-Frankfurt sei nur eine Maschine unterwegs. Diese habe nicht schnell genug repariert werden können. „Einen Ersatz zu finden, ist im Sommerflugplan nur schwer möglich.“ Es habe keine Umbuchungen auf andere Airlines oder die Deutsche Bahn gegeben, weil Air Berlin angenommen habe, der Defekt lasse sich rasch beheben. „Das war ein Fehler. Und Fehler können überall passieren.“

Von Julia Lorenz

Am Flughafen Frankfurt spielt sich wegen Corona eine bizarre Geschichte ab. Ein DJ aus Griechenland sitzt seit Wochen fest. Auf Instagram postet er die Odyssee.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare