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Aufgeregt, aber guter Dinge geht FNP-Mitarbeiter Gernot Gottwals seine Aufgabe noch einmal durch. In fünf verschiedenen Sprachen liest er auf dem Hof der Carlo-Mierendorff-Schule in Preungesheim die Menschenrechtserklärung vor.

Nachbarschaftsfest

FNP-Mitarbeiter liest mit beim Rekordversuch in Preungesheim

Beim Nachbarschaftsfest „Preungesheim i(s)st“ versuchten 45 Teilnehmer mit Leseproben der Menschenrechtserklärung in 55 Sprachen einen Weltrekord aufzustellen. Mitten drin als Vorleser war FNP-Mitarbeiter Gernot Gottwals.

„Deklaratioun vun de Mënscherechter“: So heißt die allgemeine Menschenrechtserklärung auf Luxemburgisch – jene ach so eng verwandte Sprache, die ich mit ihren verflixten Vokalen und Diphtongen auf den letzten Drücker übe. Okay, ich wollte es wissen und werde wie der Computerlinguist Armin Hoenen gleich mit fünf Sprachen an den Start gehen.

Denn um als Höhepunkt des diesjährigen Nachbarschaftsfestes „Preungesheim i(s)t“ den Weltrekord im Vorlesen zu knacken, soll die Menschenrechtserklärung in mehr als 50 Sprachen verlesen werden. Einige Sprachenfreunde folgen entspannt der Grundidee des Festes und bringen zur langen Tafel in der Carlo-Mierendorff-Schule für Anwohner aus verschiedenen Wohnvierteln Preungesheims leckeres Essen aus ihren Herkunftsländern mit. Zum Auftakt singt ein Kinderchor, auch das benachbarte Polizeirevier hat einen Informationsstand aufgebaut.

Doch dann läuft der Countdown: Kurz vor dem Start melden sich nochmal viele Freiwillige, es werden Textauszüge in exotischen Schriftzeichen sortiert, die ich dem äthiopischen Raum zuordnen kann. Doch dann werden mehr Lehrer, Übersetzer und Dolmetscher als aktive Vorleser gesucht.

„Für das Guinnessbuch der Rekorde brauchen wir Zeugen, dass ausreichend viele Sprachen flüssig und korrekt gelesen wurden“, erklärt die Koordinatorin Fatiha Boutaib. Zeugen, die aber selbst nicht lesen dürfen. Doch ein Wettbewerb braucht faire Regeln. Schließlich begann auch meine Sprachbegeisterung mit einer Spielregel. „Voorbereiding van het spel“ (Spielvorbereitung) las ich als Achtjähriger meiner verdutzten Mutter vor, die erklärte, das sei wohl Niederländisch. Fast so flüssig las sich der Text auch auf Italienisch, das ich an der Universität zusammen mit Portugiesisch, Englisch und einigen alten Sprachen studierte. Im Urlaub und in verschiedenen Kursen kamen weitere Sprachen aus Nord- und Südeuropa hinzu.

„Wir haben uns für den Vorlesewettbewerb als besondere Attraktion entschieden, da er die 106 Nationen in Preungesheim repräsentiert“, erklärt Quartiersmanagerin und Festorganisatorin Angela Freiberg. In Frankfurt sind es rund 180 Nationen, doch für seltene Sprachen sind Muttersprachler schwer zu finden. Diese Lücke versuchen wir Sprachwissenschaftler und „Freaks“ zu füllen. Deshalb habe ich mich für Niederländisch, Westfriesisch, Isländisch und Ladinisch beworben, eine rätoromanische Minderheitensprache in Südtirol.

„Meine Studentinnen werden noch rund zehn Sprachen aus dem europäisch-asiatischen Übergangsraum beisteuern“, verspricht Manana Tandaschwili. Als Professorin an der Goethe-Universität ist sie Expertin für den Kaukasus. So wächst die Auswahl um Georgisch und Ossetisch, aber auch Baskisch, Katalanisch, Jiddisch und einige weitere Minderheitensprachen werden aufgerufen. Dann erklärt plötzlich eine Frau in akzentfreiem Hochdeutsch, sie sei in Luxemburg aufgewachsen und könne mich coachen. Auch auf diese Sprache hatte ich mich beworben, musste aber mangels eines Experten zunächst passen.

Nach einer kurzen Einweisung geht es endlich mit der Präambel auf Polnisch los. Gleich eine Steilvorlage, denke ich, denn schon der Titel der Menschenrechtserklärung „Powszechna deklaracja praw czlowieka“ hört sich selbst für mich unaussprechlich an. Der Text kommt mir unendlich lange vor. Nun spüre ich meinen Puls- und vorsichtige Zweifel: Habe ich mir vielleicht doch zu viel zugemutet? Doch jetzt gibt es kein Zurück mehr.

Endlich bin ich an der Reihe: Die Messlatte hängt hoch und das Mikrofon für mich langen Lulatsch (1,90 Meter) natürlich zu niedrig. Den Kameraleuten vom Hessischen Rundfunk leuchtet das ein, denn nach mir sind kleinere afrikanische und asiatische Muttersprachler dran. Ich konzentriere mich auf Luxemburgisch, versuche Wörter wie „haaptsächlech“ möglichst lang und leicht singend auszusprechen. Niederländisch ist mir vertraut, Isländisch konnte ich mit der Architektin des Historischen Museums Jórunn Ragnasdóttir üben, zur ladinischen Aussprache über Facebook einen befreundeten Hotelier in Südtirol befragen. Für Westfriesisch hatte ich nur eine Internet-Hörprobe. Doch bei uns allen flutscht es recht gut, wir kriegen Applaus.

Durch die Mehrfacheinsätze gerät die Reihenfolge leicht durcheinander, zwischendurch höre ich noch Deutsch, Latein und Chinesisch, für das sich ein kleiner Junge nach dem Mikrofon streckt. Nach gefühlten 35 Minuten babylonischem

Sprachgewirr

sind alle Vorleser durch. Die Hessenschau wird unseren erfolgreichen „Rekord in Sprachenvielfalt“ verkünden. Wie man uns im Guinnessbuch berücksichtigen kann, werden wohl auch Linguisten anhand des aufgezeichneten Sprachvideos beurteilen.

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