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Franziska Hoche forscht daran, das Kleinhirn besser zu verstehen.

Erforschung des Kleinhirns

Ein Forschertalent aus Frankfurt

Eine junge Medizinerin aus Frankfurt mischt die Forschungsszene in der Neuropädiatrie auf. Derzeit sucht Dr. Franziska Hoche (34) an der Harvard Medical School in Boston nach Therapien zur Behandlung von Erkrankungen des kindlichen Kleinhirns.

Das Gehirn, diese Schaltzentrale in unserem Kopf mit ihren Milliarden von Nervenzellen – auf Dr. Franziska Hoche übt sie eine ganz besondere Faszination aus. Ein wenig hat das auch mit der Familiengeschichte der 34 Jahre alten Frankfurterin zu tun, die sich schon früh mit Nervenerkrankungen naher Verwandter auseinandersetzen musste. Dennoch kam die junge Medizinerin, die mittlerweile zu den Hoffnungsträgern in der Neuropädiatrie zählt, eher zufällig zu ihrem Fachgebiet.

Während des Studiums an der Goethe-Universität arbeitete Hoche in der Kardiologie, hatte zuvor sogar einen kleinen Umweg über ein Musik- und Theaterstudium genommen. Dann sprach sie ihr späterer Doktorvater an, ob sie nicht in Neuroanatomie promovieren wolle – ein Schlüsselmoment. „Die haben da eine Sammlung von mehr als 1000 Gehirnen“, schwärmt Hoche, die mit einem Mal ein neues medizinisches Zuhause und bald auch ein ungelöstes medizinisches Rätsel gefunden hatte, das sie nicht mehr losließ: Warum, fragte sich Hoche, treten bei Patienten mit einer Kleinhirnerkrankung Symptome auf, die mit der eigentlichen Funktion dieses Hirnabschnitts überhaupt nichts zu tun haben?

Das Kleinhirn koordiniert vor allem motorische Abläufe. Ist es beschädigt, treten aber auch Störungen des Kurzzeitgedächtnisses und Sprachprobleme auf. Und wieso lässt sich da, gerade bei Kindern, deren Gehirn sich rasant entwickelt, so wenig tun? „Wenn man da einmal anfängt zu graben, sieht man, dass ein enormer Leidensdruck da ist“, schildert Hoche ihre Erfahrungen.

Die junge Ärztin, die jüngst für ihre Arbeit den Destin-Jungforscherpreis erhalten hat – die höchste Auszeichnung der deutschsprachigen Gesellschaft für Neuropädiatrie –, beschäftigt sich vor allem mit der Ataxia Teleangiectatica (AT), einer seltenen Erkrankung, an der in Deutschland etwa 50 bis 80 Patienten leiden. Die ersten Symptome treten im Alter zwischen einem und drei Jahren auf. Die kleinen Patienten entwickeln eine Gangstörung, fallen häufig hin. „Dann geht der Diagnostikmarathon los“, weiß Hoche, dass es oft lange dauert, bis die eigentliche Ursache für die Probleme gefunden ist. Die Diagnose schließlich ist ein Schock für die Eltern, weil die Erkrankung zumeist einen schweren Verlauf nimmt. Die motorischen Fähigkeiten nehmen immer weiter ab, im Schulalter sind die Patienten in der Regel auf einen Rollstuhl angewiesen. Das Immunsystem Betroffener ist geschwächt, häufig entwickeln sie zudem Tumore. Die meisten Patienten sterben im Alter zwischen 20 und 30 Jahren.

Für Hoche eine nicht tragbare Situation: „Eigentlich müssten wir hier im Kindesalter ganz viele Optionen haben, da bilden sich Millionen von Nervenzellen ja erst noch. Aber wir haben überhaupt keine Therapien, nichts.“

Gleiches gilt für alle anderen neurodegenerativen Erkrankungen des Kleinhirns im Kindesalter sowie für Kleinhirntumore. Nimmt man alle Erkrankungen zusammen, ist die Zahl der Betroffenen, denen die Medizin heute kaum helfen kann, groß. Hoche schätzt, dass es etwa 15 000 kleine Patienten sind. Deshalb forscht sie mit Hochdruck daran, dass sich das ändert. Auch wenn es „noch ein weiter Weg ist“. Doch an Ausdauer mangelt es der 34-Jährigen nicht. Zwar hat sie für ihre Leidenschaft, den Triathlon, keine Zeit mehr, dafür läuft sie nach wie vor regelmäßig. Den Frankfurt Marathon hat sie schon mehrmals absolviert.

Aktuell ist die gebürtige Dresdenerin, die an der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin der Uniklinik im Schwerpunkt Neurologie, Neurometabolik und Prävention beschäftigt ist, für ein Forschungsstipendium an der Harvard Medical School in Boston freigestellt. „Momentan lebe ich zwischen den Welten“, sagt die Frankfurterin. Doch auch in den USA trägt sie immer ein Stück Heimat bei sich: Auf dem Rucksack des leidenschaftlichen Fußballfans prangt – natürlich – ein Eintracht-Aufkleber.

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