1. Startseite
  2. Frankfurt

Aktivisten in besetztem Frankfurter Haus können durchatmen

Erstellt:

Von: George Grodensky

Kommentare

Dieses Haus ist besetzt. Das lässt sich nicht nur an der Flagge auf dem Dach erkennen.
Dieses Haus ist besetzt. Das lässt sich nicht nur an der Flagge auf dem Dach erkennen. © Renate Hoyer

Seit einigen Tagen besetzen Wohnungs-Aktivisten ein Haus in Frankfurt. Nach einer Konfrontation mit der Polizei kehrt Alltag in das Gebäude ein.

Frankfurt – Von der S-Bahnstation Galluswarte aus hat man einen guten Blick auf das besetzte Haus. Der Hochbahnsteig liegt genau gegenüber. Auf dem Dach flattert lustig die Flagge mit dem umkreisten Buchstaben „N“ der Hausbesetzerbewegung. Ein Mensch sitzt daneben und schüttelt die langen Haare. Transparente informieren die Reisenden, was vor sich geht. „Solidarisch gegen den Mietenwahnsinn“ hängt am obersten Stockwerk. „Gegen die Stadt der Reichen“ weiter unten.

Seit Samstag hat das Kollektiv „Freiräume statt Glaspaläste“ das Gebäude an der Günderodestraße 5 im Gallus besetzt. Es sind viele junge Menschen im Haus unterwegs. Der harte Kern sind etwa 15 Aktivistinnen und Aktivisten. Ganz genau lässt es sich nicht sagen, erklärt Jule. Das Kollektiv hat sie abgestellt, um den Besuch herumzuführen. Viele sind nicht immer vor Ort, müssen „zur Schule, zur Uni, zur Arbeit“. Am heutigen Mittwoch (8. Dezember) ist man damit beschäftigt, das Haus wohnlich herzurichten. Schließlich soll die Besetzung ein Fanal gegen verfehlte Wohnungspolitik der Stadt sein, gegen Gentrifizierung, gegen Verdrängung der angestammten Mieter:innen aus ihrem Stadtteil. Aber nicht nur.

Haus in Frankfurt besetzt: Polizei umstellt Gebäude

Das Kollektiv möchte auch zusammen mit sozialen Initiativen die Räume bereitstellen für Wohnsitzlose, damit die im Winter nicht frieren müssen, dafür menschenwürdig leben. Beheizt ist es. Strom und Wasser sind ebenfalls vorhanden. Überhaupt bräuchten die zehn Wohnungen auf den vier Etagen eigentlich nur einen Anstrich und Küchen, dann könnte man einziehen.

Vor dem Wohnlichmachen hat das Kollektiv erst einmal einen Schreckmoment verkraften müssen. Als die Polizei am Samstag das Haus in Frankfurt umstellt, wird es manchen der neuen Bewohnerinnen und Bewohner schon etwas mulmig. „Die Frankfurter Polizei ist nicht dafür bekannt, sonderlich zimperlich zu sein“, sagt Hannes. Vor allem, wenn es gegen Linke gehe. Wie er so der Staatsmacht gegenüber stand, sei ihm vor allem der Skandale um rechte Chatgruppen in der hessischen Polizei in den Sinn gekommen.

Die bläst die Erstürmung dann allerdings ab. Am Samstag hat sich keine Vermietung oder Hauseigentümerin gefunden, die Strafantrag gestellt hätte. Dienstag setzen sich die Verantwortlichen sogar mit den Besetzenden an den Verhandlungstisch. Beteiligt ist die „FAZ“ als Hauseigentümerin, die halbstädtische Immogesellschaft KEG als Vermieterin und ihr derzeitiger Untermieter, der evangelische Verein für Wohnraumhilfe.

Besetztes Haus im Frankfurter Gallus: Jeder ist willkommen

Das besetzte Haus, wie die anderen Gebäude auf dem Areal, das einmal das Quartier Hellerhöfe bilden soll, stehen wohl einige Monate leer. Eine Zwischennutzung wäre möglich, zumindest versichert die „FAZ“, keinen Strafantrag wegen Hausfriedensbruch stellen zu wollen, solange darüber noch verhandelt werde, erklärt Jule. So lässt es sich derzeit ganz entspannt in der Loggia im zweiten Stock stehen und die Gegenseite beobachten, den Bahnsteig. Aber auch aus dem Haus hinaus lässt sich wunderbar der Bahnsteig beobachten. Ein bisschen wie Fernsehen ist das. „Am Wochenende haben wir Lautsprecher aufgestellt und eine Rede gehalten“, sagt Jule. Ein schöner Moment sei das gewesen. Die Menschen wären vor dem Haus zusammengekommen und hätten gelauscht, wären ein, zwei Bahnen später gefahren.

Wer reinkommen möchte, sei willkommen. „Es ist ein offenes Haus.“ Vier Ausstellungen gibt es dort zu entdecken. Über die Gentrifizierung des Gallusviertels etwa oder den Häuserkampf im Westend. Auch zum Neubauprojekt Hellerhöfe. 506 Mietwohnungen sollen dort entstehen. 30 Prozent davon sollen öffentlich gefördert werden. 17.000 Quadratmeter Bürofläche und 3500 Quadratmeter für Einzelhandel und Gastronomie sollen entstehen. Eine Grundschule und zwei Kitas.

Haus im Gallus besetzt: Promi aus Frankfurt besucht Aktivisten

Manche Nachbar:innen fühlten sich regelrecht überfahren von dem Vorhaben, berichtet Aktivist Hannes. Sie hätten sich Mitsprache gewünscht. Bei den Besetzerinnen und Besetzern könnten sie sich nun wenigstens „ehrlich“ informieren, wie Hannes sagt. Etwa darüber, dass von den 30 Prozent geförderten Wohnungen lediglich 15 Prozent für den schmalen Geldbeutel gedacht sein, die anderen 15 bilden die Förderung für den Mittelstand.

Wenn es nach Hannes und Jule ginge, wären 60 Prozent der Wohnungen für die Menschen gedacht, die nicht so viel Geld haben. Wobei man auch kritisieren könnte, dass überhaupt abgerissen und neu gebaut werden müsste. Anstatt an den CO2-Ausstoß zu denken und nachhaltig mit den Gebäuden umzugehen.

Dann taucht der Bahnbabo auf. Peter Wirth heißt der in echt und ist nicht nur Frankfurts bekanntester Tramfahrer, zu erkennen an den Muskeln und dem breiten Grinsen. Er ist auch OB-Kandidat bei den Wahlen im März. Heute sei er aber als Bahnbabo da, versichert er treuherzig.

Frankfurt: Aktivisten in besetztem Haus erhalten viel Zuspruch

Er wolle die jungen Leute unterstützen, die sich gegen Gentrifizierung und für Wohnsitzlose einsetzen. Er lebe selbst von kargem Einkommen mit seiner Frau in einer Einzimmerwohnung. Mehr Platz brauche er aber auch nicht. Wo bei anderen die Anrichte sei, stehe bei ihm die Hantelbank, scherzt er. Dann wird er kurz ernst. „Wer soll denn in den teuren Wohntürmen leben?“, fragt er ins Rund. „Wer soll sich das leisten können?“ Dann federt er die Treppe hinauf, Fotos machen für Instagram.

Eine junge Frau eilt die Treppe hinunter, sie federt nicht, sie rasselt mit einer grobgliedrigen Kette. Symbolisch sei die nicht, sagt sie und lacht. Aber dass man sie von weitem kommen höre, das gefalle ihr gut, sprach’s und rasselt davon. In Ketten legen, das wird man das Kollektiv wohl auch nicht, die Debatte über das Vorhaben ist längst in der Stadtpolitik angekommen. Die Linke im Römer erklärt sich solidarisch. Überhaupt bekämen sie Zuspruch von vielen Menschen, sagt Jule. Die kommen vorbei, bringen freundliche Worte und Gebrauchsgegenstände. Der Kreis der Unterstützenden liefert gar warme Mahlzeiten ins Haus. Die Küche fehlt ja noch. (Georg Grodensky)

Auch interessant

Kommentare