+
Kulturdezernent Felix Semmelroth und Evelyn Brockhoff, Leiterin des Instituts für Stadtgeschichte, vor einem Werbeplakat der Adlerwerke, die im Gallus beheimatet waren. Foto und Repros: Salome Roessler

Schau des Instituts für Stadtgeschichte

Frankfurt in den 50er Jahren

  • schließen

Wiederaufbau, Wirtschaftswunder, Wohnungsnot: Mit der Fotoausstellung „Schauplätze. Frankfurt in den 50er Jahren“ zeigt das Institut für Stadtgeschichte die strahlende Seite Frankfurts, thematisiert aber auch typische Großstadtprobleme.

Es lässt sich wieder gut leben im Frankfurt der 50er Jahre: Reisebusse parken vor dem wiederaufgebauten Goethehaus, die Sachsenhäuser und Bornheimer genießen den Ebbelwei. „Wir werden zeigen, dass wir die Zeichen der Zeit erkannt haben“, sagt Oberbürgermeister Walter Kolb zur Einweihung des Parkhauses Hauptwache 1955. Kurz darauf eröffnet sein Nachfolger Werner Bockelmann die Kuhwaldschule. Und die Altstadt soll in „moderner Bauweise mit Attrappen netter Altstadt-Häuschen“ neu entstehen, findet zumindest ein Karikaturist.

„Das Interesse der Öffentlichkeit am Wandel des Stadtbildes wächst stetig“, unterstrich der Kulturdezernent Felix Semmelroth (CDU) zur Eröffnung der Fotoausstellung „Schauplätze. Frankfurt in den 50er Jahren“. Doch damals wie heute plagen sich die Frankfurter mit Verkehrs-, Schul- und Wohnungsproblemen. Der Fortschritt fordert seinen Tribut: Und so mussten sich die Frankfurter nicht nur endgültig vom Schumanntheater und dem alten Schauspielhaus verabschieden, sondern auch von prägenden Bauten und Institutionen der 1950er Jahre wie dem AEG-, Rundschau- und Fernmeldehochhaus an der Hauptwache oder dem heute kaum noch bekannten Café WiPRA an Stelle des heutigen Maggi-Kochstudios an der Neuen Kräme.

„Die Fotoausstellung könnte den Anfang für eine Reihe bilden, die auch die 60er oder 70er Jahre abbildet“, erklärte Evelyn Brockhoff, Leiterin des Instituts für Stadtgeschichte. „Denn seit dieser Zeit hat sich das Stadtbild so rasant gewandelt, dass wir heute nahezu in einer anderen Stadt leben“, betonte Semmelroth. Doch in der Ausstellung und dem gleichnamigen Katalog (erschienen bei Henrich-Kalveram für 14,90 Euro) dokumentieren 150 Abbildungen nicht nur Gebäude und Städtelandschaften, sondern auch die Menschen: Der Jazz-Posaunist Albert Mangelsdorff und der Entertainer Peter Frankenfeld gehören ebenso dazu wie die Einkäufer auf der Zeil und die ersten Demonstranten gegen das Nachkriegsestablishment.

Denn der richtige Umgang mit der Nazivergangenheit und den Folgen des Kriegs gehörten zu den größten Herausforderungen jener Zeit: Ersteres wurde im Eifer des Wiederaufbaus gerne verdrängt, spielte aber anders als bei der Paulskirche beim Goethehaus durchaus eine Rolle: So entbrannte eine heftige Diskussion um eine Rekonstruktion, die die Kriegsspuren verwischen würde. Gleichzeitig stellte sich Frankfurt der Problematik des geteilten Deutschlands: So konnten zum Evangelischen Kirchentag 1956, der mit einer Abschlusskundgebung auf dem Rebstockgelände endete, immerhin noch 21 000 DDR-Bürger einreisen.

Der Beginn der 50er Jahre war indes von einem Zuzugsverbot geprägt, das wegen der großen Wohnungsnot selbst für gebürtige Frankfurter galt, die die Stadt kriegsbedingt verlassen mussten. „Für viele dieser Menschen, die in der Umgebung siedeln mussten, war das sehr bitter“, sagte der Kurator Michael Fleiter.

Doch dann kam mit dem Wirtschaftswunder, begleitet von Jazz, Petticoat und Reklamen für die Adlerwerke, auch der Wunsch nach der verkehrs- und autogerechten Stadt: „Wie beim Zauberlehrling wurden Geister in die Stadt geholt, die man nicht mehr losgeworden ist“, erklärte der zweite Kurator Tobias Picard. So wurden die Weichen für das Frankfurter Kreuz und den Flughafen gestellt. Für den Durchbruch der Berliner Straße, die nach dem derzeitigen Innenstadtkonzept für den Verkehr reduziert werden soll, wurde unter anderem die alte Weißfrauenkirche geopfert.

Während die Hauptwache zunehmend im Verkehr zu ersticken drohte, warb der Kaufhof mit amerikanischen Wochen und schmückte sich mit Skyline und Freiheitsstatue: Denn die USA, die am Wiederaufbau und Wirtschaftsaufschwung maßgeblichen Anteil hatten, sollten den Bürgern als Freunde vermittelt werden. Doch schon damals gab es Proteste gegen die Aufrüstung und den Konsumrausch des Kapitalismus, ein erstes Ventil waren die „Halbstarkenkrawalle“ 1958.

In Sachen Stadtgeschichte entschied man sich für die nötigsten wichtigen Monumente wie den Dom und Römer, während vielen Frankfurtern der Abschied vom „alten Gelerch“ – der heruntergekommenen Altstadt – nicht schwerfiel, bis dann ab 1960 auch erhaltungswürdige Theaterbauten dem Zeitgeist weichen mussten.

Eine Wende sollte sich erst zur Wende der 80er Jahre mit dem Aufbau der Alten Oper und der Rekonstruktion der Ostzeile am Römer abzeichnen. „Insgesamt wäre ohne das Dritte Reich der Aufbruch Frankfurts in die Moderne ein längerfristigerer Prozess gewesen“, stellt Picard abschließend fest.

Die Ausstellung im Dormitorium des Karmeliterklosters, Münzgasse 9, ist bis 6. November montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr und samstags von 11 bis 18 Uhr geöffnet.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare