Gar nicht so einfach, die Kinderbetreuung in die Hand zu nehmen. Die Stadt tut sich schwer damit.
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Gar nicht so einfach, die Kinderbetreuung in die Hand zu nehmen. Die Stadt Frankfurt tut sich schwer damit.

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Kinderbetreuung in Frankfurt – Keine Hilfe für Alleinerziehende

  • Julia Lorenz
    vonJulia Lorenz
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Das Bildungsdezernat in Frankfurt äußert sich nur vage zum Essener Erfolgsprojekt "Sonne, Mond und Sterne" für Alleinerziehende. Eine Grünen-Politikerin reagiert sauer.

Frankfurt – Polizisten, Krankenschwestern, Rettungssanitäter, Ärzte, Schaffner, Feuerwehrmänner, Kellner, Köche: Sie alle arbeiten im Schichtdienst, müssen auch am Wochenende ran. Doch wer kümmert sich um die Kinder, wenn Mama und Papa zur Arbeit müssen, Krippe, Kindergarten oder Schule aber noch nicht geöffnet haben oder schon geschlossen sind? Ein besonders großes Organisationstalent müssen da Alleinerziehende an den Tag legen. Oft bleibt als Ausweg aber nur, weniger oder gar nicht mehr zu arbeiten und auf staatliche Unterstützung zurückzugreifen.

Um dies zu vermeiden, gibt es etwa in Essen die ergänzende Kinderbetreuung. „Sonne, Mond und Sterne“ heißt das Angebot, bei dem frühmorgens oder abends Frauen oder Männer - meist Studenten, Arbeitssuchende oder Rentner - zu den Familien nach Hause kommen, wenn Mama oder Papa zur Arbeit müssen. Sie passen dann auf die Kinder auf, machen Frühstück, putzen mit ihnen die Zähne, bringen sie in die Kita, Schule oder ins Bett - je nach Tageszeit. In Essen wurde das Angebot vom Verband alleinerziehender Mütter und Väter Nordrhein-Westfalen ins Leben gerufen. Es wird jährlich von der Stadt mit bis zu 200.000 Euro unterstützt.

Frankfurt: Grünen-Politikerin fordert Konzept für Alleinerziehende

Solch ein Modellprojekt wünscht sich auch die Römer-Koalition aus CDU, SPD und Grünen für Frankfurt. Deshalb hatte die Stadtverordnetenversammlung mit dem Haushalt 2020 den Aufbau und die Einführung der ergänzenden Kinderbetreuung inklusive der erforderlichen finanziellen Mittel beschlossen. Passiert ist bisher in diese Richtung aber noch nicht viel.

„Das Modellprojekt ,Sonne, Mond und Sterne‘ zur ergänzenden Kinderbetreuung in Essen wurde überprüft hinsichtlich Übertragungsmöglichkeiten auf Frankfurter Verhältnisse“, teilte jetzt Bildungsdezernentin Sylvia Weber (SPD) auf eine schriftliche Anfrage der Stadtverordneten Ursula auf der Heide (Grüne) mit. Diese wollte wissen, welche Anstrengungen der Magistrat zur Umsetzung des „in anderen Kommunen sehr erfolgreichen Modellverfahrens“ unternommen wurde und mit welchem Ergebnis. Das jedoch lässt die Bildungsdezernentin offen.

Bildungsdezernat in Frankfurt hält Essener Konzept für Alleinerziehende nicht umsetzbar

Auf FNP-Nachfrage im Bildungsdezernat teilte eine Sprecherin der Dezernentin mit: „Eine Übernahme beziehungsweise eine Übertragung des Essener Modellprojektes ,Sonne, Mond und Sterne‘ ist vor dem Hintergrund der aktuellen Situation nicht ohne weiteres möglich.“ Die Umsetzung des Modells erfordere einen Personaleinsatz, dem aufgrund des herrschenden Fachkräftemangels nicht entsprochen werden könne. Die aktuellen Corona-Vorgaben würden erschwerend hinzukommen und würden das Personal vor Ort seit Beginn der Pandemie fordern. Allerdings teilte die Sprecherin auch mit: „Eine Übertragungsmöglichkeit des Modells wird nicht ausgeschlossen. Dies kann allerdings nicht zeitnah erfolgen.“

Die Aussagen der Bildungsdezernentin machen Ursula auf der Heide nicht glücklich. Sie ist sauer. „Man hat sich mit dem Modellprojekt aus Essen überhaupt nicht befasst“, sagt sie. „Das ist pures Desinteresse.“ Sie sieht sehr wohl einen Bedarf nach einer ergänzenden Kinderbetreuung in Frankfurt. Immerhin würden hier 16.700 alleinerziehende Mütter und Väter leben. „Es wäre ein Instrument gegen Kinderarmut“, sagt auf der Heide. Die Alleinerziehenden könnten ihrer Arbeit nachgehen, und ihre Kinder seien gut betreut. „Mit diesem Projekt könnte man richtig etwas bewirken.“

Frankfurt: Auch die 24-Stunden-Kita kommt nicht voran

Neben dem Modellprojekt „Sonne, Mond und Sterne“ wünscht sich die Römer-Koalition auch ein Pilotprojekt zur Einrichtung einer Kindertagesstätte, die 16 oder 24 Stunden geöffnet hat. Doch auch hier meldet das Bildungsdezernat einen „immensen“ Ressourcenbedarf an. „Insbesondere der Fachkraftmangel stellt eine große Herausforderung dar neben den finanziellen Ressourcen“, teilte Bildungsdezernentin Sylvia Weber (SPD) jetzt mit.

Zudem geht aus einem aktuellen Magistratsbericht hervor, dass noch zu klären sei, ob und unter welchen Voraussetzungen bei Erzieherinnen die Bereitschaft bestehe, im Schichtdienst mit Nachtarbeitszeiten zu arbeiten. Auch sei zu klären, ob eine rund um die Uhr arbeitende Institution unter die stationären Angebote der Jugendhilfe und deren rechtlichen Vorgaben fallen würde. Nach Angaben des Magistrats sei zudem kein Bedarf seitens der Eltern ersichtlich. Allerdings soll nun geprüft werden, ob ein Pilotprojekt einer betrieblichen Kindertageseinrichtung, angegliedert an einen Betrieb mit Schichtdienst, sinnvoll sein kann. (Julia Lorenz)

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