Anwohnerin Elvira Dilba ist traurig. Sie hat ihren Lieblingsbaum vor dem Fenster verloren.
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Anwohnerin Elvira Dilba aus Frankfurt ist traurig. Sie hat ihren Lieblingsbaum vor dem Fenster verloren.

Fritz-Kissel-Siedlung in Sachsenhausen

Alte Bäume müssen Feuerwehrzufahrt weichen: „Ich habe die Nachbarn schreien gehört“

  • vonStefanie Wehr
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Bewohner der Fritz-Kissel-Siedlung in Frankfurt-Sachsenhausen trauern um 24 alte Bäume, die für eine neue Feuerwehrzufahrt weichen müssen. Statt grünem Idyll sind nur noch Erde und nackter Beton übrig.

Frankfurt – Es ging Knall auf Fall. Kaum hatte die Nassauische Heimstätte (NH) angekündigt, dass 24 Bäume in der Fritz-Kissel-Siedlung in Frankfurt gefällt werden müssen, rückten die Bagger und Baumschneider schon an. Am vergangenen Samstag (15.08.2020) fingen sie an, einen Baum nach dem anderen kurz und klein zu sägen. Die Überreste liegen noch am Boden, der Bagger planiert den Erdboden flach.

"Ich habe die Nachbarn schreien gehört", berichtet Anwohnerin Elvira Dilba von dem Drama, das sich an der Breslauer Straße abspielte. Sie selbst habe sich am Samstag schnell vom Ort des Geschehens entfernt, um nicht mit ansehen zu müssen, wie der große Ahorn-Baum, dessen Zweige schon fast in ihren Balkon hineinragten, "geschlachtet wird". Jetzt ist er weg. Vor ihren Fenster nichts als kahle Leere und der ungewohnt freie Blick auf die gegenüberliegende Häuserzeile.

"Wir alle im Haus haben diesen Baum sehr geliebt", schildert Elvira Dilba. Vergangenen Sommer, als es so heiß und trocken war, schleppten die Hausbewohner eimerweise Wasser heran, um den Ahorn zu gießen, "damit er am Leben bleibt", schildert sie. Seit 20 Jahren wohnt die Kommunikationsberaterin in der Siedlung. "Der Baum ist in dieser Zeit mit meinem Leben sozusagen mitgewachsen", sagt sie und lacht darüber. "Er war wie ein Freund. Ein ganz gesunder, üppiger, sehr großer Baum, in dem die Eichhörnchen umherkletterten."

Bäume in Frankfurt gefällt: Neue Zufahrten für die Feuerwehr nötig

Grund für die Fällungen ist, dass die Nassauische Heimstätte die Gebäude an der Breslauer Straße in Frankfurt nach und nach um je ein Geschoss aufstockt. "Mit der Aufstockung fallen die Gebäude in eine höhere Gebäudeklasse und benötigen eine neue Feuerwehrzufahrt", erklärt die NH. Die geplanten Feuerwehrzufahrten verliefen parallel zum Gebäude.

Ausgerechnet vor dem Fenster von Elvira Dilba, also im Korridor zwischen den Hausnummern 10 bis 14 und 16 bis 20 werden alle Bäume gefällt, weil der Zwischenraum künftig als Feuerwehrzufahrt dienen soll. Davon erfuhren die Bewohner erst vor weniger als zwei Wochen, als die NH zum Mieterinformationsgespräch wegen der Aufstockung einlud.

Bäume in Siedlung in Frankfurt gefällt: Ahorn war "nicht mehr so vital"

"So sehr wir die Verbundenheit unserer Mieter mit dem Baum verstehen können, kann der beschriebene Feldahorn leider nicht erhalten werden", bedauert Patrick Brückel, Sprecher der Nassauischen Heimstätte. "Wir müssen uns an die Bauvorschriften halten."

Ein Baumschutzgutachten und ein arten- und naturschutzrechtliches Gutachten seien erstellt worden, so Brückel. Die Fällungen erfolgten in Abstimmung mit der Unteren Naturschutzbehörde in Frankfurt, die auch die Fällgenehmigung erteilt habe. Für jeden Baum werde ein neuer Baum innerhalb der Siedlung gesetzt. Der Feldahorn vor Elvira Dilbas Fenster sei " nicht mehr so vital wie andere Bäume in der Siedlung. Er wurde vom Gutachter der sogenannten Degenerationsphase zugeordnet."

Frankfurt: Über neue Bäume kann sich die Anwohnerin nicht freuen

Das tröstet Elvira Dilba und ihre Nachbarn nur wenig. Vergangenen Herbst hätten Gartenarbeiter den Baum so arg beschnitten, dass er wie kahlgeschlagen aussah. "Kein Wunder, dass er jetzt krank war", meint Dilba. Auch darüber, dass neue Bäume gesetzt werden, kann sie sich nicht freuen: "Die Bäume waren 70 Jahre alt, so alt wie die Siedlung. Bis es wieder so grün wird, wie es jetzt war, müssten wir also 70 Jahre länger leben", sagt sie.

Sie wohne eigentlich sehr gern in der Fritz-Kissel-Siedlung in Frankurt, "gerade weil es hier trotz der Nähe zur Stadt so naturnah und grün ist. Die Wiesen unter den Bäumen sind ein wahres Biotop", schwärmt sie. Außer Eichhörnchen sehe man viele Singvögel. Allerdings habe die Zahl der Wildtiere in letzter Zeit abgenommen, was sich keiner erklären könne. Gegen die Aufstockung sei nichts einzuwenden, so bekämen die Gebäude endlich einen lang verdienten neuen Anstrich, finden die Anwohner. Die Bauzeit von zweieinhalb Monaten sei zum Glück überschaubar. "Aber die kurzfristig angekündigte Fällung der Bäume, das ist ein Vertrauensbruch", sagt Dilba.

In den nächsten Wochen, so kündigt Brückel an, werden die restlichen Bäume gefällt. Die Bäume am Ziegelhüttenweg müssten erst zu einem späteren Zeitpunkt weichen, sobald dort modernisiert werde. (Von Stefanie Wehr)

Nicht nur Waldbäume, sondern immer mehr Straßenbäume vertrocknen. Die Stadt Frankfurt kommt mit dem Fällen der Bäume kaum hinterher. Wenn noch mehr Bäume verschwinden, wird es künftig noch heißer in der Stadt.

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