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Frankfurt: Ende Oktober schließt Norbert Ulshöfer junior sein Angelfachgeschäft.

Nach über 100 Jahren

Frankfurt-Nied: Angelgeschäft Ulshöfer schließt - großer Räumungsverkauf

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Das traditionelle Fischerei-Fachgeschäft in Frankfurt schließt. Der Räumungsverkauf von rund 20.000 Angel-Artikeln hat begonnen.

Frankfurt - Die Rotkehlchen und Rotschwänzchen werden sich umstellen müssen. „Sie kommen immer vom Garten durch die Tür in die Werkstatt geflogen und betteln um Futter“, grinst Norbert Ulshöfer. Die Vögel wissen: Im Angelfachgeschäft gibt es Mehlwürmer und Maden – als Lebendköder. 

„Es gibt auch Leute, die kommen zu mir und kaufen Mehlwürmer oder Maden für ihren Salamander zu Hause“, sagt Ulshöfer. Damit ist jetzt Schluss: Zum Ende des Monats Oktober schließt er seinen Laden in der Kehreinstraße 18; der Abverkauf hat begonnen. 

Ulshöfer in Frankfurt: Angelgeschäft seit 1917

Der 62-Jährige geht in den Ruhestand; einen Nachfolger hat er nicht gefunden. Anno 1917 gegründet Ulshöfer betreibt den Laden zusammen mit seiner Mutter Anni und einem Angestellten, der sich jetzt etwas Neues suchen muss. Übernommen hat er das Geschäft 1996 von seinem Vater Norbert Ulshöfer senior; gegründet worden war es zur Kaiserzeit, 1917, von einem Adam Strauß in der Lotzstraße. 

„Seit 1986 ist der Laden in der Kehreinstraße“, sagt Ulshöfer – und man merkt, dass ihm ein bisschen das Herz blutet. Er sitzt zwischen Blinkern und Ködern, zwischen Drei-Kilo-Säcken Weckmehl zum Anfüttern und hochtechnisierten Karbon-Angelruten, und sagt: „Der Laden läuft zwar noch, aber vieles verlagert sich immer mehr ins Internet.“ 

Ulshöfer in Frankfurt: Angelgeschäft mit Spezialität Reparaturen

Es sei wie in anderen Branchen: Manche Menschen ließen sich im Laden beraten und kauften dann Ruten und Rollen online, weil es ein paar Euro billiger ist. „Und dann kommen sie zu uns, um sich die Schnur draufmachen zu lassen.“ Nein, man müsse wissen, wann Schluss ist. Sein Renommee hat Ulshöfers Angelfachgeschäft auch über Reparaturen erworben: „Wir bekommen Reparaturaufträge aus ganz Deutschland.“

 Doch er sei ein Vollsortimenter, habe rund 20 000 Artikel im Laden. „Heute braucht man 300 bis 500 Quadratmeter Fläche“, sagt Norbert Ulshöfer – sein Laden hat, inklusive Werkstatt, knapp 80. Das führe dazu, dass er vieles nicht präsentierten könne:„Ich habe zwar alles – also auch Zelte, Liegen, Stühle, mobile Räucheröfen – im Keller, kann sie aber nicht präsentieren.“ Er könne die Artikel nur auf Nachfrage heraufholen.

Angelgeschäft in Frankfurt: Norbert Ulshofer bleibt dem Sport treu

Angeln und Umweltschutz Der Angelsport erlebe derzeit zwar eine Renaissance, doch könne der Einzelhandel nicht von Reparaturen, Kleinteilen und vom Lebendköder-Verkauf leben. Vom Angelsport wird sich Norbert Ulshöfer junior allerdings nicht verabschieden: Er ist Kreisfischereiberater und auch 2. Vorsitzender des Anglervereins Nied, der nächstes Jahr sein hundertjähriges Bestehen feiern wird – übrigens am 31. Oktober 2020. 

Als von der Stadt Frankfurt bestellter Kreisfischereiberater ist Ulshöfer „Puffer zwischen Stadtpolizei und Anglern“, etwa bei Kontrollen, und wird auch eingesetzt bei Alarmlagen, etwa wenn ein Gewässer kippt oder ein Öl-Tanklastzug verunglückt. Ulshöfer hat die Fachkenntnisse, die dann gebraucht werden. Der Gewässerschutz hat dem passionierten Angler schon immer am Herzen gelegen, und den Angelsport sieht er dabei in keinem Kontrast zum Umweltschutz.

Ulshöfer in Frankfurt: Angler tragen zum Umweltschutz bei

Heute gebe es leider wegen Tierschutzbedenken kein Wettangeln mehr wie etwa früher das Hegefischen zum Höchster Schlossfest. Doch die Angler hätten selbst immer zum Umweltschutz beigetragen, etwa durch Aktionen zur Gewässerpflege. Der Umweltschutz habe auch in seinem Laden immer eine Rolle gespielt, sagt Ulshöfer: „Wir verkaufen viele lose Sachen, ohne Blister, ohne Plastik – da achten wir schon Jahre drauf.“ Die heimischen Gewässer – die Nidda, aber auch der Grill’sche Altarm oder das Kellerseck – seien „in einem Top-Zustand“. 

Bis das Sossenheimer Wehr falle und die Altarme wieder an den Fluss angebunden würden, werde es aber „noch etwas dauern“, vermutet er. Ulshöfer hat die Jugend des AV Nied betreut, mit den Nachwuchs-Anglern Projekte entwickelt und rollstuhlgerechte Behindertenplätze an Anglerseen angelegt. Am Nieder Anglerheim hat er dafür gesorgt, dass die Toilette behindertengerecht ausgebaut worden ist. 

Ulshöfer in Frankfurt: Ehemaliges Angelgeschäft soll vermietet werden

Die Angelei sei ein Hobby für alle Altersklassen, für Junge wie für Alte. Einige der Älteren haben sich noch bis vor einem halben Jahr regelmäßig mittwochs zum Angler-Stammtisch in seiner Werkstatt getroffen; das sei bereits ausgeklungen. Der ein oder andere mögliche Nachfolger habe zwar Interesse bekundet, den Laden zu übernehmen; es seien aber keine konkreten Angebote dabei gewesen. Das Haus gehört der Familie: „Wir sind ein Drei-Generationen-Haus“, sagt Norbert Ulshöfer – außer ihm wohnen eines seiner Kinder und seine Mutter dort. 

So hofft er, das Ladengeschäft auch anders vermieten zu können – jetzt, wo die Dauer-Bauarbeiten zu Ende sind, die sich wegen des Parkplatzmangels auch auf die Kundenfrequenz niedergeschlagen hätten. Die Gartenvögel, die seine Maden und Würmer liebten – „Kanadische Tauwürmer, und die Maden kommen aus Italien!“ – werden sich nun umstellen müssen. Und Nied verliert ein alteingesessenes Fachgeschäft.

Der Baustellen-Wahnsinn hatte in der Vergangenheit für Unruhe in Nied gesorgt: Es gab zu wenig Parkplätze für Anwohner. Außerdem will PlanungsdezernentMike Josef dem Stadtteil neue Impulse geben. 

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