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Wohngemeinschaft

Angst vor Räumung: Familien der Bonameser Straße bangen um ihr Zuhause

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Die Bewohner der Wohngemeinschaft Bonameser Straße haben Angst. Angst davor, aus ihrem Zuhause vertrieben zu werden. Denn alte Nutzungsverträge werden nicht an die Nachkommen übergeben, stattdessen droht den Bewohnern die Zwangsräumung. Jetzt schaltet sich der Ortsbeirat ein.

Frankfurt - Es ist ein idyllisches Plätzchen, das sich die Familie Fletterer auf ihrer Parzelle geschaffen hat. Die Kinder spielen in dem kleinen Garten, Vögel zwitschern, in der Ferne hört man das Rauschen der Autobahn A 661. "Ich bin hier geboren und aufgewachsen. Und jetzt sollen wir hier plötzlich weg. Ich bin verzweifelt", sagt Augusta Fletterer und setzt sich auf einen der großen, alufarbenen Gartenstühle.

Es ist die Wohngemeinschaft Bonameser Straße, in der Augusta Fletterer seit 52 Jahren lebt. Ebenso wie ihr Bruder und die beiden Schwestern. Mit ihren Kindern und Enkelkindern. Doch jetzt sollen sie wegziehen. Der Nutzungsvertrag, der auf den vor knapp zwei Jahren verstorbenen Vater lief, sei von der städtischen Wohnheim GmbH, die den Wohnwagenstandplatz seit 1983 verwaltet, nicht auf die Nachkommen übertragen worden. "Unsere Eltern konnten kaum lesen, als sie das damals unterschrieben haben. Es hat sie niemand darauf hingewiesen. Wir fühlen uns über den Tisch gezogen", sagt Artist Adi Fletterer, der in einem grünen Wohncontainer mit Giebeldach lebt.

Nun droht der Familie Fletterer also die Zwangsräumung. Wie auch vielen anderen Bewohnern, die seit mehreren Generationen dort leben.

"Wir werden vertrieben von einem Ort, an den man unsere Familien damals getrieben hat", sagt Augusta Fletterer. 1953 entschied die Stadtverordnetenversammlung, dass die Wohnwagenstandorte in der Stadt am Stadtrand zusammengelegt werden sollen. Mindestens 600 Menschen ließen sich an der Bonameser Straße nieder. Schätzungen gehen sogar von bis zu 1000 Personen aus.

Es gab nur zwei Wasserstellen und keinen Strom, das Gelände war mit Draht umzäunt. Erst 1983 änderten sich diese Zustände - die Wege wurden asphaltiert sowie in die städtischen Leitungen und die Sanierung kontaminierten Bodens aus Zeiten der Nachkriegsbesetzung investiert. Die Mehrheit der Bewohner stammt aus einer Bevölkerungsgruppe fahrender und teilstationärer Händler-, Handwerker- und Artistenfamilien, die teilweise den Jenischen zugerechnet werden und Manisch sprechen, einen mittelhessischen Dialekt mit geheimsprachlichem Sonderwortschatz.

Aufrichtige Unterstützung

Fühlten sich die heutigen Bewohner als Kinder noch im Stadtteil ausgegrenzt, so hat sich dies heute völlig verändert. Das zeigte der Besuch der Wohngemeinschaft in der Sitzung des Ortsbeirates 9 (Dornbusch, Eschersheim, Ginnheim), in der die Bewohner auf ihre aktuelle Sorge, auf die Angst vor der Vertreibung aus ihrem Zuhause aufmerksam machen wollten. Was sie bekamen, war aufrichtige Unterstützung - sowohl von den Stadtteilpolitikern wie auch von den Eschersheimern. Und von Diplom-Sozialarbeiterin Sonja Keil, die sogar eine Studie über die Wohnwagensiedlung veröffentlicht hat. "Mir liegen diese Menschen sehr am Herzen", sagt sie.

Auch für Lothar Stapf (CDU) sind die Bewohner der Bonameser Straße ein fester Bestandteil des Stadtteils. Von dem oft verwendeten Begriff "Zigeunerlager" - obwohl dort Sinti und Roma nur vereinzelt vertreten waren - distanziert er sich ausdrücklich. "Mit ihrer Vorgehensweise versucht die Stadt offenbar sich das Gelände still und heimlich wieder zurückzuholen. Es sind aber Familien, die man damit in die Wüste schickt", sagt er.

Runder Tisch

Mit einem interfraktionellen Antrag bittet der Ortsbeirat nun den Magistrat, die Zwangsräumungen nicht zu vollziehen und zudem einen Runden Tisch einzuberufen. "Es ist viel zu lang übereinander gesprochen und gegeneinander gehandelt worden. Ab jetzt muss miteinander auf Augenhöhe diskutiert werden", sagt Donna Ochs (SPD) und spricht von städtischen Zuständigkeiten, die "hin und her geschoben werden".

"Wir sind nur das ausführende Organ der Stadt", sagt derweil Klaus Oehm, Prokurist bei der Wohnheim. Zu Gründen, warum die Nutzungsverträge nicht fortgeführt werden, kann und will er sich deswegen nicht äußern. Er erwähnt jedoch den verunreinigten Boden durch illegal verschrottete Fahrzeuge auf dem Gelände. "Die Umweltaspekte tragen sicher auch dazu bei, dass man sich dafür entschieden hat, den Platz auslaufen zu lassen", sagt Oehm.

VON JUDITH DIETERMANN

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