Frank Junker, Jurist, Jahrgang 1957, verantwortet seit 1993 die Geschäftsführung der ABG Frankfurt Holding, dem Wohnungs- und Immobilienkonzern der Stadt Frankfurt. Mit mehr als 51 000 Wohnungen bietet die ABG Wohnraum für fast ein Viertel der Frankfurter Bevölkerung.
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Frank Junker, Jurist, Jahrgang 1957, verantwortet seit 1993 die Geschäftsführung der ABG Frankfurt Holding, dem Wohnungs- und Immobilienkonzern der Stadt Frankfurt. Mit mehr als 51 000 Wohnungen bietet die ABG Wohnraum für fast ein Viertel der Frankfurter Bevölkerung.

Wohnungsbaugesellschaft ABG Holding

Frankfurter Wohnungsmarkt - AGB-Chef im Interview: "Architektur und kostengünstiges Bauen sind kein Widerspruch"

  • Thomas Remlein
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Der Geschäftsführer der städtischen Wohnungsbaugesellschaft ABG, Frank Junker, spricht im Interview über bezahlbaren Wohnraum, Nachverdichtung und welche Auswirkungen Corona auf den Wohnungamarkt in Frankfurt haben könnte.

Der Aufsichtsrat der Städtischen Wohnungsbaugesellschaft ABG Holding hat kürzlich den Vertrag des Geschäftsführers Frank Junker verlängert. Über den Frankfurter Wohnungsmarkt sprach Junker mit Redakteur Thomas Remlein.

Herr Junker, wie wird sich der Frankfurter Wohnungsmarkt nach Corona entwickeln?

Ich gehe davon aus, dass er etwas anders aussehen wird. Es wird nach wie vor eine große Nachfrage geben, insbesondere nach bezahlbarem Wohnraum. Aber ich sehe nicht unbedingt, dass Wohnungen für 15 000 oder 19 000 Euro pro Quadratmeter verkauft werden.

In und nach der Corona-Krise wird selbst in der Boomtown Frankfurt die Zahl der Arbeitslosen steigen. Damit wird sich auch der Zuzug abschwächen. Bringt das keine Entlastung für den Wohnungsmarkt?

Das sehe ich nicht. Es gibt einen Nachfrage-Überhang. Der Markt wird sich eher beruhigen. Dann passen vielleicht Angebot und Nachfrage besser zusammen, so dass sich dann die Mietpreise stabilisieren und nicht weiter steigen. Die teuren Eigentumswohnungen werden im Moment eher nicht gebraucht.

Aber wer arbeitslos wird oder in Kurzarbeit ist, der kann sich keine Eigentumswohnung leisten. Wird die Bautätigkeit nachlassen?

Es gibt sicher den einen oder anderen Marktteilnehmer, der ein reines Bauträgergeschäft zum Inhalt hat, also den Bau und Vertrieb von Eigentumswohnungen, der wird das sicher spüren in dem Segment, wo die Luft finanziell dünn wird. Aber alles, was so zwischen 5000 und 6000 Euro ist - diese Wohnungen werden auf dem Markt platzierbar sein.

Wo sehen Sie noch Chancen für Wohnungsneubau?

Es gibt eine Reihe von Baugebieten, welche die Stadt Frankfurt ausgewiesen hat. Da wäre es schön, wenn die Bebauungspläne sehr zügig umgesetzt werden. Allein die ABG hat sich eine Vielzahl von Grundstücken gesichert, auf denen sie gerne bauen würde. Es wird aber auch noch mehr Innenverdichtungsmaßnahmen geben müssen, wie wir es beispielsweise in der Platensiedlung gemacht haben. Dass man Dachgeschosse aufstockt, dass man in den großzügigen Flächen der 50er Jahre-Siedlungen baut, weil es sehr schnell gehen würde. Diese Grundstücke sind alle schon erschlossen, man muss nicht großartig Planungen auflegen. Große Bauflächen kommen erst sehr viel später. Wenn ich an den Stadtteil an der A 5 denke, das dauert.

Sie haben ja dort ein Grundstück

Wir haben nur östlich der A 5 gekauft. Also alles, was der Stadt Frankfurt unmittelbar zugewandt ist.

Ist das das Grundstück, das Sie dem Landwirt abgekauft haben, das für Schlagzeilen sorgte?

Wir haben mittlerweile mehreren Landwirten Grundstücke abgekauft.

Zum Preis von 100 Euro pro Quadratmeter?

Nein, weniger.

Ich glaubte, diese Zahl gelesen zu haben.

Die war aber nicht ganz korrekt. Auch in Frankfurt gibt es große Flächen. Hoffentlich kommt bald der Römerhof. Da steht ja jetzt die Verlagerung des Busliniendepots der VGF an. Da entstehen so zwischen 2000 und 3000 Wohnungen. Das sind große Potenziale, die hoffentlich sehr schnell dem Markt zugeführt werden können.

Die Grundstücke östlich der A 5. Wann denken Sie, dass sie diese bebauen können?

Das ist nicht für heute und morgen gedacht. Vor zehn Jahren passiert da nichts.

Gut, oder vielmehr schlecht. Wo gibt es weitere Potenziale? Planungsdezernent Mike Josef (SPD) hat ja den Osthafen ins Spiel gebracht.

Von der Lage ist das ein schönes Gebiet. Wohnen am Wasser ist sicherlich ganz nett. Auf der anderen Seite müssen wir daran denken, dass auch die Stadt Frankfurt Flächen braucht, auf denen sich Gewerbe ansiedelt und auf denen das Gewerbe auch Möglichkeiten hat, zu expandieren. So ganz einfach ist es nicht: Wohnen und Gewebe als friedliche Koexistenz, das kann man in der Bürostadt in Niederrad machen, aber wenn ich produzierendes Gewerbe habe, das Lärm verursacht wie das Umladen von Containern, dann wird das so ohne weiteres nicht funktionieren, was wir ja bei der Entwicklung der Hafeninsel Offenbach erfahren haben. Da gab es genau diese Konfliktpunkte.

Wie sieht es mit den Mainwasen aus? Normalerweise entwickelt sich eine Stadt entlang eines Flusses weiter.

Das ist zunächst Siedlungsbeschränkungsbereich, weil es vom Fluglärm betroffen ist.

Aber nur in Teilen. . .

In anderen Teilen muss man darüber nachdenken, ob das Flächen wären. Klar muss man sehen: Es sind auch Sportflächen und Naherholungsflächen, die auch notwendig sind.

Stichwort Platensiedlung: Wenn Sie Siedlungen aufstocken oder nachverdichten wollen, bläst Ihnen ein strenger Wind des Widerstands entgegen und plötzlich gibt es ein Stockwerk weniger. Wie gehen Sie damit um?

Es ist ein nicht unnormaler Vorgang, dass sich der Architekt erst mal Gedanken macht, wie er das Ganze städtebaulich ordnet, damit es seinen Vorstellungen entspricht. Ganz im luftleeren Raum sind wir auch nicht. Wenn ich mir das Ergebnis anschaue, muss ich sagen, die Geschosshöhe ist die richtige für das Quartier. Ich kann damit gut leben.

Gleichwohl legt ja die Politik von Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) der ABG als städtischer Wohnungsbaugesellschaft starke Fesseln an. Auch bei der Platensiedlung hatte die SPD Bedenken. Wie sehr behindert Sie das in Ihrer Geschäftstätigkeit?

Klar, gab es am Anfang Widerstände. Wir haben die Politik davon überzeugt, dass eine solche Maßnahme umsetzbar ist, obwohl es eine sehr große Nachverdichtungsmaßnahme ist. Wir hatten 340 Wohnungen und haben 680 dazugebaut. Das hat bislang ganz gut funktioniert. Die Mieter fühlen sich mitgenommen, das hat auch den Oberbürgermeister überzeugt.

Architektonisch ist ja die Umgestaltung ein Gewinn.

Das ist in der Tat so. Wir haben vor 25 Jahren diese Siedlung gekauft. Wir durften 1995 keinen Quadratmeter zusätzlich bauen, sonst hätten wir dem Bund Kaufpreise nachzahlen müssen, was wir nicht wollten. Das waren einfache Zeilenbauten. Viel Grün, aber auch kein erlebbares Grün. Deshalb war damals schon die Überlegung, irgendwann müssen wir die Siedlung städtebaulich so ordnen, dass man sich da wohlfühlt. Wenn man sich das Ergebnis anguckt, ist es ganz gut geglückt.

Gleichwohl hat ihnen der Oberbürgermeister eine Mietpreisbremse für die ABG verordnet. Die ABG muss bei Neubauten mehr Sozialwohnungen errichten. Wie sehr schmälert das den Gewinn?

Wir sind ein wirtschaftlich erfolgreiches Unternehmen. Auf der anderen Seite haben wir einen sozialen Auftrag, den wir nicht außer Acht lassen. Wir haben uns darauf verständigt, dass wir ein Förderquote beim Neubau von gut 40 Prozent realisieren. Das haben wir mit dem Aufsichtsrat abgestimmt. Die Mietpreisbremse, die Verlangsamung des Mietenanstiegs um fünf Prozent in fünf Jahren, das kann die ABG verkraften. Das hindert nicht die Investitionstätigkeit der ABG. Auf der anderen Seite können wir nicht beliebig an der Schraube drehen.

Architekten beklagen die nachlassende Qualität der ABG-Bauten. Verwirklichen Sie noch hochwertige Projekte wie die Wohnungen in der City West vor 20 Jahren oder berühmtes Beispiel, es ist über 100 Jahre alt, die Hellerhof-Siedlung?

Aber natürlich machen wir das. Ich kann diese Kritik von einem Architekten nicht nachvollziehen.

Nur einer?

Mir ist einer bekannt, der in der City West tätig war. Die Immobilien, die die ABG neu errichtet, zeichnen sich durch vieles aus, aber nicht dadurch, dass es Schlichtbauten sind, ganz im Gegenteil. Wir betreiben mit unseren vielfältigen und auch großflächigen Neubaumaßnahmen nicht nur Stadtreparatur, sondern auch Stadtgestaltung. Denken Sie einmal an das Wohnbauprojekt an der Eschersheimer Landstraße zwischen Cronstetten- und Holzhausenstraße, das Diakonissenareal. Oder denken Sie an die Hansaallee,

Die Hansaallee ist aber schon ein Weilchen her.

Na, zehn Jahre vielleicht. Und diese Qualität, die wir an der Hansaallee oder im Diakonissenareal haben, die setzen wir überall um. Gerade fertiggestellt: Wunderschöne Wohnungen im Lyoner Quartier, auf dem Riedberg, an der Bertramstraße. Da gibt es nichts auszusetzen. Ich versteh' den Vorwurf nicht.

Als Negativbeispiel gilt die Bebauung in Oberrad. Wohnungen ohne Aufzüge.

Das verstehe ich noch viel weniger. Es ist eine Antwort von uns auf ständig steigende Baupreise und auf die Frage, wie kann ich kostengünstig Wohnungsbau realisieren? Diesen Wohnungsbau in Oberrad haben wir mit einem Büro realisiert, das nicht in Frage stellt, dass Architektur eine große Rolle spielen muss. Das Büro Schneider + Schumacher zeichnet sich durch hochwertige Architekturleistungen aus. Schneider + Schumacher und wir haben aufgezeigt, dass Architektur und kostengünstiges Bauen kein Widerspruch ist. Ich kann ein Treppenhaus vor das Gebäude setzen, ohne dass das Gebäude in der Architektursprache leidet.

Ist es nicht trotzdem so, dass Sie bei der Verwirklichung von Bauprojekten wegen der hohen Grundstückskosten, der gestiegenen Baupreise mehr denn je auf den Cent achten müssen?

Das ist so, das haben wir aber schon immer getan. Aus den beiden Faktoren leitet sich später die Miete ab. Deswegen reduzieren wir die Baukosten so weit wie möglich, ohne die Qualitätsanforderungen in Frage zu stellen.

Gestatten Sie noch eine persönliche Frage: Sie feierten kürzlich ihren 63. Geburtstag, führen die ABG seit 1993 und haben aus einem heruntergewirtschafteten städtischen Konzern ein blühendes Unternehmen mit guten Geschäftszahlen gemacht. Wie lange werden Sie die Geschicke der ABG noch leiten?

Ich bin bestellt bis zum 31. Dezember 2026.

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