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Auf dem Sprung in die Ballett-Welt

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Von: Judith Dietermann

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Thom Hecht beim Ballett-Training mit seinen Schützlingen.
Thom Hecht beim Ballett-Training mit seinen Schützlingen. © Rainer Rüffer

In Frankfurt-Riedberg tanzen Jungs Ballett, statt belächelt zu werden. Aber: Es ist ein harter Kampf gegen viele Vorurteile.

Frankfurt - Klaviermusik klingt durch den Saal mit dem großen Spiegel, Ballettschuhe rutschen über den Holzboden. Ein Kind atmet tief ein und wieder aus. Man spürt die Anspannung, die in der Luft liegt. Die sofort verschwindet, als Thom Hecht zu sprechen beginnt. Ruhig aber bestimmt gibt er seinen Schülern Anweisungen, läuft zwischen den Reihen hindurch und korrigiert hier und da die Arm- oder Fußhaltung.

Es sind sechs Kinder, zwischen sechs und neun Jahren, die an diesem Vormittag bei Thom Hecht, Inhaber des Ballettförderzentrums im Jugendhaus Riedberg, trainieren. Manche von ihnen sind schon seit mehr als drei Jahren dabei. Wie der sechsjährige Emilio. Ein Junge? Ja, denn für Thom Hecht gehören Jungen zum Ballett dazu. Nicht nur, weil es rein technisch ohne Männer nicht funktionieren würde. Es gäbe keine Hebefiguren und damit auch kein Schwanensee.

Auch für Knabe nganz normal

„Viel wichtiger ist mir aber zu zeigen, das Ballett auch bei Jungen völlig normal ist. Bis heute werden die Kinder schief angeschaut, wenn sie sich dafür interessieren. Dabei sollte es normal sein“, meint Hecht. Schließlich sei es doch wirklich egal, ob man zu Rap-, Techno- oder eben zu klassischer Musik tanze. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus: 250 Eleven hat er in seiner Ballettschule, nur vier davon sind Jungen oder Männer.

Einer von ihnen ist Emilio. Der eine ganz klare Meinung dazu hat, wenn ihn jemand wegen seines Hobbys blöd anquatscht. „Es ist mir egal, was die anderen Kinder sagen oder ob sie mich auslachen. Ich höre da nicht hin“, sagt der Sechsjährige. Eine bewundernswerte Einstellung, die er aber von seinem offenen Elternhaus mitbekommen hat. Denn Emilio hat zwei Papas – Francisco und Christian Ferreira de Vasconcellos. Und einen kleinen Bruder. Der wie er mit Hilfe einer Leihmutter auf die Welt kam.

„Wir haben Emilio stets mitgegeben offen zu sein. Für alles. Das ist er, und das sollten auch die anderen sein“, meint Christian Ferreira de Vasconcellos, der es sogar toll findet, dass sein Sohn tänzerisch so begabt ist. Im Gegensatz zu ihm. Bei der dritten Ballettstunde sei sein Knie kaputt gegangen. „Ich überlasse das Tanzen lieber Emilio“, sagt er.

Fußball als Zweitsport

Der übrigens nicht der einzige Junge in der Gruppe ist. Denn mit ihm tanzt auch Albert, mit nicht weniger Leidenschaft. Und der sich genauso wenig aus der Meinung der anderen macht. „Manche Freunde haben mich schon komisch angeschaut, aber jetzt akzeptieren sie es. Ich spiele ja auch weiterhin mit ihnen Fußball. Tanzen macht mich glücklich“, sagt der Neunjährige. Und die Mädchen? Für sie ist es ein völlig normales Bild, dass neben ihnen die Jungs mit ihrem weißen T-Shirt und der kurzen schwarzen Hose an der Stange stehen. „Sie gehören dazu, und nerven tun sie uns auch nicht“, sagt die achtjährige Cosima.

Boom nach Tanz-Filmen

Stolz steht Thom Hecht neben seinen Schülern. Eben weil sie sich keine Gedanken darüber machen, ob man Junge oder Mädchen ist. Weil sie alle das Gleiche wollen: Tanzen.

Ende der 1980er Jahre, nach der Ausstrahlung der Weihnachtsserie „Anna“, habe es einen wahren Boom an den Ballettschulen gegeben, auch bei den Jungs. Wie auch nach dem im Jahr 2000 veröffentlichten Film „Billy Elliot – I will dance“. Der aber leider nicht lange angehalten habe. „Viele Jungen springen kurz vor der Pubertät ab, wenn andere Dinge interessanter scheinen. Ich habe auch das Gefühl, dass die Eltern schneller reagieren, wenn die Söhne keine Lust mehr haben. Sie werden abgemeldet, bei den Mädchen versucht man eher, sie bei der Stange zu halten“, sagt Thom Hecht. Man müsse sich als Vater schon manchmal komisch anschauen lassen, meinte Alexey Weizmann, der Papa von Albert. „Das kommt aber aus dem Elternhaus, nur wer offen erzogen wird, kann dies auch weitergeben“, hofft er auf ein baldiges Umdenken und darauf, dass man dieses Thema gar nicht mehr in den Mittelpunkt rücken muss. Weil es normal ist, dass Jungen Ballett tanzen.

Noch, fügt Thom Hecht hinzu, sei das allerdings Zukunftsmusik. Noch habe Ballett leider nach wie vor „den Stempel der Weiblichkeit“. Umso überraschender findet er aber, dass sich an Frankfurts ältester Ballettschule jüngst mehr Männer als Frauen angemeldet hätten. Was ihn freilich freut. Wie auch, dass er mit Emilio und Albert zwei so tanzbegeisterte und talentierte Jungs trainieren darf. Bei denen er schon jetzt ein wenig mehr als bei den Mädchen darauf achtet, dass sie springen. Denn die hohen, die kräftigen Sprünge, die sind Männersache. „Und das ist auch gut und richtig so“, sagt Thom Hecht. (Judith Dietermann)

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