fff_RUEFFER_20201016_R17_08
+
Wo die Nitribitt einst lebte und Freier bediente, zeigt der Stadtführer Dirk Herwig bei seinen Stadtführungen an Original-Schauplätzen. Anlass ist die Aktion "Frankfurt liest ein Buch", denn es geht um den Roman "Rosemarie" von Erich Kuby. FOTO: Rainer Rüffer

Lesefest

Frankfurt: Auf den Spuren der Rosemarie Nitribitt

  • vonSabine Schramek
    schließen

Der Stadtführer Dirk Herwig führt die Menschen an die Original-Schauplätze in der Stadt, wo die Edelprostituierte Rosemari Nitribitt anschaffte und ermordet wurde. Anlass ist die Aktion "Frankurt liest ein Buch", die sich mit dem Roman "Rosemarie" von Ernst Kuby auseinandersetzt.

Frankfurt -Im zehnten Jahr sorgt das Lesefest "Frankfurt liest ein Buch" für Gesprächsstoff in der Stadt. Wegen Corona fiel es vom Frühling auf den Herbst. "Rosemarie" heißt das Buch von Ernst Kuby, der 1958 die Geschichte des bis heute ungeklärten Mordes an der Frankfurter Edelprostituierten Rosemarie Nitribitt beschreibt. Eine Führung zu den Schauplätzen ihres Alltags bietet Einblicke in ihr Leben, das 1957 ein brutales Ende fand. Es sind ausnahmslos Frauen, die sich zur Stadtführung "Das Mädchen Rosemarie" im Hauptbahnhof einfinden. Neugierige Frauen aus Frankfurt und dem Rhein-Main-Gebiet, die zwei Stunden lang auf den Spuren von Rosemarie Nitribitt wandeln wollen. Hier kam die Minderjährige, in Düsseldorf geboren, mit elf Jahren vergewaltigt und danach in Heime gesteckt, im Nachkriegsdeutschland an. Dirk Herwig (52) erzählt von jener Zeit und vergleicht die Szenerien.

Der Gästeführer, angeheuert von der städtischen Frankfurt Tourismus+Congress GmbH (TCF), beschäftigt sich mit Nitribitts Leben und Tod seit 2011, als im Stalburgtheater ein Stück über sie aufgeführt wurde. "Dazu gab es eine Verlosung für diese Tour", sagt der Mann mit der orangefarbenen Maske unter den stahlblauen Augen. Geschickt leitet er die Gruppe aus zehn Personen am Kaisersack an die Seite, weil etwa 15 Coronaleugner lautstark mit Megaphon und ungehindert durch den Bahnhof ziehen und dicht hinter den Tourbesuchern bleiben. Es ist gespenstisch zwischen den Maskenlosen und den maskierten Drogensüchtigen.

"Da drüben, da war die Rialto-Bar. Bis früh in den Morgen geöffnet, schäbig - und ein Ort, an dem Handlungsreisende und Staubsaugervertreter sich die Einsamkeit der Nacht vertrieben", sagt Herwig. "Rosemarie setzte sich an die Bar und ließ sich Feuer von ihnen geben."

Billige Hotels waren die Einsamkeitsvertreiber, bis die Durchreisenden am nächsten Tag wieder wegfuhren. Bis die Polizei die Nitribitt aufgriff, sie im alten Polizeipräsidium verhörte und ins Monikahaus brachte. Immer wieder. Sie verschwand jedes Mal, ging ihren Geschäften nach, wurde erneut aufgegriffen.

Herwig führt zur Elbestraße, wo heute die Straßenprostituierten stehen. "Wie viele es damals gewesen waren, weiß man nicht genau. Jetzt sind die Laufhäuser, Bordelle und Table-Dance-Bars wegen Corona zu. Die Frauen arbeiten - obwohl es seit 1986 verboten ist - auf der Straße. Die Frauen da vorne warten nicht auf Freundinnen zum Kaffeeklatsch, sondern auf Freier. 2900 Prostituierte sind zurzeit in Frankfurt gemeldet und 59 Herren. Die Dunkelziffer dürfte sehr hoch sein", erklärt der Stadtführer.

Vor Corona arbeiteten viele Prostituierte relativ geschützt vor Gewalt in Laufhäusern und Bordellen für 20 bis 30 Euro pro Freier. Der Straßenstrich sei nur an der Messe erlaubt, mangels Messen gebe es auch den derzeit nicht. Die Teilnehmerinnen der Führung können es kaum glauben. "In den 50er Jahren mussten sich Frauen unter anderem prostituieren, weil ihre Männer verschollen waren und es kaum Geld gab. Heute sind es Frauen aus Osteuropa, die kein Geld haben. Der Anblick auf der Straße ist ähnlich wie damals nach dem Krieg, als die ersten Laufhäuser öffneten. Sie stehen auf der Straße."

Nitribitt heuerte als Bardame im Tanzcafé Express an. Statt zum Trinken zu animieren verführte sie Männer in den Zimmern oben und flog raus. Mit 20 wurde sie als volljährig erklärt, wollte Mannequin werden, zog um, lernte, bildete sich, hatte Freier und kaufte sich den ersten Edelschlitten. Als "Königin der Nacht" am Café Rumpelmayer, im Hotel Fürstenhof und im Frankfurter Hof lockte sie gekonnt reiche Männer an. Bis heute wird spekuliert, welche Namen alle in ihrem Notizbuch standen, das nach ihrer Ermordung in ihrer letzten Wohnung in der Stiftstraße gefunden wurde.

Herwig verrät Namen vor dem Haus. "Franz Josef Strauß, Gunter und Fritz Sachs, Harald Quandt, Harald von Bohlen und Halbach hat sie wohl gekannt." Der Mord, der dort um den 29. Oktober 1957 herum geschah, lässt heute noch rätseln. Sie wurde erwürgt, hatte eine Platzwunde am Hinterkopf. "Die Polizei hat gepfuscht. Ihr schwuler Mitbewohner Heinz Pohlmann wurde verhaftet und freigesprochen. Akten verschwanden. Ihr Schädel wurde erst 2008 in Düsseldorf zu ihren Gebeinen beigesetzt. Mysteriös bleibt ihr Tod bis heute", so Herwig. Sabine Schramek

Es gibt weitere Touren

Die Tour "Frankfurt liest ein Buch: Das Mädchen Rosemarie" mit Dirk Herwig findet an den Freitagen 23. und 30. Oktober jeweils um 18 Uhr und an den Samstagen 24. und 31. Oktober jeweils um 16 Uhr statt. Anmeldung und Tickets: 19,20 Euro, www.frankfurt-tourismus.de.

Sie war schön, hatte nie einen Zuhälter und soll Kunden erpresst haben: Die Edelhure Rosemarie Nitribitt.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare