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Ermittler tragen gefaltete Umzugskartons in die Awo-Zentrale an der Henschelstraße in Frankfurt. An der Razzia in mehreren Städten, die bis in die Nachmittagsstunden andauerte, waren insgesamt 84 Beamte von Staatsanwaltschaft und Polizei beteiligt.

Konsequenzen der Awo-Affäre

Großrazzia bei der Awo in Frankfurt: „Die Mitarbeiter sind sehr aufgeregt“

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Die Polizei durchsucht Wohnungen und Büros von Verantwortlichen der Awo – auch in Frankfurt. Es ist eine großangelegte Razzia. Es geht unter anderem um Betrug.

  • Razzia bei der Awo
  • Die Staatsanwaltschaft ermittelte bereits seit Monaten
  • Gebäude in mehreren Stadtteilen in Frankfurt durchsucht

Frankfurt - Auf den ersten Blick wirkt alles normal. Ein roter Ford und Fahrzeuge mit Awo-Aufschrift parken vor der Tür der Arbeiterwohlfahrt an der Henschelstraße. Am Straßenrand steht ein unauffälliger weißer Transporter. Aus dem blauen Garagentor des Gebäudes treten zwei Männer in Zivil, wechseln die Straßenseite und gehen in großem Bogen auf den Kofferraum des Transporters zu. 

Einer der beiden öffnet elektronisch den Kofferraum. "Wir können leider nichts sagen", sagt einer der Ermittler, während sich beide je einen dicken Stapel gefaltete Umzugskartons unter den Arm klemmen. Sie verschwinden hinter dem blauen Garagenrolltor.

Awo: Razzia bei der Arbeiterwohlfahrt in Frankfurt

Die Awo steht unter Verdacht. Es geht um Vorwürfe des Betrugs und der Selbstbedienung, merkwürdige personelle Verflechtungen und luxuriöse Dienstwagen. Und das ausgerechnet bei einer Organisation, die im sozialen Bereich tätig ist, viel mit öffentlichen Stellen zusammenarbeitet und dafür Geld erhält. 

Am Dienstag (14.01.2020) gipfelten die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen in einer Durchsuchungsaktion in Räumen der Awo in Frankfurt - unter anderem das Erich-Nitzling-Haus an der Henschelstraße und die ehemals von der Awo geführten Flüchtlingsheime am Poloplatz (Niederrad) und in der Gutleutstraße. Im Zuge der Durchsuchungen wurden zahlreiche Geschäftsunterlagen in schriftlicher und elektronischer Form sichergestellt.

Auf der Straße schimpft ein Mann. "Das sind doch alles Verbrecher hier. Die gehören hinter Schloss und Riegel", empört er sich und vermutet "da kommt bestimmt noch mehr". In Windeseile hatte sich die Durchsuchung der Räume herumgesprochen. "Man muss sich doch nur die Fassaden der Häuser anschauen. Hier sieht es natürlich gut aus, aber beim Rest ist es schlimm. Das darf doch alles nicht wahr sein, was die Verantwortlichen da treiben", schimpft er.

Großrazzia bei der Awo Frankfurt: "Ortsvereine sind schlichtweg empört"

Lächelnd steht eine Frau gegenüber des Gebäudes, das gerade durchsucht wird. Immer wieder klingelt ihr Handy. Die ehemalige Awo-Mitarbeiterin, die namentlich nicht genannt werden möchte, sagt: "Schade, dass erst so spät durchsucht wird. Aber gut, dass es jetzt gemacht wird." Es sind ehemalige Kollegen von ihr, die anrufen. "Die Mitarbeiter sind sehr aufgeregt, die Ortsvereine sind schlicht und einfach empört", kommentiert die Frau. "Auch in der Geschäftsstelle gibt es viele gute Leute, die sich lange sehr geärgert haben." 

Sie ist der Überzeugung, dass "jetzt niemand mehr sagen kann, dass das Ganze eine rechte Kampagne sei, oder dass man von nichts gewusst habe. Das stimmt nicht, weil schon im Sommer 2018 alle wichtigen Leute informiert waren. Es geht ja schon lange so. Hoffentlich finden die Ermittler noch genug Material". 

Sie ist überzeugt, dass anfangs nur wenige Leute in den Betrugsskandal involviert gewesen seien. "Dann kamen noch einige dazu, die dazu gepasst haben." Bemerkt worden sei "immer wieder was". Sie habe gehört, dass immer wieder Kopien von "unklaren Vorgängen" erstellt worden seien.

Razzia bei der Awo: Staatsanwaltschaft Frankfurt ermittelt bereits seit Monaten

Von den Durchsuchungen war in der Flüchtlingsunterkunft am Poloplatz in Frankfurt am Dienstag (14.01.2020) nichts zu sehen. Mitarbeiter und Flüchtlinge stehen rauchend vor der Tür, andere sind kurz vor zwölf Uhr damit beschäftigt, das Mittagessen vorzubereiten. Nur im Keller suchen mehrere Beamten in Zivil nach Akten, die beweisen sollen, dass die Awo Personalkosten falsch abgerechnet hat. Mehrere Akten und Papierstapel werden zur näheren Überprüfung ins Büro im Erdgeschoss gebracht. 

Bis Mai vergangenen Jahres wurde die Unterkunft von der Awo betrieben. Als sich der Verband aus der Flüchtlingsbetreuung zurückzog, übernahm die Diakonie die Einrichtung. Doch die alten Akten blieben im Keller.

Die Staatsanwaltschaft Frankfurt ermittelt bereits seit Monaten. Anfangs ging es im Zusammenhang mit dem Betrieb von zwei Flüchtlingsunterkünften um den Betrugsverdacht zum Nachteil der Stadt - Personalkosten in sechsstelliger Höhe sollen falsch abgerechnet worden sein. Dann drangen über Berichte, unter anderem dieser Zeitung, immer neue Vorwürfe an die Öffentlichkeit: So soll es Luxusdienstwagen und ungewöhnlich hohe Gehälter einiger Mitarbeiter gegeben haben, Honorarverträge für eigentlich hauptamtlich beschäftigte Mitarbeiter sowie teure Hotelübernachtungen.

Razzia bei der Awo: Stadt Frankfurt will weitere Zusammenarbeit mit Awo prüfen

Die Durchsuchungsaktion der Ermittler kommt zu einem Zeitpunkt, an dem die Awo eigentlich nach vorne schauen möchte: An diesem Samstag (18.01.2020) will der Frankfurter Verband zu einer Kreiskonferenz zusammenkommen, bei der es um eine personelle Neuaufstellung und die Suche nach einem Neuanfang gehen soll.

Abgesehen von den laufenden juristischen Ermittlungen sind nach Angaben eines Frankfurter Awo-Sprechers die finanziellen und wirtschaftlichen Auswirkungen noch nicht abzuschätzen. Auch das Finanzamt prüft den Frankfurter Verband. Die Stadt Frankfurt will ebenfalls prüfen, ob sie weiterhin mit der Awo zusammenarbeitet oder Verträge gekündigt werden.

Awo-Affäre: Bisher keine Auswirkungen auf andere Wohlfahrtsverbände 

Andere Wohlfahrtsverbände haben den Skandal bislang noch nicht zu spüren bekommen - auch wenn es durchaus entsprechende Ängste gab. "Wir haben keine Rückgänge bei den Spenden verzeichnet", sagt etwa der Leiter der Diakonie in Frankfurt und Offenbach, Michael Frase. Dabei habe durchaus Sorge vor einem "Kollateralschaden" und negativen Auswirkungen der Berichte für andere Verbände bestanden.

Insofern herrsche Erleichterung über das weiterhin gute Spendenaufkommen. "Eine Umfrage in den hessischen Kreisverbänden hat ergeben, dass wir bis dato keine Austritte im Mitglieder- oder Ehrenamtsbereich vor dem Hintergrund der Awo-Affäre zu verzeichnen haben", sagt eine Sprecherin des Landesverbands des Deutschen Roten Kreuzes (DRK).

Anders bei der Awo: "Im vergangenen Jahr gab es deutlich mehr Austritte als sonst üblich", räumte ein Sprecher des Kreisverbandes ein. Die genaue Zahl liege derzeit aber noch nicht vor. "Die finanzielle und wirtschaftliche Auswirkung lässt sich noch nicht vorhersagen oder abschätzen", hieß es angesichts möglicher Rückzahlungsforderungen des Bundesverbandes oder der Stadt.

Von Sabine Schramek, Sarah Bernhard, mit lhe

Es gibt Kritik am Vorgehen Daniela Birkenfelds (CDU) bei der Awo-Affäre: Die Strafanzeige komme zu spät.

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