Keine Viertelstunde nach dem Start der 28. Johanniter-Suppenküche an Heiligabend im Kaisersack sind fast alle der rund 400 Winterjacken, die Pullover, Schals und die warmen Schuhe schon verteilt und die Kartons so gut wie leer.
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Keine Viertelstunde nach dem Start der 28. Johanniter-Suppenküche an Heiligabend im Kaisersack sind fast alle der rund 400 Winterjacken, die Pullover, Schals und die warmen Schuhe schon verteilt und die Kartons so gut wie leer.

Soziales Elend

Traurige Weihnachten im Bahnhofsviertel: Die Not hat sich gesteigert

  • VonMichelle Spillner
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Immer mehr soziales Elend: Der Ansturm auf die Johanniter-Suppenküche im Bahnhofsviertel in Frankfurt an Heiligabend lässt selbst die Helfer nicht kalt.

Frankfurt – Es ist immer viel los bei der Hilfsaktion der Johanniter-Suppenküche an Heiligabend, die es seit 28 Jahren gibt. Aber was sich in diesem Jahr dort abspielt, übertrifft die Eindrücke der Vergangenheit. Etwa 40 Johanniter-Helferinnen und -Helfer karrten heiße Suppe, Tee, Kaffee, Obst, Geschenktüten, warme Kleidung und Schuhe – alles Spenden, die sie gesammelt hatten – in den Kaisersack, das Ende der Sackgasse der Kaiserstraße im Bahnhofsviertel.

Man habe damit gerechnet, dass viele Hilfsbedürftige kommen würden, sagt Oliver Pitsch, Rettungssanitäter und Mitglied des Regionalvorstandes Rhein-Main, und erklärt: „Die Not in Frankfurt hat sich in den vergangen beiden Corona-Jahren dermaßen gesteigert.“ Aber auch, wenn ihn der Ansturm nicht unvorbereitet trifft, wirkt er doch deutlich angefasst.

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Um 11 Uhr geht es los. Vor dem Lastwagen mit fast 400 warmen Jacken und Schuhe sammelt sich eine große Menschenmenge. Die Kartons mit den Kleidungsstücken werden geöffnet. Die Verteilung beginnt. Um 11.12 Uhr sind viele Kisten leer. Manche Menschen suchen sie ab, manch einer drehte sie um, in der Hoffnung, es möge doch vielleicht noch etwas aus ihnen herausfallen, ein kleiner Schal vielleicht oder doch noch ein Pullover.

Der junge Mann in den abgelaufenen Sneakern, der um 11.32 Uhr vor den Tischen an der Lkw-Klappe steht, bekommt nur noch ein bedauerndes „Leider nein“ auf seine Frage zu hören: „Tschuldigung, habt ihr noch ein paar warme Schuhe?“ Enttäuscht bedankt er sich höflich und stellt sich wenigstens noch in der Schlange an, in der er einen Jutebeutel erhält, den er mit Zahnpasta, Duschgel, Zahnbürste, Mund-Nasen-Schutz, Vitaminpräparaten und Schokoriegeln füllen lassen kann. Basisversorgung eben. Das ist die Weihnachtstüte. Das Besondere zum Fest sind keine Extras, keine großen Freuden, sondern Dinge, die man einfach braucht - abgesehen von den Schokoriegeln vielleicht, die aber im Zweifel am Ende auch einfach nur das pure Überleben sichern können, wenn es nichts anderes zu essen gibt.

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Am Obststand legen die Johanniter-Helfer Mandarinen und Bananen in offene, bittende Hände. An einigen Stehtischen löffeln Bedürftige von den 100 Litern Kartoffelsuppe mit Rindswurst, welche die Gastronomie GmbH „Genuss & Harmonie“ gespendet hat. Vor einem Rettungsfahrzeug bildet sich eine kleine Schlange: Menschen, die sich impfen lassen wollten – ein paar von der Straße haben die Johanniter damit glücklicherweise erreicht, darunter auch ein Obdachloser aus Höchst. Bislang habe er sich nicht impfen lassen, jetzt aber, mit der Omikron-Variante, sei ihm das Ganze dann doch nicht mehr geheuer. Die Bedürftigen kommen teilweise von weit her: ein Besucher aus Idstein, ein anderer aus einem Vorort von Wiesbaden.

Die Johanniter-Suppenküche am Heiligen Abend ist eine Institution. „Bedürftige kennen den Ort, an dem sie an Heiligabend willkommen sind und Hilfe erhalten“, sagt Monika Gorny von den Johannitern. Es würden mehr Bedürftige. Da seien die Wohnsitzlosen auf der einen Seite, die zum Teil seit sehr, sehr langer Zeit ohne eigenes Dach über dem Kopf leben. Und da seien immer mehr derjenigen, die fürchten, das Dach über dem Kopf zu verlieren.

Bedürftig geworden seien in den vergangenen zwei Jahren auch Menschen, die aufgrund der Pandemie in Kurzarbeit geschickt worden sind und deren Salär nun nicht mehr zum Leben in Frankfurt reicht, sagt Oliver Pitsch. Jene, die sich in niedrigeren oder mittleren Lohnsegmenten bewegten. Pitsch lässt das nicht kalt. Die Situation werde auch für die Helfer immer herausfordernder.

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Viele schlimme Schicksale haben Pitsch und seine Kollegen in diesem Jahr erlebt, „das bringt der Job so mit sich“, sagt er. Auch im Ahrtal waren die Johanniter Rhein-Main gewesen. Es ist nicht nur die materielle Not, die Pitsch sorgenvoll sein lässt: „Die Menschen sind auch dünnhäutiger geworden, haben sich verändert. Freundschaften sind kaputtgegangen, es gibt diese Einsamkeit. Das können wir alles nicht wettmachen, aber einen kleinen Lichtblick immerhin können wir geben mit unserer Suppenküche.“

Die Johanniter ziehen ab. Und haben Bilder im Kopf. Bilder derer, denen sie helfen konnten, und jener, für die sie leider nichts mehr hatten. Und sie gehen in den eigenen Heiligabend mit dem Wissen um die Not – und mit der traurigen Gewissheit, dass die Not nicht weniger werden wird. (Michelle Spillner)

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