16.09.2020, Hessen, Frankfurt/Main: Eine junge Prostituierte aus Osteuropa wartet im Schein einer Laterne auf der Kaiserstraße im Bahnhofsviertel von Frankfurt auf Kunden.
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Bahnhofsviertel in Frankfurt: „Es macht einen großen Unterschied, ob man nachts als Frau oder Mann durchs Viertel geht“, sagt Sozialwissenschaftler Heino Stöver.

Interview

Angst, Müll, Dreck: Für wen das Bahnhofsviertel in Frankfurt besonders gefährlich ist

  • Thomas J. Schmidt
    vonThomas J. Schmidt
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Drogen, Kriminalität und Prostitution in Frankfurt: Sozialwissenschaftler Heino Stöver spricht darüber, wer im Bahnhofsviertel besonders gefährdet ist.

Frankfurt – Prof. Heino Stöver ist Sozialwissenschaftler an der Frankfurt University of Applied Science. Er hat jüngst ein Forschungsprojekt beendet, das sich unter anderem mit dem Bahnhofsviertel beschäftigt. Er und seine Studierenden haben dafür rund 200 Interviews geführt. Redakteur Thomas Schmidt hat mit Stöver über die Ergebnisse gesprochen.

Wer fühlt sich im Bahnhofsviertel eigentlich gefährdet?

Die dort wohnen, fühlen sich am wenigsten gefährdet. Am meisten fühlen sich Fremde gefährdet, die das Ambiente nicht kennen und ein subjektives Unsicherheitsempfinden erleben. Es steht im Kontrast zur wirklichen Gefährdung.

Welche Beschwerden haben die Anwohner oder die, die dort arbeiten?

Sie leiden am meisten am Ambiente. Es geht um die Vermüllung, die Verkotung, es geht um die Leerstände.

Probleme im Frankfurter Bahnhofsviertel - Drogenkriminalität und Prostitution

Wer ist denn nun im Bahnhofsviertel gefährdet?

Alle, die mit der Rauschgiftkriminalität zu tun haben. Mehr als 80 Prozent der Drogenkonsumenten haben im Schnitt vier Haftaufenthalte, also mehr als vier Jahre Hafterfahrungen auf dem Buckel. Die meisten von ihnen werden unmittelbar nach Haftentlassung rückfällig. Viele der Konsumenten werden von anderen Konsumenten bestohlen. Etwa Haftentlassene: Sie bekommen in der JVA verdientes Geld auf die Hand. 48 Stunden später ist es weg. Entweder, weil sie rückfällig geworden sind, oder weil andere es ihnen gestohlen haben. Man weiß im Viertel: Der kommt aus dem Knast, der hat ein wenig Geld in der Tasche.

Das Elend der Drogenabhängigen ist im Bahnhofsviertel in Frankfurt allgegenwärtig. Um dagegen anzugehen, bräuchte es einen Masterplan der Stadt, sagt der Sozialwissenschaftler Heino Stöver.

Was ist denn mit der Prostitution im Viertel?

Das ist ein interessanter Punkt. Es gibt ja nicht nur Drogen dort, sondern auch viele Spielhallen und Prostitution, obgleich es gelungen ist, die illegale Straßenprostitution stark zurückzudrängen. Nein, aber da kommen Männer, oft in Gruppen, sie trinken Alkohol - eine legale Droge - und sind laut und frech. Viele Anwohner, vor allem Frauen, fühlen sich durch diese Männer bedroht und belästigt. Denn sie haben, ob als Anwohnerinnen oder als Arbeitnehmerinnen, mit der Prostitution nichts zu tun. Es macht einen großen Unterschied, ob man nachts als Frau oder Mann durchs Viertel geht.

Bahnhofsviertel Frankfurt: Illegale Drogen für Eigenbedarf legalisieren

Sie sagten eben, legale Droge. Wie ist das Verhältnis von legalen und illegalen Drogen? Wie sinnvoll ist die unterschiedliche Behandlung?

Meiner Auffassung nach sollten illegale Drogen legalisiert werden für den Eigenbedarf - ähnlich wie schon beim Cannabis. Denn was machen wir? Wir verfolgen Jahr für Jahr Konsumenten, die kleine Mengen dabei haben, um ihre Entzugssymptome zu bekämpfen.

Der Frankfurter Weg soll ja nach Meinung der Stadtregierung fortgesetzt werden, bis hin zur Erlaubnis, in den Druckräumen mit kleinen Mengen zu dealen.

Ja, in Zürich und Basel wird das erlaubt. Bei uns ist es noch ein Rechtsproblem, aber so wie jetzt können wir nicht zehn Jahre weitermachen. Was bringt es, wenn die Konsumenten zum Einkaufen vor die Tür auf die Straße gehen? Junge Daten zeigen uns, dass 84 Prozent der Konsumenten Haftstrafen hinter sich haben. Sie kommen vom Bahnhofsviertel ins Gefängnis und von dort direkt wieder zurück. Es ist ein Drehtüreffekt. Diese Probleme können die Stadt und das Land nicht auf ihrer Ebene lösen. Wir brauchen liberalere Bundesgesetze.

Dann müsste man - spitz formuliert - die Polizei bekämpfen?

Nein, aber die Polizei muss sich auf den wirklich großen Drogenhandel konzentrieren. Das Angebot ist ja bislang immer da. Und die Stadt braucht intelligente Kontrollen und Abgabekonzepte. Bei Heroin und Methadon geht das ja schon. Warum nicht auch bei Kokain oder Crack?

Probleme im Bahnhofsviertel in Frankfurt: „Wir drehen uns im Kreis“

Die Repression nutzt also wenig?

Da drehen wir uns nur im Kreis, die Polizei ist ratlos, die Gerichte stellen die meisten Verfahren wegen Geringfügigkeit ein. Es würde ja auch nichts bringen, noch mehr Suchtkranke ins Gefängnis zu sperren.

Was kann man tun, um die Ballung der Probleme im Bahnhofsviertel zu lindern?

Wir brauchen weiter für Akutfälle Akutangebote wie saubere Spritzen im Viertel. Aber wir müssen immer den Brückenschlag raus machen aus dem Viertel, so dass die Ballung abnimmt. Es gibt jede Nacht einen Fahrdienst in die Notschlafstelle im Osthafen, etwa 40 Leute, ein Zehntel der Klientel, die zum Teil aus dem Umland kommt. Auch deren Heimatkommunen müssten Angebote machen.

Prof. Heino Stöver.

Probleme im Bahnhofsviertel lösen: Frankfurt braucht Masterplan mit klaren Schritten

Würde eine konsequente Gentrifizierung dem Viertel helfen?

Natürlich, die schicken Wohnungen mit den teuren Mieten, das bringt ein anderes Klientel ins Viertel, und das verdrängt im Lauf der Zeit die Drogengebraucher. Aber es gibt noch mehr Möglichkeiten. Es gibt schlicht im Moment keinen Plan und keine Vernetzung für das Bahnhofsgebiet. Alleine das Drogenreferat kann die Probleme nicht lösen, die Wohnungslosenhilfe auch nicht.

Was schlagen Sie vor?

Sie müssten sich zusammentun und gemeinsam koordiniert arbeiten. Dann braucht es den Städtebau - es braucht viele Toiletten in dem Viertel, dann hört die Verkotung auf. Es braucht nachts eine bessere Beleuchtung, und und und. Vor allem fehlt eine Zielsetzung, wie das Viertel 2025 und 2030 aussehen soll. Die Stadt braucht einen Masterplan mit klaren Schritten, Maßnahmen, Zielsetzungen, und in vier Jahren wird evaluiert, was geklappt hat und was nicht. Und wo wir 2030 stehen wollen.

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