So könnte die Europäische Schule an den Mainwasen (am oberen Mainufer) aussehen. foto: amt für bau und immobilien
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So könnte die Europäische Schule an den Mainwasen (am oberen Mainufer) aussehen.

Bedürfnis-Chaos

Frankfurter Großprojekte: Warum trotz aller Kraft nichts vorangeht

  • vonSylvia Amanda Menzdorf
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Die Frage, wer gerade was am Kaiserlei oder anderswo in der Stadt bauen möchte, ist in der Regel nicht einfach zu beantworten. Wir erklären, wer wo was will - und warum.

Frankfurt -Kaiserlei, Mainwasen, Europäische Schule, Multifunktionshalle: Bisweilen kann man den Überblick verlieren, wer aus welchen Gründen gerade wo was plant. Die Lage erscheint bisweilen unübersichtlich. Manches hat eine lange Geschichte, vieles greift ineinander, und am Ende hängt alles miteinander zusammen. Es ist die Geschichte einer Stadt, in der Baugrundstücke rar sind und im Zentrum unterschiedlicher Begehrlichkeiten ein landwirtschaftliches Areal steht: rund sechs Hektar groß, an der Stadtgrenze von Offenbach und Frankfurt gelegen und im Besitz der Frankfurter Stiftung Allgemeiner Almosenkasten.

Dort würde Bildungsdezernentin Sylvia Weber (SPD) gern den Neubau für die seit ihrer Gründung im Jahr 2002 längst viel zu klein gewordenen Europäischen Schule entstehen lassen. An deren Standort am Praunheimer Weg ist kein Platz mehr für die Bedürfnisse der dynamisch wachsenden Schülerzahl. Im Laufe der Zeit ist die Schule immer näher herangerückt an die benachbarte, Anfang der 1960-er Jahre gebaute Ernst-Reuter-Schule, die ihrerseits dringenden Sanierungs- und Erweiterungsbedarf hat.

Frankfurt: Kaiserlei als Standort-Lösung für Europäische Schule

Die Bundesrepublik, mitverantwortlich für die Europäischen Schulen, drängt seit Jahren auf eine Lösung und hat die Stadt Frankfurt jüngst mit äußerstem Nachdruck an ihre Verpflichtung erinnert, endlich eine Lösung zu finden und ein geeignetes Grundstück bereitzustellen. Es eilt also.

Bereits 2019 hat Sylvia Weber das Grundstück am Kaiserlei als Ausweichlösung ins Spiel gebracht. Die Idee war nicht neu. Olaf Cunitz (Grüne), bis 2016 Planungsdezernent, hielt den Kaiserlei als Standort-Lösung für die Europäische Schule für gut. Es kam dann doch anders.

Stadtpolitiker wünschten sich schon damals eine größeren Veranstaltungshalle für Sport, Konzerte und sonstige Großereignisse. Vor allem die Eishockey-Löwen und die Skyliners-Basketballer sollten eine attraktivere Spielstätte bekommen. Nachdem Planungen in der Nähe des Waldstadions gescheitert waren, sah man als Alternative das Grundstück am Kaiserlei. Es war der Beginn der Konkurrenzsituation Europäische Schule versus Event-Arena, die bis heute anhält.

Großprojekte in Frankfurt: 800 000 Euro in den Sand gesetzt

Als Motor der Idee der Großarena hatte sich seinerzeit Sport- und Wirtschaftsdezernent Markus Frank (CDU) hervorgetan. Er erfand wohl auch den sperrigen Begriff "Multifunktionshalle". Ende 2015 organisierte die Stadt eine europaweite Ausschreibung für deren Bau und Betrieb am Kaiserlei - mit dem bekannten, kläglichen Ausgang. Über fünf Jahre zog sich die Prozedur. Ende September 2020 saß die Stadt ohne Bieter da - und um 800 000 Euro ärmer, die sie das Verfahren gekostet hatte.

Unterdessen war für Bildungsdezernentin Weber die Lage drängend geworden. Sie musste eine Lösung finden: für die Europäische Schule, für die Ernst-Reuter-Schule. 2019, das Scheitern des Ausschreibungsverfahrens für die Multifunktionshalle zeichnete sich bereits ab, meldete sie Ansprüche für den Schulneubau auf dem Kaiserlei-Grundstück an. Die Unterstützung der Grünen schien sicher. Schließlich hatte Olaf Cunitz die ursprüngliche Idee gehabt. Für das Hallen-Projekt am Kaiserlei hatte die Grünen-Fraktion übertriebene Sympathie nie erkennen lassen.

Inzwischen hatte die CDU die Mainwasen als Standort für die Europäische Schule ins Gespräch gebracht. Geburtshelfer fürs Bauen im Grüngürtel wollten die Grünen nicht sein. Fraktionschefin Jessica Purkhardt schloss den Schulbau im sensiblen Grüngürtel kategorisch aus. Das war vor zwei Jahren.

Frankfurt: Standort Mainwasen – Vor den Baggerschaufeln liegt die Arbeit

Kompliziert macht den Standort Mainwasen nicht allein dessen landschaftliche Besonderheit. Es müsste viel verändert werden, bevor auch nur eine Baggerschaufel Erde bewegt werden könnte. Es müssten zwei Sportvereine, der SV 1894 Sachsenhausen und der VfL Germania 1894 umgesiedelt werden. Auch der Kleingärtnerverein Mainwasen direkt am Mainufer müsste Parzellen hergeben. Und schließlich müsste ein nicht unerheblicher Teil der landwirtschaftlich genutzten Flächen, auf denen unter anderem die traditionellen Grüne-Soße-Kräuter angebaut werden, wohl weichen. Betroffen wäre auch die Gerbermühlstraße, eine Bundesstraße. Sie müsste verlegt werden und würde dann von Sachsenhausen kommend bis zur Osthafenbrücke anstatt parallel zum Main weiter südlich entlang der Bahngleise verlaufen.

Mit diesem Eingriff will Baudezernent Jan Schneider (CDU) ein rund 80 000 Quadratmeter großes Areal gewinnen, auf dem der Bund als Bauherr die Europäische Schule mit vier fünfgeschossigen Gebäuden, Sporthallen, Sportplätze und einen Schulhof einrichten könnte.

Die Idee stößt nicht nur bei Anwohnern, den betroffenen Kleingärtnern und den Erwerbsgärtnern auf wenig Gegenliebe. Auch im Römer fehlt es an einhelliger Unterstützung. Die SPD-Fraktion lehnt den Eingriff in die Mainwasen ab, ebenso die FDP. Die Grünen indessen befürworten nun diese noch vor zwei Jahren als undenkbar beurteilte Maßnahme.

Großprojekte in Frankfurt: Poker um Kaiserlei und Mainwasen

Eine zügige Lösung bietet dieser Plan allerdings kaum. Dass die Europäische Schule am ihrem jetzigen Standort noch fünf bis zehn Jahre bleiben könnte, bis die vielfältigen Herausforderungen des Standorts Mainwasen bewältigt wären, bezweifeln Experten. Ob der Bund sich weiterhin gedulden und eine ausgedehnte Planungszeit hinnehmen würde, wird bislang öffentlich nicht diskutiert.

Den für den Schulbau deutlich unkomplizierteren Standort Kaiserlei hatte die SPD nach dem Scheitern des Ausschreibungsverfahrens erneut aufs Silbertablett gehoben.

Sportdezernent Frank indessen verfolgt seinen Traum von der Multifunktionshalle weiter, neuerdings gemeinsam mit dem Manager der Skyliners-Basketballer Gunnar Wöbke als Privatinvestor, als Bauherr und Betreiber. Die Halle soll künftig Stadtarena heißen und ein grünes Dach haben, auf dem Petersilie und die übrigen Kräuter der Grie Soß' gedeihen sollen. Schwere Kost für die Oberräder Erwerbsgärtner: Sie müssten, kommt die Halle an den Kaiserlei und die Europäische Schule an die Mainwasen, ihre Kräuterfelder räumen. (Sylvia Amanda Menzdorf)

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